Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 70 (3.9.1903)
- Date
- 1903-09-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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15 41 blättern Inserate erlaffen, worin er für die.genannte! Lungenheilstätte einen christlichen Assistenzarzt suchte.! Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens wandte sich hierauf mit einer Beschwerde über die Ausschließung jüdischer Bewerber an den Vorstand der Landes-Versicherungsanstalt und erhielt folgenden Bescheid: „Obwohl weder Ihre Legitimation zu einer derartigen, Beschwerde anerkannt werden kann, noch diesseits etwas Anstößiges in dem Inserat, betreffend Ausschreibung der Affistenzarztstelle der Lungenheilstätte Kottbus gefunden wird, wird doch in Zukunft bei gleicher Veranlassung das Wort „christlich" fortbleiben." Mit dem bloßen Fortbleiben des Wortes „Christlich" wird dem Zentralverein wenig gedient sein, wenn die Anstalt nicht in Zukunft ohne Rücksicht auf die Konfession ihre Stellen beseht. Hannover, 31. Aug. Dem „Hannoverschen Anzeiger" wird geschrieben: Von der alten, jüdischen Vegräbnißstätie, zwischen Oberstraße und der Straße Am Judenkirchhof gelegen, hatte ich schon so viele unglaubliche Sachen gehört, daß ich beschloß, derselben einen Besuch abzüstatten, um mich von der Wahrheit des Gesagten zu überzeugen. Zu meinem größten Erstaunen habe ich nun gesehen, daß nichts übertrieben ist. Das kann man keinen Ruheplatz der Todten mehr nennen, eher einen Abladeplatz für Schutt und Gerümpel. Jeder Besucher der Vegräbnißstätte muß beim Anblick dieses Zustandes erschrecken. Der Kirchhof ist ein beliebter Tummelplatz für die Jugend, die trotz der mit Glasscherben besetzten Mauer diese übersteigt. In welcher Weife sich die Buben dort die Zeit vertreiben, geht daraus hervor, daß sie sogar ini vorigen Jahre, wie mir von glaubwürdiger Seite versichert wurde, auf einigen Gräbern Feuer angezündct und in alten Töpfen todte Katzen gebraten haben, wobei ein so entsetzlicher Gestank entstanden ist, daß die gegenüber wohnenden Leute zum Schließer des Friedhofes gelaufen sind, damit dieser dem Treiben Einhalt gebieten möchte. Nun frage ich: Ist das ein Ruheplatz für Todte, für liebe Entschlafene? Die jüdische Gemeinde ist doch jedenfalls nicht so nothleidend, um nicht etwas für die Besserung dieser Zustände zu thun, um ihren -Todten eine ivürdige Ruhestätte zu schaffen. Krefeld, 22. Aug. Der „Kreselder Zeitung" wird geschrieben: „Beim Lesen Ihrer vorgestrigen Mittheilung, daß.die israelitische Schule in Burgdorf bei Hannover nur noch von einem Kinde besucht wird, wurden wir an den Rückgang der Schülerzahl in den hiesigen Volksschulen, insbesondere auch der hiesigen israelitischen Schule erinnert. Diese Schule, ist dreiklassig, die Schülerzahl beläuft sich gegenwärtig auf rund 90, während sie vor etwa zehn Jahren noch über 200 betrug. Nun sollte man annehmen, daß die fehlenden Kinder in den höheren Schulen zu suchen wären. Das ist aber auch nicht der Fall, denn nach den uns vorliegenden Jahresberichten der höheren Schulen wurden diese ini Jahre 1891 von rund 140 und 1902 von 150 israelitischen Kindern besucht. Hat diese starke Verminderung der israelitischen Schulkinder nun etwa ihren Grund in der Abnahme der israelitischen Bevölkerung überhaupt? Diese ist allerdings von 1890 ab um rund 200 zurückgegangen, von 1980 auf 1788. Hätte mit diesem Rückgang die Abnahme der gesummten israelitischen Schülerzahl gleichen Schritt gehalten, dann müßte sie heute noch 300 betragen, während sie in Wirklichkeit sich nur auf 240 beläuft. Wir können daher nur annehmen, daß die Verminderung der Zahl der Volksschüler auf die Abnahme der Geburten überhaupt zurückzufllhren ist. Nach den Veröffentlichungen des Standesamtes in den städtischen Verwaltungsberichten betrug nämlich die Zahl der Geburten im Jahre 1891 — 4146, dagegen 1901 nur noch 3167, also rund 1000 weniger. Die Zahlen stellen sich von 1891 ab wie folgt: 3753, 3815, 3624, 3514, 3512, 3438, 3272. 3210, 3077, 3167. Wie wir den städtischen Verwaltungsberichten entnehmen, ist in Folge dessen denn auch eine Abnahme der Schülerzahl an den Kreselder Volksschulen überhaupt zu verzeichnen und zwar seit 1891 um rund 2500. Die Seelenzahl ist dagegen gestiegen im Jahre 1890 von 105.376 auf 107.245 in 1895 und 108.331 in 1900; gegenwärtig beträgt sie einschließlich Linn rund 110,000. Diese Vermehrung ist weniger in dem größeren Zuals Abzug, sondern mehr in der Zahl der überschießenden Geburten über die Sterbefälle zu erblicken. — Jedenfalls ist die Verminderung der Schülerzahl an den Volksschulen, die übrigens auch in einigen anderen Großstädten, darunter Berlin, auffallend in die Erscheinung tritt, vom nationalen Gesichtspunkte aus betrachtet, lvenig erfreulich." , Nürnberg, 30. Aug. Die llerikale „Nürnberger Volkszeitung'' macht einen kühnen Versuch, den „Fränk. .Kur." mit sich selbst in Widerspruch zu bringen. Er habe sich neulich in einer redaktionellen Notiz über die Errichtung eines katholischen Milchgeschäftes in Stettin lustig gemacht, während in seinem Jnferatenthcil „koschere Hotels" und so weiter Empfehlungsanzeigen erließen. Ist das wirklich ein Widerspruch, so fragt der „Fränk. Kur.", und ist der Unterschied wirklich so schwer zu begreifen? Der Betrieb koscherer Hotels ist die nothwendige Folge des jüdischen Rituals, eines Bestandtheiles der jüdischen Religion. Wo ist es aber dem Katholiken vorgeschriebe, Milch von Kühen zu trinken, die von Katholiken geiuolken sind? Wenn ein jüdischer Möbelhändler oder ein jüdischer Ofepfabrilant auf Grund seiner Religion Geschäfte zu machen suchte, so würden wir seine Anzeige ebenso komisch finden, wie die des katho- J