Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 71 (7.9.1903)
- Date
- 1903-09-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1577 Feuilleton. "urückgefunden. Movolle von Babette Fried, Prag. (Schluß.) 16 Erröthend und verwirrt schlug das sonst so beredte Mädchen die Augen nieder, ohne ein. Wort der Entgegnung zu finden. „Glauben Sie denn nicht an die Allgewalt der Liebe, theuerste Hedwig, die mit ihrem Zauberstabe das Herz berührt?" Immer noch schwieg Hedwig. „Sie zürnen mir, Fräulein Hedwig? Sind Sie mir böse meiner Kühnheit wegen? Sprechen Sie ein Wort nur, daniit ich sehe, daß Sie mir nicht böse sind." „Ich bin Ihnen nicht böse. Herr Doktor!" „So können, so müssen Sie mich lieben, wenn auch nicht so feurig, wie ich Sie liebe, aber ein klein wenig nur, ein wenig." „Ich darf nicht," sagte das verängstigte Mädchen. „Sie lieben einen Andern?" „Nein!" „Also?" frug der Doktor gespannt. „Uns trennt eine Kluft, die nicht zu überbrücken ist. Doch lassen wir das, Herr Doktor! Stören Sie nicht durch eine vielleicht nur eingebildete Leidenschaft unsern Verkehr, den ich mir so lieblich, so schön ausgedacht habe. Und seht, bitte, nichts mehr davon, wir lenken die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden auf uns! Kommen Sie!" Sie waren in's Krankenhaus getreten, in welches man den kranken polnischen Juden gebracht hatte. Zum ersten Male in ihrem Leben betrat Hedwig die Stätte des Elends, welches hier von hilfsbereiten Händen gemildert tvurde. Jetzt wußte ste es ihrem Begleiter Dank, daß er ihr bei diesem schweren Gange zur Seite stand. Einige Male mußte ste sich an ihn anschmiegen, und sich von ihm führen lassen, wenn sie schaudernd die Augen schloß vor dem Anblicke menschlichen Elends, das sich ihr darbot. Endlich ivaren sie in das Zimmer gekommen, in welchem der Pole lag. Gewaschen und in reine Wäsche gehüllt, hatte sein Anblick das Entsetzliche verloren, das ihm Tags, zuvor anhaftete. Leise näherte sich das Paar dem schlafenden Greise. Hedwig rückte den Polster zurecht, welcher einen Theil seines Gesichtes bedeckte und blickte mit Rührung in das bleiche, von grauen Locken umrahmte Angesicht. Auch Dansky hatte hingeblickt und er stieß einen markerschütternden Schrei aus. Alles um sich her vergessend rief er: „Vater, mein Vater!" Dieser Schrei hatte den Schläfer erweckt, doch nicht zu klarem Bewußtsein gebracht, denn glanzlos starrten dessen Augen in's Leere. „Rifkaleben!" murmelte er, „ist Jossel noch nicht gekommen?" Hedwig war bei dem Ausrufe Dansky's wie starr Professor Doktor Dansky? Wie konnte sie das fassen, Professors Doktor Dansky? Wie konnte sie das fassen, wie das verstehen? Von Rührung übermannt, beugte sich Dansky über die Hand des kranken Vaters, um sie an seine Lippen zu führen. „Vater, Jossel ist hier bei Dir," sagte er mit thränenerstickter Stimme. Der Kranke verstand ihn nicht, hatte die Worte des Sohnes nicht einmal vernommen, denn wieder hatte er die Augen zum Schlummer geschlossen. „Kommen Sie fort von hier, Fräulein, hier läßt sich vorläufig nichts thun, als abwarten. Die Wohlthatigkeitsanstalten bleiben vor der Hand unbehelligt, für die Bedürfnisse dieses Kranken sorge ich selber." Fast willenlos ließ sich Hedwig von ihrem Begleiter wegführen. Eine Frage, auf welche dieser zu warten schien, kam aber nicht über ihre Lippen. „Ich bin Ihnen schon eine Erklärung über diesen rätselhaften Vorgang schuldig. Fräulein Hedwig! Der alte, kranke Mann, den Sie edelmüthiger Weise den Händen übermütiger Buben entrissen haben, ist mein Vater." „So hörte ich." „Sie sprechen so kalt zu mir. so fremd, und hoben inich noch vor Kurzem Ihren Freund genannt. Sollte ich dieses Namens weniger würdig sein, weil ich der Sohn eines armen, verkommenen Juden bin?" „Nicht deßhalb. Herr Doktor, sondern weil Sie ihn so verlommen ließen und nichts zu seiner Rettung gethan haben. Sie lebten in guten Verhältnissen, spielten sich als Volksbeglücker auf, indessen Ihr armer Vater zum Bettelstab greifen mußte." „Wußte ich es? Und wenn ich es gewußt hätte, wie hätte ich es hindern können? Ich habe es oft versucht, mich meinen Eltern zu nähern, bin aber immer zurückgewiesen worden. Keinen Bissen Brod hätten sie von mir genommen, wenn es ihnen das Leben gerettet hätte. Den Tod meiner Mutter habe ich zufällig von einenr Landsmanne erfahren. Ich bin . darauf in meine Heimath gereist, habe mich meinem Vater zu Füßen geworfen und um die Gnade gefleht, für ihn und meine Schwester sorgen zu dürfen, wurde aber schroff abgewiesen. Daß es so weit mit ihm gekom» men ist, daß er zum Wunder- und Bettelstäbe greifen mußte, das wußte ich nicht, bei Gott im Himmel!" —