Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 69 (31.8.1903)
- Date
- 1903-08-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1529 Publikum dicht besetzt. Es konnte buchstäblich kein Apfel zur Erde fallen. Zuletzt, ganz zuletzt erschien noch ein junges Mädchen im Saale, welches eine vom Komitee ausgestellte Eintrittskarte vorwies, daher trotz der Ueberfüllung noch eingelassen werden mußte. Gleichzeitig, während dieses Mädchen am untersten Ende des Saales, an einen Pfeiler gelehnt. Platz nahm, bestieg der interessante Fremde, so wurde er allgemein von den Damen genannt, das Podium. Bei den ersten Worten, die er mit tiefer, vollklingender Stimme sprach, durchlief ein Beben den zarten Körper des jungen Mädchens. Sie konnte die Züge des Redners nicht erkennen, ihr Standpunkt war der denkbar ungünstigste, zudem war die Dame etwas kurzsichtig und die Entfernung für ein normales Auge viel zu groß, aber eine innere Stimme sagte ihr: „Er ist es, er ist es. ich habe mich nicht getäuscht. So spricht nur Einer, und das ist e r." Hedwig, sie war es, schloß die Augen, um so unbeirrt durch äußere Einflüsse den Wohlklang dieser Stimme auf sich einwirken zu lassen. Nun war er fertig. Dröhnender Beifall lohnte den Redner für seine geistvollen Ausführungen. Hedwig hatte schon die Hoffnung aufgegeben gehabt, dem jungen Manne, für den sic ein so großes Interesse hatte, im Leben jemals wieder zu begegnen, so gerne sie auch Gelegenheit gehabt hätte, sich ihres Wortbruches wegen zu rechtfertigen. Jetzt, wo sie in einem Saale mit ihm weilte und ein anderer Redner seinen Speech hielt, sann sie darüber nach, wie sie sich ihm nähern könnte, da sie so entfernt von ihm saß. und er sie nicht sehen konnte. Endlich faßte sie einen Entschluß. Sie zog ihre Karte hervor, und an den Pfeiler, neben dem sie stand, gelehnt, schrieb sie einige Worte darauf, die sie dein Vereinsdiener gegen ein gutes Trinkgeld zur Besorgung übergab. Dieser schmunzelte ganz bedeutungsvoll, als er Geld und Billet in Empfang nahm, drängte sich durch die dichtgestaute Menge bis hinauf zu dein gefeierten Gaste. „Von einer Dame an mich?" fragte Dansky ganz erstaunt. „Welche Dame kennt mich denn hier genauer?" ~ «Das Fräulein sagte, daß sie Ihre Bekanntschaft in Tabor gemacht." „Von Tabor aus? Ja. das ist leicht möglich." sagte Dansky ganz verwirrt, „warten Sie ein wenig, vielleicht ist eine Antwort nothwendig." „Ich glaube, das Fräulein erwartet eine Antwort." Der Doktor las das zierliche mit Bleistift beschriebene Kärtchen: „Vergeben Sie mir meinen damaligen Wortbruch, ich war nicht Herrin meiner Handlungen, und bestimmen Sie mir Ort und Stunde eines Wiedersehens zu meiner Rechtfertigung." Dansky warf auf ein leeres Plätzchen des vor ihm liegenden Programms die Worte hin: „Dank, mein theures Fräulein; bleiben Sie an Ihrem Platze bis zu Ende der Versammlung, ich suche Sie daselbst auf." Der Doktor ließ sich vom Ueberbringer des Billets den Platz bezeichnen, dann erst schickte er ihn mit seiner Antwort an Hedwig ab. Dansky hatte Mühe, sich der Aufmerksamkeiten der Herren vom Komitee zu erwehren, welche ihn zur Theilnahme an einem Soupee zu überreden suchten. Dansky entzog sich dieser Aufmerksamkeit durch das Geständniß. daß er im Publikum eine bekannte Dame gesehen habe, die er aufsuchen wolle. Rur langsam entleerte sich der Saal. Hedwig stand, an den Pfeiler gelehnt, und ertrug so manchen Stoß, der ihr von den hinausdrängenden Leuten, denen sie im Wege war. verseht wurde. Da stand sie, umwogt von dem Gedränge, das um sie her entstanden war. und rührte sich nicht von ihrem Platze, aus Furcht, von dem Erwarteten alsdann nicht angetroffen zu werden. Doch endlich stand er vor ibr, so wie damals. So wie damals? Nein, viel stattlicher, viel herrlicher, als damals. „Herzlichen Dank, Fräulein Hedwig, daß Sie sich noch meiner erinnern," sprach er sie an. „Wie sollte ich nicht, Herr Doktor? Aber was müssen Sie sich von mir denken, wie werden Sie meine Aufdringlichkeit beurtheilen?" „Denken werde ich mir, daß Sie ein liebes, kluges Mädchen sind, welches sich über kindische Ansichten und alberne Vorurtheile hinwegsetzt. Uebrigens waren Sie mir diese Zusammenkunft ja schuldig geblieben, liebes Fräulein!" „Das eben war der Grund meines Hervortretens aus der dem Weibe vorgeschriebenen Zurückhaltung. Ich dankte Gott dafür, daß er mir Gelegenheit gegeben hat, mich vor Ihnen rechtfertigen zu können. Das war die Ursache meiner Handlungsweise." „Die einzige Ursache?" fragte Dansky. Erröthend unter dem forschenden Blicke, den der Doktor bei diesen Worten auf sie richtete, sagte Hedwig ausweichend: „Wenigstens die wichtigste." ..Das lasse ich mir vor der Hand gefallen. Doch kommen Sie. Fräulein, an einen Ort mit mir, wo wir ungestört plaudern können." „Da kann nur die freie Straße sein." antwortete Hedwig. „Oder ein Gartenrestaurant," warf der Doktor ein. „Ich für meine Person setzte mich über solch' beengende Ansichten hinweg, und würde Ihnen ohne Weiteres in einen Garten folgen, aber ich bin nickt ganz unabhängig. Die Eltern meiner Schüler könnten mich in Gesellschaft eines Herrn sitzen sehen, und ich -AJJSW. Wuiuyu...