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Der Israelit · 1903-09-14 · Heft 73 (14.9.1903) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 73 (14.9.1903)
Date
1903-09-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1618 kam. und geht arm ab. Dann heißt es. daß die Frau des Vicegouverneurs eine getaufte Jüdin ist. Das ist eine Lüge; ste ist eine echte Russin. Weiter las ich noch, daß viele Christen bei der Judenprügelei erschlagen worden sind. Das ist auch nicht wahr; ich persönlich sah zwei erschlagene Frauen, aber bis heute kann man nicht sagen, ob sie von Juden oder Christen erschlagen worden sind, denn die Christen steinigten Alles, was ihnen in den Weg kam. Verwundete Christen gab es sehr viele, aber Alles war so betrunken und dem Wahnsinn nahe, daß Niemand sagen kann, wer ihnen die Wunden beigebracht hat. Daß viele Juden erschlagen, gegunlt und verwundet wurden, ist Thatsache; wir waren in diesem Augenblick keine Christen, sondern nur Barbaren, und Barbaren erster Klasse. Ich schämte miL. ein Christ zu sein, obwohl ick, keinen Antheil an der Judenprügelei genommen habe. Im Gegentheil, als freiwilliger Feuerwehrmann hatte ich genug zu thun. die angezündeten Judenhäuser zu löschen. Aber ich sckäme mich der Christen, die noch heute mit größtem Vergnügen erzählen, wie die Zähne aus dem Judenmunde heraussprangen. Der Handel ist hier in Judrr-händen. Wer verbietet uns aber, den Handel selbst zu betreiben? Die Deutschen machen ja hier ebenfalls brillante Geschäfte. Wir Christen ärgern uns. wenn wir einen kleinen Judcnjungen sehen, der schon perfekt lesen und schreiben kann, während unsere Kinder noch kaum vernünftig sprechen können. Und auf diese Art entsteht der Judenhaß. Wir Christen meinen, der jüdische Kaufmann schwindelt, man muß bei if~ doppelt zahlen, ich bin sehr oft bei christlichen Kaufl-iuten hineingefallen. Man muß eben nicht dumm sein. Die Juden, sagte man. betreiben Wuchergeschäfte; bei uns betreiben dieses Geschäft musterhaft auch die Christen. Viele Juden ziehen nach Amerika, denn Kischinew hat wenigstens auf zehn Jabre seinen Wohlstand verloren. Die Juden brachten die Stadt sehr ew.por, bauten schöne Häuser, die Geschäfte gingen gut. und Juden und Christen lebten gut. Jetzt ist Alles vorbei. Die Stadt ist in voller Trauer, alle Gesichter sind traurig, die Taschen sind leer, kein Theater wird besucht, die Restaurationen sind ganz leer, und wir Christen sind jetzt wieder auf die Juden wüthend, weil sie uns Christen durch ihre Trauer zu Bettlern machen. Auch können wir ihnen nicht verzeihen, daß . sie so schnell auf die Beine gebracht wurden durch die Geldsendungen. die von aller Welt hierher kamen. Ein Christ meinte: ..Wir hauten die Juden, und sie schrieen . so laut, daß man es bis nach Amerika hörte." denn zehn Tage nach dem Vlutbade kam schon von dort Hilfe. Ungarn. Naghoarad (Großwardein). Einen schweren Verlust sollte uns das abschließende Jahr noch bringen. Sonntag Früh nahm der Allmächtige einen seiner Getreuen, Herrn Antal Berger s. A.npvz J1.V33 zu sich. Ein schweres Leiden hatte ihn zu einem Dulder gemacht, der, wie ein echter Jehudi. die ihm auferlegten nnnrr bv ptd* geduldig, standhaft und mit liebenswürdiger bescheidener Rücksichtnahme aus die Seinen trug, gehegt und gepflegt von seiner guten, frommen Frau. Nur auf wenig über 38 Jahre hat er seine Erdentage gebracht, aber nrp v' er gehört zu denen, die in kurzer Zeit sich vielen iro erworben haben, dessen Ziel und Streben war, nur seinem Gotte zu dienen, und er war auch ernst bemüht, in seiner bescheidenen Weise nach Kräften für die Erhaltung der Emunah und für die Pflege der Thora zu wirken. Kein Tag ging vorüber, an dem er nicht einige Stunden dem Studium der heil. Thora gewidmet hätte. Nur durch einen ungemein wichtigen Grund gestattete er sich von dem allabendlichen Schiur der hiesigen Schaßchevrah fernzubleiben. Hochgeachtet in allen Kreisen, mit denen er zusammenkam, wegen seines lauteren Charakters und seiner echten Zidkuß, wegen seines menschenfreundlichen Wesens, seiner angeborenen, weichherzigen Wohlthätigkeit, war er ein zärtlich liebender Gatte und Vater. Wie sehr man ihn geliebt und geehrt, konnte man bei seiner Beerdigung erkennen. Hunderte und Hunderte eilten herbei, um ihm die letzte Ehre erweisen zu können. Die verdiente Würdigung seiner edlen Eigenschaften fand denn auch ergreifenden Ausdruck in den Hespedim, die über ihn gehalten wurden. Unser hochgeehrter Herr Oberrabbiner M. F u ch s gab ein treues Lebensbild des Verblichenen, schilderte dessen Charakter, die Eigenschaften, die ihn als Mensch und Jehudi, als Talmudgelebrter, als Gatte und Familienvater zierten. Als zum Schluß seiner inhaltsreichen Rede unser Herr Oberrabbiner dem scheidenden ans das letzte Lebewohl zurief, blieb kein Auge trocken. Heraus ergriff Herr Oberrabbiner B l u m aus B.-Ujfalu, ein Lehrer des Verstorbenen, das Wort, um der allgemeinen Trauer und Wehmuth ob des Heim- . ganges dieses gelehrten und würdigen Schülers Ausdruck zu verleihen. Nachher nahm von ihm sein Schwager. Herr Ober-Rabbiner Fried aus B.-Ugvares, in thränenerstickten Worten Abschied. Zuletzt sprach noch Herr Qberrabbiner Csillag aus Földes, auch ein Lehrer des Verstorbenen, rührende Worte der allgemeinen Trauer über das so frühe und unerwartete Hinscheiden des hochverdienten Mannes und den damit entstandenen Verlust für die Familie, für die Gemeinde und deren hervorragenden Wohlthätigkeitsanstalten Ausdruck gebend. Auch diese Reden waren von tiefem Eindrücke. auf die zahlreiche Trauerversammlung begleitet. Möge Gott die schwer geprüfte Gattin und die Hinterbliebenen Kinder trösten und unsere Gemeinde fernerhin beschützen. M—s U—en.

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