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Der Israelit · 1903-09-10 · Heft 72 (10.9.1903) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 72 (10.9.1903)
Date
1903-09-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Ideen finden, so ist aus einer finnigen Bemerkung des Midrasch, der aus der Begrifssanalogie schließt, daß das Gebot der Erstlinge Grundlage und Zweck der Weltschöpfung war, zur Genüge ersichtlich, welcher Kern in dieser Mizwoh verborgen sein muß. Der so sonderbar klingende Ausspruch unserer Weisen wird uns verständlich, wenn wir uns den Gottcsbegriff und die Lebensanschauung längst entschwundener Zeiten vergegenwärtigen und denselben die Denk- und Empfindungsweife unserer Ahnen gegenüberstellen. Vor Jahrtausenden, als der krasse Unglaube und die materialistische Anschauung, die Welt wär? von Ewigkeit her, und alle Wesen seien ein Spiel des blinden Zufalles, alle Völker der Erde beherrschte, in einer Zeit, wo der Glaube an das Dasein eines Herrschers, dem Alles dienstbar ist, ganz unbekannt war, und die Menschen kein höheres Ziel kannten, als Freude und Genuß, bekundeten unsere Vorfahren ihre unerschütterliche Glaubenstreue an einen Schöpfer und an eine allwaltende Vorsehung, die Alles mit weiser Umsicht leitet. Von der Ueberzeugung durchdrungen, daß die Welt Gottes Werk sei, durchströmte ihre Weltvorstellung und Lebensgestaltung der Gedanke, Alles, was die Welt zu bieten vermag, Leben und Gesundheit, Grund und Boden. Glück und Habe. Macht und Reichthum, nur von dem Ausfluß der göttlichen Gnade erhalten zu haben. Diese Vorstellung, daß unser Besitzthum nicht durch eigene Kraft erworben ist. das Gefühl der Abhängigkeit. Hilfsbedürftigkeit und Verbindlichkeit gegen den allgütigen Wohlthäter. der uns nur als Lehen den Boden mit seinem Ertrage übergeben bat, bleibt stets lebendig im Volksöewußtsein durch das Darbringen der Erstlinge. Wie ein'Verwalter bescheiden die ersten Früchte in edlem Metall dem Gutsherrn als Ehrengeschenk überreicht, so tragen wir in schonen Gefäßen als sichtbares Zeichen der Unterordnung die ersten Erzeugnisse des Bodens zum Leyensberrn in Seine Residenz und bezeugen damit, daß Ihm das ausschließliche Eigentbumsrecht zukommt. Wir bezwingen die innere Sinneslust nach der sehnlichst erwarteten neuen Frucht, die reichen Naturgaben sind für uns ungenießbar, so lange nicht in dankbarem Aufblick zu Gott für Seinen der Natur gespendeten Segen die ersten Früchte in Seinem Heiligthum sind. Diele Idee liegt den Bestimmungen zu Grunde, daß von allen Errungenschaften die ersten Erträgnisse dem Urheber alles Segens als Tribut der Dankesvflicht geweiht sein sollen. ..Ehre den Ewigen mit deinem Vermögen und mit dem Ersten all Deines Ertrages." Das erste Del und Korn, der erste Most, die Erstlinge der Leibesfrucht. Schafschur und Viehzucht, sollten als heilige Abgaben dem Herrn geweiht sein. Durch diese vorsorgliche Anordnung war der Gefahr der stolzen Verblendung und eitlen Ueberhebung vorgebeugt, auf Schritt und Tritt wird der Israelit an die Abhängigkeit von einer höheren Macht erinnert, und in der That hat der Besitz materieller Güter bei dem Gläubigen niemals einen verderblichen Einfluß ausgeübt. Die Dankbarkeit gegen Gott und Mitmenschen ist die schönste Tugend, welche den jüdischen Volkscharakter ziert. Bei jeder Gelegenheit in allen Wechselfällen des Lebens erhebt der Israelit dankerfüllt sein Herz zu Gott und ist erkenntlich für das Gute, das ihm von den Menschen zufließt. Die dankbare Gesinnung bildet die Grundlage des religiösen Gemüthes, sie verleiht dem Menschen sittliche Würde und befestigt das Band der Liebe zwischen dem Erdensohn und dem himmlischen Vater. Der hohe sittliche Werth der Dankbarkeit wird erst durch den Gegensatz voll und ganz erkannt. Wenn uns das konkrete Bild eines Undankbaren in seiner abstoßenden Häßlichkeit gezeigt wird, erzeugt das erregte Mißfallen und die sittliche Entrüstung gegen solche Personen den richtigen Maßstab für die gebührende Würdigung der Erkenntlichkeit. Unter den häßlichen und sittlich verworfenen Charakteren, welche uns die Bibel vorführt, erregt im höchsten Grade unseren Widerwillen der schnöde Undank Labans, und seine ganzes Handeln gegen Jakob wird von der Schrift durch das Brandmal sittlicher Entartung und Verdorbenheit des Herzens gekennzeichnet. Jakobs hingebungsvolle Treue und umsichtige Lei^mg brachte Reichthum in sein Haus, und der Segen Gottes zeigte sich so sichtbar, daß Laban selbst eingestehen mußte: und trotzdem hat er ihn Aufwand aller Kraft betrogen und verfolgt. Zu der feierlichen Stunde, wo der reiche Gutsherr, überwältigt von den edlen Regungen der Dankbarkeit, vor den Altar Gottes tritt, um dort als äußeres Zeichen der inneren Empfindungen die ersten Früchte niederzulegen, tritt Labans Bosheit besonders in Gegensatz. um dadurch die heilige Dankespflicht in voller Klarheit zu veranschaulichen. Die Liebe gegen den Wohlthäter äußert sich dadurch, daß man die empfangenen Gaben im Sinne des edlen Spenders gebraucht, und wer nach dem Willen Gottes handeln will, muß mit offener Hand die ihm verliehenen Güter zum Segen der hilfsbedürftigen und nothleidcnden Mitbrüder verwenden, und der treue Verwalter, der mit David ausrust: „Von dir ist Alles, und aus Deiner Hand geben wir dir," wird gerne mit seinem Vermögen Andere in würdiger Art erfreuen. Darum beschließt die Schrift diesen Abschnitt mit der göttlichen Weisung: „Du sollst dich freuen mit allem Guten, das der Ewige dir und deinem Haufe gegeben, du und der Levite und der Fremdling, der bei dir weilt." A. S t e r, Lehrer.

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