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Der Israelit · 1903-08-31 · Heft 69 (31.8.1903) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 69 (31.8.1903)
Date
1903-08-31
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1528 4 „Hinaus mit Dir, Du schlechter, ungerathener Sohn, Du Ben saurer umaure (widerspenstiger Sohn). Hinaus mit Dir, daß mein frommes, jüdisches Haus nicht von einem solchen Appikaures (Gottesleugner, kommt von Epikuräer her) verschmutzt wird!" Der Doktor wandte sich an seine Mutter: „Mutter, auch Du jagst mich von Dir fort und gibst mir kein gutes Wort auf den Weg?" „So geh' mein Kind, wenn Du glaubst, nicht bleiben zu können, wenn Du aber einst Deiner Familie und Deinen ehemaligen Glaubensbrüdern einen Dienst erweisen kannst, so thue es, mir zu Liebe!" Josef beugte sich über die Hand der gütigen Frau, um diese zu küssen. Die Mutter zog dann das Haupt des geliebten Sohnes an sich, um einen Kuß auf die hohe, weiße Denkerstirne zu drücken, dann legte sie die Hände segnend auf sein Haupt und murmelte die Worte vor sich hin: „Es segne Dich der Herr und behüte Dich; es lasse leuchten der Herr Sein Antlitz Dir und sei Dir gnädig, es wende der Herr Sein Antlitz Dir zu und gebe Dir Frieden!" Das war der letzte Segen, den Doktor Dansky in seinem Elternhause empfangen hatte. Ohne einen Blick auf Vater und Schwester zu werfen, verließ Dansky hocherhobenen Hauptes, beglückt durch den Segen seiner Mutter, das Vaterhaus, um nie mehr in dasselbe zurückzukehren. Er lenkte seine Schritte gradeaus dem Pfarrhause zu, woselbst er von dem greisen Pfarrer auf's herzlichste empfangen wurde. Der Entschluß des Doktors, die Taufe anzunehmen, wurde sehr beifällig ausgenommen und die weitgehendste Unterstützung versprochen. So war Dr. Dansky Christ geworden. Nun stand seiner Carriere nichts mehr im Wege. In Krakau selbst erhielt er die so lange vergeblich ersehnte Anstellung und bald wurde.er die Seele der panslavistischen Bewegung, die im Lande entstanden war. Als an die slavischen Vereine der Stadt die Einladung aus Tabor erging, der Enthüllung des Ziskamonumentes beizuwohnen, wurde Dr. Dansky, welcher der czechischen Sprache vollkommen mächtig war, zum Führer der dahin entsendeten Deputation ernannt. Voller Hoffnung für eine glorreiche Weltherrschaft des gewaltigen Slavenreiches, in welchem sein engeres Vaterland, Polen, die erste Rolle spielen sollte, hatte er diese Reise angetreten; die Rede, die er vor den versammelten Vertretern der großen slavischen Nation, seinen Brüdern, halten wollte, war ein Meisterstück der Rhetorik, diese sollte zünden und zu großen Thaten begeistern. Aber entmuthigt durch die deutschen Worte, welche zur Verständigung zwischen den Gästen und den Bürgern der Stadt dienen mußten, hatte er auf seine Rede verzichtet. Die sachlichen, unbefangenen Auseinandersetzungen mit einer einfachen Lehrerin hatten alle seine stolzen Entwürfe wie ein leichtes Kartenhaus übereinandergeworfen. Die Bekanntschaft mit diesem Mädchen schien ihm einigermaßen Ersatz bieten zu wollen für das politische Fiasko, welches unausbleiblich schien. Aber auch da mußte er eine mächtige Enttäuschung erfahren. Sie hatte ihm eine Zusammenkunft versprochen und nicht Wort gehalten, hatte ihn einfach genarrt. Mit einem tiefen Seufzer verließ er die Stadt, welche das Grab aller seiner Ideale geworden war. Nach seiner Rückkunft nahm der Doktor wohl wieder seine frühere Beschäftigung auf, aber über seinem ganzen Wesen lag ein Zug von Schwermuth gebreitet, der ihn von allen seinen früheren Freunden und Gesinnungsgenossen fern hielt. Er wußte es vielleicht selbst nicht, was ihn schmerzlicher berührte, ob das Aufgeben seiner politischen Ideale, oder die Enttäuschung, die ihm das schöne Judenmädchen bereitete. Vier Jahre waren verflossen, seit in Tabor die Denkmalsenthüllung des Nationalhelden mit so großem Pompe gefeiert wurde. Ziska, oder eigentlich sein Standbild, war eines schönen Sommertages im Jahre 1879 von seinem Piedestal herabgestürzt, nachdem durch eine Neigung nach vorn das Gleichgewicht der Statue zerstört wurde. Es war dies ein bisher unerhörter Vorfall, daß ein erzenes Standbild, ein wahrhaftes Kunstwerk, vier Jahre nach seinem Entstehen vernichtet wurde. Man ging daran, statt des ehernen ein steinernes Monument zu errichten, und nahm sich vor, dasselbe ohne Sang und Klang, ohne Festgäste und Festreden, einzuweihen. Das alte, zerbrochene Monument aber fand ein rühmloses Ende in einem Winkel des alterthiimlichen Rathhauses, wo es noch heute zu sehen ist. Dr. Dansky weilte eben in Prag, wo er in einem gelehrten, nationalen Vereine einen Vortrag über Linguistik halten sollte. In einer Gesellschaft, mit der er einen Abend verbracht, hatte er von diesem Vorfälle gehört, und sich der fast scherzend ausgesprochenen Beschwörungsformel erinnert, mit welcher damals Hedwig ihr Eintreffen beim Rendezvous zusagte. Wirklich, so fest wie das Standbild des Hussitenführers war auch die Zusage Hedwigs gewesen. Wie die Vorhersagung eines gottgesegneten Propheten war es eingetroffen. Alle Erinnerungen von damals bestürmten seine Seele. Er hatte Mühe, die Schatten, welche seit damals sein Leben verdüsterten, von sich zu bannen, damit er die übernommene Aufgabe zur Zufriedenheit der Einberufer der Versammlung und zu seinem eigenen Ruhme lösen könne. Längst vor Eintritt der festgesetzten Stunde war der große Sofieninselsaal von einem distinguirten

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