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Der Israelit · 1903-09-07 · Heft 71 (7.9.1903) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 71 (7.9.1903)
Date
1903-09-07
Page
– (sequence 11)
Language
German
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' l iillllgr 1581 sollten wohl die Nationaljuden annektiren wollen? Oder hat man schon je etwas von einem Angriff des Nationaljudenthums auf deutsche Kultur vernommen? Weit zutreffender wäre ein Vergleich mit den amerikanischen Deutschen, deren unerschütterliche Liebe zum deutschen Stamme und zu deutscher Kultur sie zu Organisationen zusammengeschloffen hat. die auch von offizieller, deutscher Seite volle Würdigung und eifrige Unterstützung gefunden haben. Und doch hat sie nie diese Betätigung daran gehindert, mit voller Kraft an der Kulturarbeit des großen amerikanischen Volkes mitzuarbeiten, oder sie in einen Konflikt mit ihren staatsbürgerlichen Pflichten gestürzt! So und nicht anders wollen auch wir verstanden werden. Auf das glücklichste hat diesem Gedanken, daß Staatsbürgerthum und Stammeszugehörigkeit zwei verschiedene Dinge sind, die einander nicht zu tangiren brauchen, Kaiser Wilhelm II. in seiner Posener Rede mit den Worten Ausdruck verliehen: „Das Königreich Preußen setzt sich aus vielen Stämmen zusammen, die stolz sind auf ihre frühere Geschichte und Eigenart. Das hindert sic nicht, vor allem brave Preußen zu sein." Wenn ferner der von uns gegründete Verband national-jüdischer Turnvereine deßhalb angegriffen wird, weil er über die staatlichen Grenzen hinausgreift, so antworten wir auf diesen Vorwurf mit dem kurzen Hinweis auf die deutsche Turnerschaft, die in gleicher Weise „gefehlt" hat; auch ihre Organisation macht nicht Halt an den deutschen Grenzpfählen Warum also, was hier als Tugend gepriesen wird, bei den Juden als Laster verdammen? Der Ausschuß der Jüdischen Turnerschaft i. A.r Dr. Ernst Tuch, Vorsitzender. Bad Kissingcn, 3. Sept. Die Saison hat ihren Höhepunkt erreicht, bis jetzt zeigt die Liste 23,000, und rechnet man auf die stattliche Zahl von 24,000 .Badegästen bis Ende dieses Monats. Durch Neueinrichtung kann sowohl Brunnen getrunken und auch im Nktienbad bis 1. November gebadet werden: die Herbsttage sind hier im Saalegrund herrlich, an Privatlogis fehlt es nicht, auch für ganze Familien, für gute Restaurants — streng koscher, im Hotel Herzfeld, Hotel Ehrenreich und Restaurant Hamburger — ist bestens gesorgt. Delikatessen und Kolonialwaaren bietet Herr Seeligmann, für Weine und Spirituosen die streng-religiöse Weinhandlung Wittekind am Kurgarten, welche Orig.- Weine von Bondi-Meinz und noch Original-Weine der Palästina-Gesellschaft in Berlin führt. Während der hohen Festtage findet in der Neuen Synagoge nach altem Ritus Festgottesdienst statt, an Herren- und Damenplätzen ist kein Mangel, so daß man ruhig die Kur fortsetzen kann. Die Verhältnisse der Gemeinde sind übrigens jetzt die besten, Eintracht und. Friede ist nach zweijährigem Kampfe eingezogen. Oesterreich. Wien, tz. Sept. Ein ergötzliches Schauspiel bietet sich eben den aufmerksamen Wiener Zeitungslesernr Herzl contra Herzl. In der Leitung der „Wiener Fr. Presse" (Mitinhaber Herr Th. Herzl) ist schon im Jahre 1897 die Parole ausgegebtn worden: „Das Wort Zionismus ist für alle Zeiten aus oen Spalten unseres Blattes zu verbannen." Die „Welt", deren, wenn auch nicht Ehefredakteur, aber doch Spiritus rector Herr Herzl ist. macht sich über die „Neue Freie Presse" lustig und gießt ihren bekannten langstiligen Sarkasmus über diese „Wiener Tageszeitung" aus. Warten wir ab, wer Sieger bleibt, Herr Herzl oder Herr Herzl. Frankreich. Paris, 3. Sept. Bernard Lazare, dessen Tod gemeldet wird, erwarb sich seinen publizistischen Ruf als Gegner des Antisemitismus und als erster Vorkämpfer in der Revision des Prozesses Dreyfus. Er hatte seine literarische Laufbahn zwar mit einigen poetischen und dramatischen Werken begonnen. Nach Vollendung seiner Vorstudien am Gymnasium in Nimes, wo er 1865 geboren wurde, lag er in Paris an der Ecole des Hautes Etudes zunächst historischen Studien ob, gelangte aber bald in enge Beziehungen zu der jungen Dichterschule, die damals unter Führung von Pierre Guillard, Henri de Rägnier, Mor6as, Vielte Grifsin, Paul Adam im lateinischen Viertel ihre Heimstätte aufgeschlagen hatte. Gemeinsam mit seinem Vetter Ephraim Mikhaül schrieb er in jener Zeit ein dramatisches Werk „La Financöe de Corinth", das später von Catulle Mendeös und Chabrier in die Oper „Bris6is" umgeschaffen wurde. Auch die folgenden Arbeiten „Miroir des Legendes", dann „Porte d'ivoire" und „Les Porteurs de Torches" verriethen noch dichterisches Talent; doch fühlte Lazare bald, daß seine Stärke in polemischer Publizistik lag. Er führte die litterarischen Fehden ' der jungen Dichterschule in den „Entreticns politiques et lit6raires", die er eine Zeit lang herausgab, dann auch in verschiedenen Zeitschriften und Tagesblättern. Eine Reihe seiner im „Figaro" veröffentlichten Artikel gab er 1893 unter dem Titel „Figures Contemporaines" heraus. Mit diesen scharfen und unnachsichtigen Portraitskizzen erwarb sich Lazare einen weiteren Ruf, den er durch die glänzende Polemik, die er gegen den damals auftretenden französischen Antisemitismus führte, befestigte. Sein Buch „L'Antis^mitisme" (1894) wurde sogar von Eduard Drumont gelobt, was allerdings nicht verhinderte, daß' zwei Jahre darauf ein Duell zwischen den beiden Gegnern stattfand. Im Herbste 1896 ließ Lazare Jeiitr Broschüre „La brritf für l'affaire Dreyfus" erscheinen, die den Anstoß zu der öffentlichen und in den Zeitungen geführten Campagne gab, an der sich Lazare

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