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Der Israelit · 1903-09-14 · Heft 73 (14.9.1903) · page 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 73 (14.9.1903)
Date
1903-09-14
Page
– (sequence 20)
Language
German
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sondern mit ganzer Seele! Reichte ich Dir meine , Hand, so gäbe ich Dir den Platz neben mir, den Er eingenommen. E r, diesem ...! Du bist mir etwas Größeres!"' „Seien wir Menschen!" unterbrach sie Jakob. „Nein! Seien wir es nicht!" antwortete Tilda. „Tie Menschen sind schlecht, schwach, lächerlich, verdeht! Seien wir etwas Befferes, als gewöhnliche Menschen! Werden wir Ideale!" „Für Dich ist dies möglich! Für mich leider nicht!" „Still also? Kein Wort mehr! Ich bin nur allzu aufrichtig!" fügte Tilda hinzu, mit rlammender Röthe im Antlitz. „Ich begreife sehr wohl die momentane Leidenschaft und den Fall, nicht aber die kalt berechnete Profanation einer Frau. Haben zwei Männer ihr Herz schon beseffen, so steht es allen Nebrigen offen, wie ein Gasthaus: Einem nur bis in den Tod!" „So bliebe Er der Eine!" „Nein! Du! Nur Du!" rief^sie voll Eifer. „Er aber nahm nur diesen Körper, der zerfällt! Dir gehört die-Seele, die lebt! Sage mir," fuhr sie mit einem Seufzer fort, „glaubst Du an die Unsterblichkeit der Seele, an ein Leben jenseits des Grabes?" „Ich glaube fest daran!" antwortete Jakob. „Sollte der Mensch mehr träumen, als Gott erfüllen kann? .Kann dieser in das Herz geflößte Durst nach; Unsterblichkeit, dies Vorgefühl, dies Vedürfniß derselben nur ein trügerisches Traumbild, nur ein Hohn sein? Wir kennen nicht einmal die Bedingungen dieses Lebens. Der Mensch' träumt, er werde ebenso erwachen, wie er die Augen schloß. Ich weiß es nicht, aber ich fühle es, daß für die Seele das, was sie sich erwarb durch Tugend. Lehre und Schmerz, nicht verloren sein kann! Es gibt eine andere Welt, ein anderes Leben!" „Du wirst mich beruhigen! Ich schmachte nach Glauben. Aber vergebens suche ich ihn in den Büchern. Da sagt der kühle Verstand mir zu guter letzt: Ich weiß nichts!" „Ja! Aber im Herzen vernimmt der Mensch eine Stimme, die ihn aufrecht hält und beruhigt!" „Ungewißheit! Ueberall diese schreckliche Ungewißheit!" sagte sie, unruhig auf- und abgehend. „Tugend. Verdienst, Wissenschaft und sogar der Verstand sind nur schwache Spinngewebe, die der erste beste Windhauch zerreißt! Ach! Und mit diesem verzweifelten Nichts im Herzen soll man sterben!" „Davor schützt uns schon der Glaube an Gott!" unterbrach sie Jakob. „Gott kann nicht so ungerecht sein! Er kann uns kein Verlangen eingeben, welches nicht befriedigt werden soll! Wer an Sein Gesetz glaubt, darf nicht verzagen, sondern muß auf Ihn bauen und das thun, was Er befahl!" „Wo aber ist denn diese göttliche Stimme?" fragte Tilda. „In diesen Büchern?! Für die Einen sind sie Offenbarung, göttliches Gesetz, für die Andern nur (Äcinnerungen und Ueberresie! Alles wird umgeltotzen, leer, kalt und grausig!" Die Aermste zitterte und bebte, als schwebe das Gespenst des Todes mit der Nichtigkeit auf den Armen an ihr vorüber. Dann schritt sie, ohne ein Wort zu sagen, zum Fortepiano und spielte eine jener thränenreichen. sehnsuchtsbangen. wehmüthigen und geheimnißvollen Phantasien von Chopin. Jakob lehnte sich an das Instrument und lauschte, als ihm Jemand auf den Arm klopfte. Tilda schrie vor Schreck auf. Der Traum war unterbrochen, die Wirklichkeit .zurückgekehrt. Heinrich stand vor ihnen, die Cigarre im Munde, und gähnte vor Ermattung. „Sieh da! Haben Sie auch einmal an uns gedacht?" redete er Jakob an. „Wie lange haben wir uns nicht gesehen? Was hört man Neues!? Tilda! Latz uns Thee bringen. Ich habe noch keinen getrunken heute. Wie spät ist es? Neun Uhr! Um Zehn muß ich im Schlosse sein. Kaum hat man noch Zeit, sich umzukleiden und heißen Thee zu trinken. Denn auf den im Schlosse, obschon er russisch, darf man sich nicht verlassen. Man gibt geradezu Spülicht in goldenen Tassen, und zwar derartig, daß die Lakaien ..." Gähnend schwenkte er die Hand und fuhr fort: „Aber wir konntet Ihr so lange in dieser Kälte sitzen? Jst's doch, als ob in diesem Zimmer ein Reif gefallen ist!" „Ich empfand nichts von dieser Kälte!" „So erwärmte Dich wohl die Musik?" erwiderte Heinrich lachend. ..A propos! Hörten Sie schon unsere Musa die Phantasie von Liszt spielen? 0'68t stnpefiant!" „Musa spielt Alles wunderschön! Nur obne jedes Gefühl!" „Aber mit Feuer! Gottlos! Lasterhaft! Mit Verve! Ah!" Tilda hatte sich entfernt. Heinrich sah nach der Uhr. „Mich langweilt nur die weiße Kravatte. Im Uebrigen ist im Schlosse die beste Gesellschaft. Und der Statthalter ist der höflichste Mann auf der Welt." Er warf sich auf einen Sessel. Jakob griff nach dem Hute und rief: „Ich will nicht stören! Gute Rächt!" Gute Nacht!" (Fortsetzung folgt.) Verantwortlicke vicdaction: VScar Lehmann in Mainz. — Expedition des „JSraelit". Schatrstcage Nr- 2. Mainz. Druck und Verlag der $ 06. Wtctd'lcken Hofduckdruckerei Nktien-Gelellsckaft in Main».

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