Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 73 (14.9.1903)
- Date
- 1903-09-14
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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1633 uöe. Zeitgemälde von I. I. Krsszewski in autorisirter Uebertraguna. 43} -Nein! Aber ich verachte sie!" fuhr Jakob fort. -Was soll mir dies, wenn ich ihn nicht liebe?!" flüsterte Tilda. Jakob ging nachdenklich auf und ab. Plötzlich Llieb er stehen, blickte sie an und sprach: „Verzeihe mir! Sei mir nicht böse. Aber ich habe einen tollen Gedanken!" „So sprich ihn aus! Vielleicht kann ich ihn verzeihen!" „Dieser tolle Gedanke ist: Latz Dich von ihm scheiden!" Tilda erröthete, stieß ihn leicht von sich und sprach: „Nein! O nein! Dies Restchen Leben, dies vertrocknete Herz und diese schmerzzerrissene Seele kann ich dem nicht geben, den ich ewig und allein geliebt von ganzem Herzen und mit ganzer Seele! Nein! Dieser Gedanke ist wirklich toll und sündhaft dabei! Wir haben nicht das Recht, uns ein Glück zu erzwingen durch einen Skandal. Auf Befehl würde dies Glück auch nicht kommen! Können wir heute, so wie wir miteinander stehen, nicht auch schon glücklich sein? Was brauchen wir mehr, als das, was uns schon erlaubt ist, als einen Blick, ein Gespräch, einen Druck der Hand und das Denken an einander?! Wer weiß, vielleicht würden wir, sobald wir uns noch näher getreten. entzaubert und verstimmt. Sollen wir diese unsere so kindlich reine Liebe aufgeben, um sie in ein so alltägliches, kühles, ich möchte sagen amtliches Verhältniß zu verwandeln? Wer konnte Dir solch' einen Gedanken eingeben?" „Der Schmerz und die Sehnsucht!" sprach Jakob. „O nein! Erkaufen wir nicht einen Traum mit der schmerzlichen, aber doch erträglichen Wirklichkeit! Ich selbst bin diejenige schon nicht mehr, die Dich einst geliebt! Ich bin ein Weib, befleckt von fremder Umarmung, gedemüthigt und verwelkt! Dir gebührt ein anderes Glück!" Sie sprach dies erröthend und zitternd. „Nein! O nein! Jakob," fuhr sie fort. „Wenn Du mich liebst, sprich kein Wort mehr davon! Führe mich nicht mehr in Versuchung und vergifte nicht den letzten Rest meines Friedens, indem Du mir die Unmöglichkeit als möglich vorspiegelst!" „Tilda, was Du für unmöglich hältst, ist in jeder Hinsicht möglich! Was fesselt Dich an dieses Haus? Du hast keine Kinder, Du selbst sagst, daß Du Heinrich gleichgültig bist! Und Du weißt, was er Dir ist!" „Mach'mich nicht erröthen, Jakob!" sagte sie leise. „Ich fühle, daß ein Weib nur einmal im Leben Einem gehören kann! Welch' ein Loos, ob ein böses oder ein gutes das Schicksal ihr bestimmt hat, sie muß es ertragen und darf sich nicht verzweifelt ihm entziehen! Zu spät ist es für mich! Du hast die Welt vor Dir, ich nur — das Grab! In mir ist das Leben ausgebrannt, erschlafft und dem Ende nahe. Ich will nicht, daß seine letzten Funken die Thränen um ein kaum gekostetes Glück auslöschen. Lieber will ich mit der Würde meines Leids sterben als ein Opfer, traurig und rein, denn als eine — Rasende!" Jakob vermochte schon nicht mehr zu antworten. So war er in Gedanken versunken. Dann flüsterte er: „Ich glaubte. Du liebtest ebenso mich, wie ich Dich liebe!" „Mehr noch!" erwiderte Tilda, und erhob zu ihm die Augen, welche förmlich einen Glanz annahmen. „Denn ich fühle die Kraft, mich für Dein Glück zu opfern. Du weißt nicht, welche Unruhe schon die Versuchung eines glücklichen Augenblicks für uns in mir erregt. Ich kann ihr raum widerstehen. Dieser Gedanke verfolgte mich gar oft schon, wie ein Gespenst. Ich scheuchte ihn stets zurück und thue dies auch heute. Erbarme Dich meiner! Ich bin schwach, aber ich würde weinen, wenn Du, der Stärkere, mich dazu zwängest, was mich in den eigenen Augen demüthigt!" „Aber dieser Mensch ist Deiner nicht würdig!" rief Jakob. „Ob er würdig ist oder nicht — ich bin ihm angetraut!" „Wenn er aber — was sehr leicht sein kann — selbst eine Scheidung verlangt?" fragte Jakob. „Wenn er Dich dazu zwänge?" „Hast Du irgend einen Grund, dies anzunehmen?" fragte sie gesenkten Hauptes. „Nein!" „So schweige! Denn selbst wenn er mich verstößt, werde ich nicht die Deine!" „Das ist mir unbegreiflich, Tilda! Das ist Wahnsinn!"— „Das ist die grausame Liebe einer Frau, welche zu lieben versteht, nicht für sich, nicht aus Leidenschaft,