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Der Israelit · 1903-09-03 · Heft 70 (3.9.1903) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 70 (3.9.1903)
Date
1903-09-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
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1545 hatte, mich in nächster Nähe von Ihnen zu postiren. um zu beobachten, ob Sie mich auch noch erkennen würden." Dansky bemerkte: „Wie lenkt doch oft ein unbedeutender Zufall das Geschick der Menschen! Ein kleiner Aufenthalt, vielleicht aus einer geringfügigen Ursache, und unsere Lebenswege wären diametral auseinandergegangen, ohne daß wir uns jemals wieder begegnet wären!" „Und wie ist es Ihnen seither ergangen, Herr Doktor?" „Meine Reise zu der Denkmalsenthüllung nach. Tabor war meine letzte Handlung im politischen Leben gewesen. Ich habe dort einsehen gelernt, daß die Ideale, für die ich schwärmte. Utopien sind, daß es wohl slavische Sprachen und Völkerstämme, aber keine einheitliche, alle Idiome zusammenfassende slavische Sprache und Nation gibt. Jeder Versuch, dieses Ziel zu erreichen, würde eine babylonische Svrachenverwirrung Hervorrufen, und wenn es uns ja — was aber kaum denkbar ist, gelingen sollte, auf Grund unserer überwiegenden Mehrheit in diesem Kaiserreiche den Sieg über unsere deutschen Gegner zu erringen, dann würde sich unsere Machtentfaltung an der inneren Eifersucht zersplittern. Ebenso wie wir uns jetzt gegen das Wort: Staatssprache wehren, wie die Raupe gegen die Nadel, so würde sich der Pole gegen das Wort: ezechische Staatssprache wehren, und umgekebrt ebenso. Ich habe ein solches Vorspiel.bei den Versammlungen damals in Tabor mitangesehen. Die Vertreter der kleinsten Natiönchen slavischer Abkunft hätten gerne ihre Muttersprache zu der herrschenden erhoben. Das würde nicht gut thun, niemals. Damals sagte ich mich von meinen bisherigen Bestrebungen los. Da ich aber nicht eine andere Richtung einschlagen wollte und konnte, so habe ich den glatten, schlüpfrigen Boden der Volitik verlassen, und mich der Wissenschaft, und nur dieser allein, gewidmet. Was aber hat Sie abgebalten, bei der Versammlung rechtzeitig zu erscheinen, um einen günstigen Platz wählen zu können?" „Das, Herr Doktor, ist eine Sache, die auch für Sie Interesse baben dürfte. Als ich auf meinem Gang zur Sofieninsel die Ferdinandstraße passirte, begegnete mir ein Trupp junger Menschen, welche einen anscheinend trunkenen Mann umgaben und ihn mit Vüffen und Hohnworten traktirten. Ein Blick auf diese Gruppe sagte mir alles. Der Mißhandelte war ein Mensch, dem nach des Dichters Worten dreierlei Gebresten anhafteten: A r m h t fb Krankheit und Iudenthum. Es war ein Landsmann von Ihnen, ein Glaubensaenosse von mir. der da unter den Püffen und Schmähunaen der übermüthigen Straßenjugend einherwankte. Kein Wachmann war zu erblillen. um dem unholden Treiben Einhalt zu thun. Ich legte mich in's Mittel. Ich rief einen Wachmann herbei, der den unglücklichen Mann von seinen Peinigern befreite, und ihn, von mir begleitet, auf die nächste Polizeistation brachte, von wo aus er in das jüdische Spital überführt wurde. Es war nämlich kein Rausch, wie ich im ersten Momente selber annahm, sondern Entkräftung in Folge Krankheit. Kummer und Entbehrung. was den unglücklichen Mann derart herunterbrachte, daß er auf offener Straße taumelte, und zum Gespötte der judenfeindlichen Gassenjugend wurde." „Kann ich den fremden Menschen sehen, Fräulein? Vielleicht läßt sich was für ihn thun. Es ist hier eine zahlreiche polnische Kolonie, bei der ich nicht ohne Einfluß bin." Hedwig lachte höhnisch auf. „Diese wird für einen jüdischen Landsmann sehr wenig thun. Morgen werde ich trachten, die hiesigen Wohlthätigkeitsanstalten für ihn zu interessiren. Das dürfte eher von Erfolg sein, als die Intervention bei Ihren adeligen Glaubensgenossen." Der Doktor war bei diesem Vorwurfe, den er doch nicht ividerlegen konnte, ganz verwirrt geworden. „Fräulein Hedwig!" bat er. „Darf ich Sie morgen begleiten? Ich möchte meinen kranken Landsmann denn doch sehen, vielleicht ist es ein Bekannter von mir." „Ein bettelnder Jude der Bekannte des Herrn Doktor Dansky? Das wäre doch mehr als seltsam!" Das Wiedersehen der beiden jungen Leute, welches zu solch einer innigen Aussprache zwischen ihnen geführt hatte, drohte in eine Plänkelei auszuartcn. Dem auszuweichen sagte Dansky: „Lassen wir uns unsere erste Begegnung, welcher hoffentlich viele andere folgen werden, durch eine Angelegenheit, welcher wir im Grunde gleich ferne stehen, nicht verbittern. Ich begreife und billige Ihre Entrüstung, die Ihnen der Anblick der Mißhandlung eines Glaubensgenossen hervorruft, aber mich können Sie nicht dafür verantwortlich machen, noch überhaupt jemand andern. Wenn Sie. eine arme Lehrerin, und ich. ein unbemittelter Professor, Vorsehung spielen wollen, so kann es nur in dieser Weise geschehen, daß wir in unserem Bekanntenkreise für den armen Kranken wirken. Für «inen etwaigen Mißerfolg können wir aber nicht verantwortlich gemacht werden. Wir thun. was wir können, auch das schon verdient Anerkennung. Also, darf ich Sie morgen auf Ihrem Samariterwege begleiten?" „Wenn Sie es durchaus wünschen." „Es wäre mir sehr lieb, wenn ich es dürfte," sagte der Doktor. „Wo treffen wir uns. Herr Doktor?" „Wenn es Ihnen nicht unbequem iß. morgen um 2 Uhr Nachmittags am Quai in der Nähe des Franzensmonumentes. Kommen Sie aber sicher dahin. Fräulein?" „Bei welchem Denkmal soll ich Ihnen heute schwören," sagte Hedwig schelmisch. I »! > J

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