Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 72 (10.9.1903)
- Date
- 1903-09-10
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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zelnen Glieder von wenigen Gemeinschaften unseres deutschen Vaterlandes überragt wird. Eine ankennenswerthe Zahl bedeutender Firmen hält am Sabbat streng geschloffen, und von den in kleinen Verhältnissen Lebenden, die mit unsäglicher Muhe nur des Lebens Nothdurft sich erkämpfen, ist eine nach Hunderten zählende Schaar, die mit seltener Aufopferung und Hingabe am gottgebotenen Ruhetag festhält. Jeder, der noch Herz und Sinn für unsere heiligsten Güter sich bewahrt hat, muß eine tiefe, aufrichtige Freude empfinden, wenn ihn sein Weg zufällig am Sabbat während der Kleinmesse an den zahlreichen Läden vorbeifllhrt und er bei so mancher des Sabbats halber geschlossenen Verkaufsstelle den unvergleichlichen jüdischen Idealismus zu bewundern Gelegenheit hat. Der Staat setzt während der Meßzeit, um das Geschäft nicht zu stören, die Sonntagsruhe und alle die freie Bewegung im gewerblichen Verkehr hemmenden Vorschriften außer Kraft; der Jude aber, dem man oft genug zum Vorwurf macht, er sei für Geld zu allem zu haben, achtet mit Drangabe seines spärlich bemessenen Pfennigs des unsichtbaren Gesetzgebers über den Wolken und wahrt sich seinen Schabbos, sollte er auch materiell daran zu Grunde gehen. Es wird dies leider von der das Prädikat der Toleranz sonst so durchaus für sich in Anspruch nehmenden, reformistisch gesinnten, dominirenden Partei der hiesigen Gemeinde lange nicht so anerkannt. wie von manchem Nichtjuden. Schreiber dieses hörte von einer hochstehenden christlichen Dame, die ihrer frommen jüdischen Freundin wiederholt versicherte. «glaube mir, ich gehe häufig am Samstag durch die Messe, dann merke ich mir die geschlossenen Buden Deiner Glaubensgenossen, bei denen mache ich am anderen Tage meine Einkäufe, das müssen reelle und ehrenhafte Menschen sein, die, um gegen ein sittliches Prinzip nicht zu verstoßen, den Verdienst eines ganzen Tages opfern/ Nur in einem Punkte sah es bis vor drei Jahren hier traurig aus. Für den Jugendunterricht war nicht in ausreichender Weise gesorgt. Biblische und jüdische Geschichte waren der ganze Katechismus der jüdischen Kinder. Sie wuchsen heran, ohne von der in der Thora und den Mizwaus geoffenbarten Ethik des geschichtlichen Judenthums auch nur eine blasse Ahnung zu haben. Es ward dadurch die traurige Erscheinung gezeitigt. über welche unser gewaltiger Samson Raphael Hirsch s. A. in so ergreifenden Worten klagt: .«Es blutet und empört sich das Herz ob solcher Erinnerungen. Ich habe feine gebildete Söhne gesehen, die ihrem Vater, ihrem frommen Vater, in dessen eigenem Wohnzimmer, die Cigarre am Sabbat in's Gesicht dampften. Ich habe Vorstände gesehen, die die bei einem Straßenbau ausgegrabenen Gebeine ihrer Voreltern lieber auf den Schuttanger fahren lassen wollten, um nur nicht einer, wie sie meinten, alten jüdischen Regung Vorschub zu leistend Ich habe — das Räthselhafte gesehen und vermag nur das Eine zu sagen: Die Edleren, die Besseren unter den dem Judenthum Entfremdeten würden, müßten über sich selbst erschrecken, wenn sie sich einmal zum Bewußtsein brächten. wohin diese Entfremdung geführt. Sie würden erschrecken über eine Richtung, die im Stande ist, die edelsten, heiligsten Gefühle in der Menschenürust zu ersticken; sie würden erschrecken über eine «Weisheit/ die das Auge blind macht gegen den Gram des Vaters, die das Ohr taub macht gegen den Seufzer der Mutter, die das Gemüth starr macht gegen die mahnende Bitte, welche das Andenken Heimgegangener Väter und Mütter über ihren Grabeshügeln schweben läßt; die die Stimmen der Menschlichkeit und der Pietät zu unterdrücken vermag und das Herz mit einem kalten Fanatismus zu erfüllen weiß, in welchem alle edleren Keime des Göttlich-Menschlichen ersterben/ Auch in Leipzig belächelten Kinder religiöser Eltern die Sancta simplicitas des Vaters und der Mutter. Da trat eine Anzahl von opferbereiten Männern, überzeugt, daß der Abfall von der Religion nur auf mangelhafter Kenntniß derselben beruhe, zusammen und gründete zur Verbreitung jüdischen Wissens bei Großen und Kleinen den Talmud-Thora- Verein. Die Wahrung dieser hohen Aufgabe vertraute der junge Verein einem Sohne des Lübecker Rabbiners, Herrn Rabb. Dr. Ephraim Carlebach an. unter dessen eifriger und mühevoller Leitung der Verein eine große, von 200 Kindern frequentirte Religionsschule errichtet, die Rechte einer juristischen Person erworben und jetzt eine große, 700 Plätze fassende, herrliche Synagoge erbaut hat. in welche die erwähnte, altehrwürdige Brodyer Synagoge hineinverlegt wird. An den kommenden hohen Feiertagen wird, s. G. w.. zum ersten Male in der neuen Synagoge gebetet werden. E... m. Zeiturrgörrckchrichlen und Korrespondenzen. Deutschland. Memel, 4. Sept. Das war mal ein Freudenfest, wie wir ein solches seit Jahren hier nicht erlebt haben. Am vergangenen Sabbat Abend beendigte unser Talmud-Verein «Gemoro Chewrah" seine Talmudvorlesungen nach vollem siebenjährigem Zeiträume, und es galt, dieses «große Beschlußfest". Sium hagadaul, würdig zu begehen, zumal dieses Fest nun zum fünften Male gefeiert werden sollte, feit Begründung des Vereins durch den unvergeßlichen Rabbi Israel Lipkin S a l a n t seligen Andenkens. Seit Monaten wurden a