Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 71 (7.9.1903)
- Date
- 1903-09-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1573; heute in ihrem Schoße birgt, einer ehrlichen Prüfung unterzieht, nun — wir schmeicheln uns, genauer Kenner der Frankfurter Verhältnisse zu sein — nur wenige Prozent könnten die Prüfung bestehen, und auch dieser Satz schmilzt auf ein Minimum herunter, wenn man diejenigen Familien — wie z. B. die bekannten Familien Mainz, Posen, Ettlinger. Dr. Heinemann — abrechnet, die gleichzeitig der Religionsgesellschaft angehören, und daher, obwohl warme Verehrer von Herrn Dr. Horovitz. nicht ausschließlich der Jsr. Gemeinde zugerechnet werden können. Die Zahl der an Schabbos geschlossenen Geschäfte — Herr Dr. Horovitz wird sich darüber selbst keiner Täuschung hingeben — hat innerhalb der Gemeinde, trotzdem die jüdische Bevölkerung seit dem Amtsantritt Dr. Horovitz's beinahe auf das Doppelte gestiegen ist, in 25 Jahren nicht nur nicht zu-, sondern in erschreckendem Maße abgenommen. Oberflächliche Beurtheiler pflegen die Thatsache, daß die Horovitz'sche Synagoge vor drei Jahren vergrößert werden mußte, für die Erstarkung des religiösen Sinnes in der Gemeinde in's Feuer zu führen. Nichts ist jedoch verkehrter, als eine solche Annahme. Denn wäre sie richtig, wäre das Bedürfniß nach Synagogen allein der Maßstab für die Bewerthung der Frömmigkeit in einer Gemeinde, so müßte z. B. Berlin, wo alle paar Jahre das Bedürfniß nach neuen Synagogen sich zeigt, die frömmste Gemeinde Deutschlands sein. Es ist klar, daß in einer Stadt wie Frankfurt a. M., wo beinahe täglich Juden zuziehen, die vorhandenen Synagogen sich nach -und nach als unzureichend erweisen müssen. Wollte man jedoch dieser Annahme einen Augenblick Glauben schenken, ein Blick auf das Publikum der Horovitz'schen Synagoge würde uns Lüge strafen. Während in den benachbarten Synagogen der Religionsgesellschaft, der Männerkrankenkasse, Klaus, Waisenhaus, an den Wochentagen — am Samstag sind naturgemäß alle hiesigen Synagogen besetzt — ein festes Stammpublikum vorhanden ist*), d. h. ein Kreis von. täglich das Gotteshaus Besuchenden — ist es hiermit in der Horovitzschen Synagoge traurig bestellt, und wir glauben, wenn wir von den Besuchern an Wochentagen die Awelim, die Beamten und Vorsteher ab.ziehen würden, man den Rest bequem an den Fingern der Hände herzählen könnte. In der Horovitz'schen Synagoge ist man heute nach 25 Jahren noch nicht so weit, daß man die Mizwans an m und . r* verkaufen kann, vielmehr werden solche seitens der Vorsteher verschenkt, weil man nicht riskiren will, daß an diesen heiligen Tagen nur Neologe zur Thora aufgerufen werden. Kreise der Religionsgesellschast. Wie außerordentlich gering auch außerhalb der Synagoge der Einfluß Horovitz' sich auf dem religiösen Gebiete erwiesen hat, lehrt ein Gang durch den Friedhof der Gemeinde; wahrlich ein Anblick, der geeignet ist, das Herz des wahren Jehudi mit tiefster Traurigkeit zu erfüllen. Während es noch vor 25 Jahren zu den Seltenheiten gehörte, daß in Frankfurt a. M. jüdische Grä-. ber mit Blumen geschmückt resp. bepflanzt wurden, hat diese unjüdische Sitte jetzt eine außerordentlich große Ausdehnung genommen. Man hat noch nie gehört, daß Herr Dr. Horovitz, der sich doch bei den Nichtfrommen einer großen Beliebtheit erfreut, versucht hätte, diesem unjüdischen Brauche der Blumenbepflanzung von Gräbern Einhalt zu thun. Seit ungefähr Jahresfrist ist man in der uralten Frankfurter Gemeinde, der einstigen Ir w'öm b'jisroöl soweit vorgeschritten, daß auch die Aschenreste auswärts verbrannter Leichen auf dem jüdischen Friedhofe beigesetzt und von Reformrabbinern Dr. Plaut und Seeligmann eingesegnet werden. Weßhalb vermochte es Herr Dr. Horovitz nicht mit seinem großen Einfluß h i e r A b h i l f e zu schaffen? HI. Wir haben bereits gestreift, daß Herr Dr. Horovitz sich im Kreise der Neologen einer außerordentlichen Beliebtheit erfreut, eine Erscheinung, welche man, wenn man seine 25jährige Wirksamkeit Revue passiren laßt, näher betrachten muß. Denn während fast alle orthodoxen Rabbiner Deutschlands die heftigsten Kämpfe mit den Neologen zu führen hatten, ist bei der Horovitz'schen Thätigkeit nie etwas hiervon zu spüren gewesen. Woher diese merkwürdige Erscheinung? Daß diese Verehrung, die diese aufgeklärten Juden Horo-' vitz zollen, nicht um seiner schönen Augen willen geschieht, ist klar. Frägt man einen solchen Juden nach dem Grunde seiner grenzenlosen Verehrung, so bekommt man als Antwort, es sei die Toleranz Horovitz's, die ihm so wohl gefalle. Und da liegt des Pudels Kern. In der That, wenn jemals ein Rabbiner das Prädikat duldsam für sich in Anspruch nehmen durfte. Herr Dr. Horovitz darf es mit vollster Ueberzeugung thun.' Bei allen Gelegenheiten, in privater Unterhaltung, wie in öffentlichen Kundgebungen, ist die Toleranz sein Lieblingsthema. „Schonung des religiösen Empfindens Andersdenkender, .Duldsamkeit gegen alle, die nicht aus gesetzestreuem Boden stehen," ist seine Parole. Nun ist Duldsamkeit gewiß eine Tugend, die an richtiger Stelle und in richtigem Momente angewandt, außerordentlich rllhmenswerih sein kann. — Unsere Weisen selbst haben ja uns eine gewisse Duldsamkeit zur Pflicht gemacht — und zwar unseren nichtjüdischen Zeitge-