Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 73 (14.9.1903)
- Date
- 1903-09-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Holland. Amsterdam, 7. Sept. (Ein offener Brief an Herrn von Plehwe.) Das „Allgem. Handelsblad" (Amsterdam) bringt unter dem 28. August folgenden offenen Brief an den russischen Minister des Innern, der in der Uebersehung folgendermaßen lautet: „Nachdem ich die Antwort gelesen hatte, die Herr von Plewhe einer Deputation von Glaubensgenossen gab, die gekommen waren, um feinen Schuh zu erbitten, fühlte ich mich gezwungen einen Protest hiergegen einzulcgen und eine richtige Darstellung zu geben, um so mehr, als ich einmal Gelegenheit hatte, mit Herrn v. Plehwe persönlich zu sprechen. Damals hatte v. Plehwe nichts anderes als Lob für meine russischen Glaubensgenossen, wie es weiter unten gezeigt werden wird. „Welches Glück ist es für das jüdische Volk, wenn ein Mann, wie Sie. an die Regierung gekommen sein werden!" Und nun! Beißender Spott, Ironie, Bedrückungen und in Angst versehen, das war alles, was er für die Deputation übrig batte. Die Juden sollen daran schuld sein, daß der Sozialismus solche große Ansprüche unter den arbeitenden Klassen großgezogen ha!? „Der Jude hat's gethan, der Jude wird verbrannt!" Druck und Unzufriedenheit bringen die Revolution hervor. Das unterdrückte Volk bricht seine Kesseln und Dämme und wirft sich auf seine Peiniger. Was ist natürlicher, als daß der vom Trunk erschlaffte russische Arbeiter uyd Bauer, wenn er einmal durch im Trüben fischende Demagogen aufgeheht ist, sich an anderer Leute Leben und Gut vergreift und nach Zerstörung dürftet? Wohl ist es wahr, daß die Lebre von Marx und Lassalle viele Anhänger gefunden bat unter den jüd. Fabrikarbeitern u. a. in Lodz, Czenstochau u. s. w. Aber ist das zu verwundern? Der jüdisch: Proletarier leidet unter einem dovvelten Drucke, dem ökonomischen und dem staatsrechtlichen. Und trotzdem hält er sich streng neutral, wenn der mindeste Aufstand oder eine Zusammenrottung vor sich geht. In Lod^. Warschau und Kiew besteben jüdische Arbeitervereinigungen, die den Namen „Achdus" tragen und die Verbesserung des Looses ihrer Mitglieder bezwecken. Diese Vereinigungen atbmen einen sozialistischen Geist und halten ihre Versammlungen streng geheim ab. aus einer leicht begreiflichen Furcht vor der Polizei, die mitleidslos gegen ieden vor geht, von dem es fest steht, daß er zu den „Achdus" gehört. Der russische,.Achdus"-Mann macht keine Propaganda unter den christlichen Arbeitern, aus zweierlei Gründen. Zum ersten ist der Russe von Natur aus ein arger Judenfeind und abgesondert von seinen jüdischen Kollegen in jeder gesellschaftlichen Stellung: und zum zweiten ist der Jude verständig genug, um sich nicht der Gefahr, verrathen zu werden, auszusehen, indem er sich dem Nichtjuden gegenüber als Sozialist ausgibt. Denn dies Verrathen spielt in Rußland eine große Rolle, und es passirt mehr als einmal, daß die Polizei einzig auf einen anonymen Brief in die Wohnung irgend eines Verdächtigen einbricht, ihn auf der Stelle verhaftet und den Unglücklichen ohne Angabe von Gründen tagelang in dieser Lage verharren läßt, ehe sie ihm das zur Last gelegte Verbrechen mittheilt. Der Sozialismus unter den Juden von Rußland ist eine friedsame Aeußerung von dem nach Freiheit schmachtenden, bedrückten Menschen. Es ist nichts anderes, als ein süßer Traum einer Meidung alles Unglücks. Hierdurch, Herr von Plehwe, ist Ihre Beschuldigung, als sollten die Juden die Unzufriedenheit gegen die Herrschaft nach Rußland hereingebracht haben, jeder Begründung bar. Darum ersuche ich Sie, sich der Worte zu erinnern, die Sie einst in Moskau zu mir gesprochen haben (April 1890) und sich nicht durch verkehrte, betrügerische Rathqeber und Berichterstatter 'irrefübren zu lassen. Streben Sie danach, seiner edlen Majestät, dem Kaiser von Rußland, mehr Freiheit für seine jüdischen Untertbanen abzugewiunen. Nehmen Sie sich England nnb Amerika zum Vorbild. J.br ergebener A. Lack, aus Dubossary bei Kischinew. England. - London, 2. Sept. Der vor einiger Zeit von der englischen Regierung im Unterhause in Aussicht gestellte Bericht des englischen Konsuls in Odessa über das Juden-Massaere in Kischinew, ist numehr den beiden Häusern des Parlaments in der Form eines Blaubnches zugestellt worden. Der vom Generalkonsul eingeliefcrte Bericht rührt nicht von diesem selbst, sondern von dem Vieekonsul Bosamquet her, welcher persönlich an Ort und Stelle Erkundigungen eingezogen und, wie er hervorhebt, bei allen Personen, mit denen er in Kischinew in Berührung kam. vom Gouverneur und Staatsanwalt bis herab aus zahlreiche Private liebenswürdigstes Entgegenkommen gefunden hat. Es handelt sich somit, wie die hiesigen Tageszeitungen mit Recht hervorheben, um einen unter Mitwirkung der russischen Behörden zu Stande gekommenen amtlichen Bericht, der deßhalb keinesfalls in judenfreundlichem Sinne gefärbt ist. Dadurch erhalten die Feststellungen über die Vorkommnisse selbst und namentlich das Urtheil über das Verhalten der Beamtenschaft erhöhtes Gewicht. Die ersteren sind zur Genüge bekannt; betr. des letzteren Punktes heißt es in dem Bericht: ..Die Behörden haben wenig zur Unterdrückung von Unruhen gethan, resp. begnügten sie sich mit der Festnahme von wenigen verhältnißmäßig ziemlich harmlosen Missethätern. Der Gouverneur verblieb die ganze Zeit über in seinem Palais, von wo aus er per