Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 70 (3.9.1903)
- Date
- 1903-09-03
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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1553 an. Zuletzt wird mir das schon langweilig und es führt auch zu nichts. Diesen Abend überzeugte ich mich davon, daß auf ihn gar nicht zu zählen ist. Gleichwohl," fügte sie leiser hinzu, „nicht als ob ich irgend einen besonderen Affekt für Heinrich hätte. Denn Liebe fühle ich nicht. Aber Mama, ich sage Dir, daß ich stark auf ihn rechne! II est ä moi! Tilda wird immer kränker: Elle deperit ä vue d’oeil! Bliebe sie selbst am Leben und würde wieder ganz gesund, so wäre dennoch eine Scheidung bei ihnen nicht allzu schwer! Denn sie haben keine Kinder. Das wäre aber so ein Mann für mich!" „Meiner Seele!" schrie Frau Wtorkowska. „Ich sage Dir, das wäre la lune de miel! Das wäre gewiß himmlisch! Aber dann! Das ist ein Mann mit hitzigem Temperament, aber mit kaltem Kopfe! Ich fürchte mich vor ihm!" „O, Mama, ich durchaus nicht!" entgegnete Musa. „Ich weiß wenigstens, was bei ihm wirkt, während es bei Jakob kein Mittel gibt — meine Thronen! Aber ich mag und kann nicht wieder weinen! Es ist zu langweilig, zu pathetisch!" In Folge dieses Gesprächs verkehrten bald darauf Oberst Sobronow und Major Hierasimowski fast täglich im Hause der Frau Wtorpowska. Von vornherein bemühte sie sich durch prächtige und luxuriöse Aufnahme sie zu blenden. Beide beschäftigten sich eifrig mit Fräulein Musa. Sofronow verliebte sich ernstlich in sie. Da er aber ein überaus praktischer Mann war und an Politik litt, nahm er sich vor, wie er sich selbst französisch ausdrückte: faire d’une pierre deux coups. Nachdem er sich genähert, begann er das Fräulein etwas auszuforschen nach ihrer politischen Ueberzeugung. Musa war sofort bereit, diejenige zu haben, die sich am nützlichsten verwenden ließ. Früher spielte sie in den Ressourcen auf den Konzerten für die Armen gern ein wenig patriotische Sachen. Aber mit derselben Gleichgiltigkeit trug sie jetzt auch jede andere Musil vor. wie „Boje Cara strou," „Krasny Sarafoa," die „Troika" u. s. w. Im Ganzen gefielen ihr die Russen ganz gut. Obschon sie im Beginne der Agitation von 1861 sich auS Neugierde auch ein wenig an ihr betheiligt hatte, weil dies sowohl der Mutter als ihr selbst geeignet erschien, etwas Aufsehen zu erregen, sich populär zu machen, sich Anbeter und zuletzt auch einen Mann zu verschaffen — zogen sie sich sofort zurück, als sie sich überzeugt batten, daß es doch zu nichts führen könne. Das Haus der Frau Wtorkowska hatte also keine bestimmte Färbung, als -Oberst Sofronow darin.erschien. Auf dem Fortepiano lagen friedlich beisammen: Boje cos Polske — 3 dymem srzarow und die Komposition von S'iow und Glinka. Das Erscheinen des Obersten verwandelte die Gesinnungen beider Damen sofort in strengkonservative und loyale. Auch schon darum, weil sie vor den Russen ein aristokratisches Haus vorstellen wollten, hielten sie es für nöthig, sich diese eigenthümliche Färbung zu geben und über die Revolutionäre sich zu beklagen. Sofronow war ein überaus gewandter Mann. Anfangs, bevor er diese Damen, die er für Polinnen hielt, genau ausgeforscht hatte, verletzte er auch nicht ihre vatriotischen Gefühle, äußerte sich über so manchen Polen und über polnische Erinnerungen voller Achtung, und über die Gegenwart mehr schmerzlich und theilnehmend, als unwillig. Im Beginne seiner Leidenschaft für die schöne Musa, die ihn bezauberte, widerstand er als echter Russe und höchst praktischer Mann kaum der Versuchung, das Fräulein in politische Untersuchung zu ziehen, sie auf ein Paar Monate auf die Citadelle zu sehen und dort in der Kasematte ruhig mit ihr die ersten Kapitel des Romans ganz ungestört und glücklich abzuspinnen. Ihm erschien dies sogar sehr einfach. Ein Vorwand zur Verhaftung war leicht gu finden. Aber nack näherer Erwägung stand er von diesem schönen Plane ab. Nach der zweiten oder dritten längeren Unterhaltung schon merkte Oberst Sofronow, daß er mit dielen Damen unbedenklich ganz offelT sein könne. Frau Wtorkowska war voller loyaler Erinnerungen an die Kaiser Nikolaus und Alexander. Ihre Mutter erhielt von diesem ein Amethysthalsband zum Geschenke; man wußte nicht, für welche Verdienste. Sie war schmerzlich berührt von der Raserei des Landes. Musa äußerte sich gemäßigt-liberal, soweit dies in Rußland in Worten Jedermann erlaubt war. Sie pries die Emanzipation der Bauern und rühmte die kaiserlichen Reformen, und sprach mit Verachtung von der revolutionären Menge. Sofronow, nachdem er sie ausgeforscht. war seiner Sache gewiß. Aber 'er glaubte, durch dieses Haus, welches ihm angesehen und vermögend erschien, Einfluß auf das Land gewinnen, auf die Leute einwirken, hier einen Verein gründen und die Reaktion befördern zu können. Verliebt in Musa nach Russenart. selbst ein guter Musikant und großer Dilettant, entwarf er schon allmählich den ganzen Plan, zu dem eventuell sogar auch eine Hcirath gehörtes Aber mit der gewohnten Verblendung jedes neu in das unbekannte Land Gekommenen. täuschte er sich vollkommen über die Bedeutung, den Einfluß der Frau Wtorkowska und ihre Stellung in der Welt. Ihn befremdeten weder dieser für uns schon sc vielsagende Name,, noch die Aufnahme und der Ton mit den kaum zu übersehenden Sprachfehlern und der übertriebenen, auf Kredit entnommenen Pracht. Er nabm auch ibre großen Verbindungen, ihr Vermögen und ihr Ansehen für baare Münze. (Fortsetzung folgt.)