Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 72 (10.9.1903)
- Date
- 1903-09-10
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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44. Jahrgang. «* Von der Leipziger Messe. Leipzig, Anfang September. Unsere Stadt steht im Zeichen des Verkehrs. Die zahlreichen Hotels find von Fremden so überfüllt, daß viele der Besucher in Privathäusern Unterkunft erbitten müssen. Zufällig fallen in diesem Jahre zwei für das Sachsenland bedeutungsvolle Ereignisse zusammen, das Kaisermanöver, welches in der Gegend des seit 1813 so berühmten Schlachtfeldes abgehalten werden soll, und die Herbstmesse, welche alljährlich Vertreter fast sämmtlicher bedeutender Industriellen der deutschen und außerdeutschen Staaten in Leipzig zusammenführt. - Wenn es gerade diejenige Zeit ist, in welcher das. Ellul-Schaufor mit der Hindeutung auf das seinem Ende sich entgegenneigende jüdische Jahr die Gedanken des empfindenden Juden vom weltlichen Hasten und Treiben ablenken und sie seinen geistigen, ideellen Gütern zuführen soll,.die in unserer Stadt uns den Handel und die Industrie in ihrer imponirendsten, weltbeherrschenden Gestalt zeigt, so wird man wohl die Berechtigung der Frage anerkennen, wie es denn mit der Wahrung unserer heiligsten Schätze steht, inmitten dieser rastlos Genuß erjagenden Welt, in welcher wohl die Glieder des Jakobstammes am zahlreichsten vertreten sind und den bedeutendsten Rang einnehmen: Jst's nur der Gott des Handels, dem hier gehuldigt wird, oder erinnern sich die Meßbesucher trotz ihrer knappen + f IVWIll deßhalö so kostbar ist, wer! sie i» Geld sich umsetzen läßt, noch dessen, daß sie Juden sind? Eine kurze, kulturhistorische Skizze, die die Beantwortung dieser Frage zum Gegenstand hat, dürfte umsomehr von Interesse sein, als uns in Leipzig Verhältnisse entgegentreten, wie sie wohl keine zweite deutsche Stadt in auch nur annähernd ähnlicher Weise bietet. Schon lange Zeit, ehe Sachsen seine Thore den Juden geöffnet, wurde die Messe von zahlreichen Glaubensgenossen besucht. Bei der bekannten Kostspieligkeit und Beschwerlichkeit der Reisen in früheren Zeiten konnten nur bedeutende Häuser ihre Vertreter von außerhalb nach Leipzig zur Messe senden. Es waren also die größten Firmen, deren Chefs aus Nischni- Nowgorod, Warschau, Lodz, oder Krakau, Lemberg, Vrody einen Theil des Jahres in Leipzig verbrachten. Die meisten von ihnen waren von jener echten, ungeschminkten Frömmigkeit erfüllt, die unsere Alten in so reichem Maße auszeichnete. Das gemeinsame religiöse Bedürfniß führte denn auch bald zum Zusammen- schluß der trotz ihrer Verschiedenheit so gleichartigen Elemente, es entstand, wenn auch ohne die äußeren : Attribute einer Körperschaft, eine „internationale jü- - dische Meßgemeinde," die den Erfordernissen des Re^ ligionsgesetzes in bester und würdigstet Weise Rech- - nung trug. Eine Restauration, deren rituelle Zuver- - lässigkeit außer allem Zweifel stand, ward eingerichtet, für alle etwa entstehenden religiösen Fragen mbrw ward - ein f'i aus Berlin für die Zeit der Messe besoldet. Nur in der Frage des gemeinsamen Gottesdienstes ließ sich eine vollständige Uebereinstimmung nicht erzielen. Es waren die Einen von Hause aus an den sephardischen Ritus, andere an die aschkenasische Gebetweise gewöhnt, und da alle gern ihre Gebete in gewohnter - Weise verrichten wollten, entstanden eine Anzahl von ' Gottesdiensten, die in dazu gemietheten Räumen abge- - halten wurden. All diese Betlokale sind bis heute erhalten geblieben, und führen den Namen der Städte, -- aus denen ihre einstigen Gründer stammten. Als die . vornehmste von allen galt von jeher die Brodyer Syna- ' goge, welche auch an Größe (sie faßt etwa 300 Plätze) ' die anderen bei weitem überragt. Dort betete die Elite '; der ausländischen Glaubensgenossen. An der Mts-— rachwand der Synagoge standen Platz an Platz die ' reichsten Kaufherren, deren Frömmigkeit und religiöse Gelehrsamkeit ebenso groß war, wie ihr kaufmännischer ' Ruf. Es waren dies Männer, die in den Nachtstunden, ■ wo das Geschäft ruhte, das nachholten, was sie am Tage an Thorastudium zu versäumen gezwungen waren. - Einer dieser ständigen Meßbesucher war auch der später so berühmt gewordene Rabbiner Rabbi Schimon Hur- ' > witz s. A. Die hohe ialmudische Gelehrsamkeit, die den noch jungen Kaufmann auszeichnete, führte dazu,' daß. man ihm schön damals alle religiösen Streitfragen vortrug, deren Entscheidung er aus Gefälligkeit übernahm, bis er sich, dem Drängen seiner Leipziger Ver^ ehrer nachgebend, entschloß, der Berufung als Nab- - ' biner Folge zu leisten. - - Als später auch in SachfeU die Emanzipationder Juden zum Gesetz erhoben ward, wurden die meisten - * von denen, die früher nur die Messe nach Leipzig zog, - dauernd hier ansässig. Viele widerstanden den Verlockungen nicht und legten in der neuen Heimath die : alte Frömmigkeit und Gottesfurcht ab. Aber—— gottlob, bei weitem nicht alle. Es blieb immer noch eine respektable Anzahl der'ererbten Religion in ihrer ur- ' sprünglichen, unverfälschten, historischen Gestalt treu; - so daß, als Rabbi-Schimon Hurwitz s. A. die AUgrn zum ewigen Schlummer schloß, er eine Gemeinde zurückließ, die in ihren religiösen Institutionen und in Bezug auf die Glaubens- und Gesetzestreue ihrer ein-- >