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Der Israelit · 1903-09-03 · Heft 70 (3.9.1903) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 70 (3.9.1903)
Date
1903-09-03
Page
– (sequence 19)
Language
German
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1557 ev Mu8e. Zeitgemälde von I. I. Krsszewski in autorisirter Übertragung. 4« „Gern will ich thun, was Ihr wollt!" unterbrach ihn Jakob. „Aber wo ist die Unglückliche?" „Hier!" rief der Alte halb ohnmächtig. „Hier ist sie! Aber weder sie weiß von mir, noch ich von ihr etwas Näheres. Bleibt sie so verlassen — denn jener Nichtswürdige verließ sie und entfloh, nachdem er mein Haus geschändet! — so kann sie vielleicht noch tiefer sinken, als die am tiefsten Gefallenen, und im Staube kann sich wälzen sie, die einst mein Kind gewesen! Rettet Ihr sie, aber so, daß sie die mitleidige Hand nicht erfährt!" „Sprecht nur weiter, ich will thun, was ich vermag!" „Hier ist Geld — ein Almosen! Nehmt davon, so viel Ihr wollt, mag sie sich nicht herumtreiben!" svrach der Alte und zog hastig die Brieftasche heraus, die er aufriß, nicht öffnete. „Mag sie irgendwo im Verborgenen weinen, wo sie Menschenaugen nicht versengen! Mag sie irgendwo ihr Haupt hinlegen! Es soll ihr aber an nichts fehlen! Aber thut dies Alles, wie von Euch selbst!" Bei diesen Worten legte der Alte mit zitternder Hand das Geld auf den Tisch und einen Streifen Papier, auf dem undeutlich in jüdischer Schrift Lia's Adresse geschrieben stand. Dann umarmte er Jakob und weinte bitterlich. „Noch heute muß ich abreisen! Hier kann ich nicht leben! Schreibt mir! Oder nein! nein! schreibt mir nicht! Ich will wieder kommen! Dann sollt Ihr mir es sagen! Schreibt lieber nicht! Nur rettet sie, dieses verhätschelte, schwächliche, hinfällige Kind, aus Krankheit, Elend, harter Arbeit und Schmerz!" „Genug!" unterbrach Jakob. „Verlaßt Euch auf mich! Zerfleischt Euch nicht das Herz! Ich werde Euer treuer Diener sein!" „Schonet aber nicht dies Geld, es hat für mich gar keinen Werth!" fuhr Jankel fort. „Und sagt nicht, daß es von mir kommt, oder von der Mutter. Sagt, daß Gott sich über sie erbarmte, daß entfernte Verwandte es ihr schicken!" Thränen und Schluchzen unterbrachen die Rede des armen Vaters. Er küßte Jakob. Als er wieder zu sich gekommen, erhob er die Hände und opferte Gott im Gebet seinen Kummer (mit Psalm 56, 12,5). „Gott, sei mir gnädig! Denn Menschen wollen mich versenken. Täglich streiten sie und ängstigen mich? Meine Feinde versenken mich täglich. Tenn Viele streiten wider mich in Stolz. Wenn ich mich fürchte, so hoffe ich auf Dich. Ich will Gottes Wort rühmen. Auf Gott will ich hoffen, und mich nicht fürchten! Was sollte mir Fleisch thun?" Jakob traten auch Thränen in die Augen. - „Ich danke Euch," sprach er, als der Alte das Gebet beendet, „für Euer Vertrauen auf mich, umsomehr, als Ihr mich noch so wenig kanntet." „Ich aber habe viel Gutes von Euch gehört!" flüsterte Jankiel, nachdem er sich etwas beruhigt. „Euch vertraue ich die tiefste Wunde meiner Seele an. Seid mir ein mitleidiger Arzt! Aber schreibt nicht an mich! Still und gottergeben will ich dulden! Ich werde selbst wiederkommen!" Tief rührte Jakob dieser unerwartete Besuch. Von Herzen wünschte er, dem armen Vater helfen zu können, dessen Thränen und schmerzensvolle Worte ihm noch lange vor Augen standen und in den Ohren wiederhallten. Seit jenem Abende, als Jakob so kühl sich zeigte gegenüber der überaus zärtlichen Musa, hatten sich seine Beziehungen zur Belletage sichtlich verändert, wenn auch nicht urplötzlich, sondern ganz allmählich und stufenweise. Aus der nachfolgenden Berathung folgt augenscheinlich, daß auf ihn nicht zu rechnen, obschon man ihn noch auf alle Fälle in Reserve hielt. Heinrich war, wiewohl verheirathet, weit mehr versprechend. Musa begnügte sich mit seiner Liebe; sie rechnete auf die Leidenschaft, welche mächtiger, wenn auch kürzer zu sein pflegt, als jene. Die Mutter war wieder unruhiger geworden und bestand darauf, daß immer inehr Herren in ihr Haus eingeführt wurden. Einige Tage darauf sprach sie zur Tochter: „Weil diese Dummköpfe Dich nicht zu würdigen wissen, bin ich der Meinung, daß uns nichts übrig bleibt, als den Kreis unserer Bekannten zu erweitern, indem wir mit den Russen Beziehungen anknüvfen. Sie sind weit geselliger und verstehen sich vielleicht besser auf die Menschen, als unsere Zierpuppen. Wir müssen sie durchaus hier einfllhren!" „Der Gedanke ist gar nicht übel." antwortete Musa. „Bei ihnen ist eine gebildete Frau etwas Seltenes, und dies gibt ihr das Recht, wo sie will, nach dem Höchsten zu streben. Bei uns verlangt man zu viel, zu verschiedene Eigenschaften. Auch behaupte ich, daß ich, komme was das wolle, auf Jakob nicht rechnen kann. Er ist ein braver Mann, aber ohne Herz für die Frauen, ohne jedes Gefühl, völlig erkaltet. Ich mußte fast zur Jüdin werden seinetwegen. Und selbst dies zog ihn nicht

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