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Der Israelit · 1903-09-03 · Heft 70 (3.9.1903) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 70 (3.9.1903)
Date
1903-09-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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■ i.i .. 44. Jahrgang. e zu jf& 70 dss In Antllig Schsc» »»f i>m P»tsi>»!»n Fltichn-Tnbskiisiazt. Die „Niederrheinische Fleischer-Zeitung", offizielles Organ des Rheinisch-Westfälischen Bezirks- Vereins im Deutschen Fleischer-Verband, schreibt: Die Ablehnung des Antrages des Bezirks-Vereins Sachsen, „vor dem Schlachten die Schlachtthiere zu betäuben." scheint in den betheiligten Kreisen große Erregung hervorgerufen zu haben. Krampfhaft bemühen^ sich die Anhänger obigen Antrages, die Gegner von dem Unüberlegten ihrer ablehnenden Haltung zu überzeugen. In einem diesbezüglichen Zeitungsartikel wird nun geschrieben, daß der Fleischer-Verband die Einführung der Betäubung für alle Schlachtungen zwar vorübergehend durch seinen Ablehnungsbeschluß aufgehalten habe, daß er die Einführung aber nicht hemmen werde. Er lvürde später schon einsehen, daß er sich geirrt; sein Beschluß wäre nur vom Geschäftsstandpunkt geleitet worden. Die Antragsteller und Befürworter haben sich bei Einreichung ihres Antrages nicht im mindesten mit dem vertraut gemacht, was das Gebot der Betäubung vor dem Schlachten im Gefolge haben würde. Es ist allen Kollegen wohlbekannt, daß die Innungen, die den Deutschen Fleischer-Verband bilden, nicht bloß aus christlichen Mitgliedern bestehen, sondern daß auch die jüdischen Kollegen denselben angehören und zumeist nicht zu den schlechtesten Mitgliedern zählen. Man hat vielfach gefunden, daß sogar unsere jüdischen Kollegen sich stets rege an den Versammlungen und dein gesammten Jnnungs- und Vereinswesen betheiligen. Nun wird aber durch das Gebot des Betäubens der Schlachtthiere vor dem Schlachten ein Eingriff in die rituellen Gebote der Israeliten gemacht und tvllrde der Deutsche Fleischer-Verband, falls er sich dazu hergeben wollte, das Schächten durch Herbeiführung einer entsprechenden Negierungsverfügung rituell unmöglich zu machen, eine große'Opposition in seinen eigenen Reihen Hervorrufen. Nicht bloß die Kollegen jüdischen Glaubens würden alles Mögliche aufbieten, um die Innungen zur Auflösung zu bringen, auch-an vielen christlichen Kollegen würden sie thatkräftige Hülfe finden, da letztere, würde das Schächten unmöglich gemacht, ihre jüdische Kundschaft verlören und aus diesem schwerwiegenden Grunde schon Gegner des Antrages Sachsen sein müßten. Man darf dreist behaupten, hätte der Deutsche Fleischer-Verband auf dem Verbandstage zu Potsdam dem Anträge zugestimmt, heute wäre schon ein tüchtiger Riß in dein vor Jahren mühselig aufgeführten Gebäude vorhanden. Hätten die Antragsteller nur dieses Eine in's Auge gefaßt, so müßten sie, wollen sie echte Förderer und Stützen der Einigkeit im Fleischergewerbe sein, schleunigst den Antrag in die Versenkung geschleudert haben, statt noch heute dem Verbandstage vorzuwerfen, nur Geschäftsgründe hätten bei der Ablehnung mitgespielt. Doch noch von einem anderen Gesichtspunkte betrachtet haben die Antragsteller ihre Verbandsintereffen beiseite gelegt, als sie sich der sog. Humanität in die Arme warfen. Seit Jahr und Tag hat das Fleischergewerbe stets nach oben hin arbeiten und petitioniren müssen, damit die vom grünen Tische gekommenen Verfügungen und Gesetze gemildert wurden. Stets und ständig mußte unser Gewerbe es sich angelegen sein lassen, die schweren Lasten, lvelche ihm von oben herab aufgebürdet wurden, durch Eingaben etc. (auch durch laute thatkräftige Opposition) zu erleichtern suchen. Auf dem Potsdamer Verbandstage aber verlangten aufgeweckte Kollegen, die doch durch ihren Anschluß an den Deutschen Fleischer-Verband ihre Anhängerschaft an ein gefestetes Ganze bewiesen haben, daßdieses gefestete Ganze in sich selbst einen Keil treibe. Sie verlangten vom Deutschen Fleischer-Verbände, daß er nach oben hin vorstellig wird, damit ein Gesetz geschaffen werde, was einen Theil der eigenen Mitglieder an ihrem heiligsten, ihrem religiösen Emvfinden angreift und schädigt. Denn daß ein Betäubungsmittel nur eine Umschreibung für Schäcktverbot ist, das findet ein Blinder heraus. Daß aber ein Schächtverbot identisch mit einem Eingriff in die religiösen Vorschriften der Juden ist. das steht fest, nur derjenige kann es ableugnen, der sich den Antisemiten mit Leib und Seele verschrieben hat. Und da behaupten diese Antisemiten noch von sich, „urdeutsch" zu sein, und der edelste der Deutschen hat doch gesagt: „Die Religjon soll dem Volke erhalten bleiben." Schlauerweise führen die Antragsteller als Grund für ihr Vorgehen die Humanität in's Feld. Eine schöne Eigenschaft ist sie. aber man soll dieselbe nicht als Deckmantel gebrauchen, um den eigentlichen Zweck zu verhüllen. Will man Thierquälerei verhüten und zu verhindern suchen, so findet man ein weit größeres Feld heute darin, die Menschenquälerei vor allen Dingen mal abzuschaffen.. Da gilt es zuerst dem Neid und der Mißgunst zu Leibe zu gehen, die leider in allen Schichten der Bevölkerung Platz gegriffen, es gilt die Kollegen unter einander näher und näher zu bringen. Sodann diesen Kollegen,, und da meine ich besonders die in schlechten Verhältnissen lebenden^ mit Rath und That zur Seite zn stehen. All' sein Augenmerk muß

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