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Der Israelit · 1903-08-27 · Heft 68 (27.8.1903) · page 30

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 68 (27.8.1903)
Date
1903-08-27
Page
– (sequence 30)
Language
German
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ständniß hätte. Die Juden sind hoch zu preisen, die ohne einen Augenblick des Zögerns ausgiebig geholfen haben, als der Nothschrei ertönte. Wogegen ich mich allein wende, das ist die im amtlichen Judenthum herrschende Auffassung, daß mit der Wohlthätigkeit allein alles gethan sei. Wir können nicht oft und laut genug wiederholen, was unser Präsident gestern gesagt hat: Nein, mit der Wohlthätigkeit allein ist nichts, gar nichts gethan. Liegt kein bitterer Hohn darin, daß die Millionen, die wir von den jüdischen Reichen für unsere Kolonialbank — die Bank der Befreiung! — nicht bekommen konnten, augenblicklich beisammen waren, als es galt, sie in einem Abgrund spurlos und ewig unfruchtbar verschwinden zu lassen? Daß jährlich Millionen aufgewendet werden zur Unterhaltung von Ackerbauschulen für Juden, die den Acker nicht bebauen dürfen, von Handwerksschulen für Juden, die das Handwerk bloß an Orten betreiben dürfen, wo es eine sichere Anweisung auf langsames Verhungern ist? Darin wollen wir Wandel schaffen. Die Einführung der jüdischen Jugend in Berufe, die sie nicht ansüben darf, das Herumschicken der Sammelbüchse nach jeder geschehenen Mordthat darf nicht länger unsere alleinige Volkspolitik sein. Die neue Volkspolitik, die ich Sie anzunehmen und zu verkünden bitte, heißt: Organisation. Organisation durch Stärkung und Vermehrung unserer Machtmittel zum Zwecke der Befassung der Mächte mH der Judenfrage und Beginn der Vorarbeiten zur Verwirklichung unserer politischen Pläne. Das sind so große und schwierige Aufgaben, daß wir uns dem Verdachte mangelnden Ernstes aussehen würden, wenn wir ihnen auch nur den kleinsten Theil unserer Kraft entziehen würden, um sie anderen Zielen zuzuwenden. Vor dem unverrückbaren Ziele der jüdischen Besiedelung Palästinas darf es nur eine Haltestelle unterwegs und eine provisorische Arbeit geben: das ist die Errichtung eines Nothbaues für die hunderttausend unglücklichen Brüder — ob Zionisten oder nicht, ist ganz gleichgiltig; es genügt, daß sie Juden sind — die, anders als wir Sässigen, nicht warten können, die bereits auf der Wanderung begriffen sind, die bereits wie ein Weberschiffchen von Continent zu Eontineut. von Ozean zu Ozean hin- und hergeschleudert werden, die untergehen würden, wenn wir nicht etwas thun würden, um sie zu retten. Für diese Hunderttausende müssen wir, ehe wir ihnen eine ständige Dauerwohnung anweisen können, gleichsam ein Nachtasyl eröffnen! Als solches Nachtasyl würde ich die Kolonien ansehen, zu der die britische Regierung unter gewissen Bedingungen uns Land zu gewähren bereit ist. Freilich toäre^ es ein Nachtasyl ganz eigenthümlicher Art, wie ja alles, was wir Juden als Volk unternehmen, einzigartig ist. Es wäre ein Nachtasyl, das seinen Bewohnern nicht bloß augenblicklichen Unterschlupf und Nahrung gewahrt, sondern das auch ein politisches und geschichtliches Erziehungsmittel sein würde, ein Erziehungsmittel, das die Juden und die Welt an den ihnen seit Jahrtausenden fremd und vielen unleidlich widerwärtig gewordenen Gedanken gewöhnt, daß wir Juden ein Volk sind, ein Volk» fähig, willig und bereit, alle Gesammtaufgaben eines gesitteten, selbstständigen Volkes zu erfüllen. (Tosender, lang andauernder Beifall.) Gewiß, es gibt für das jüdische Volk sehr viel, ungeheuer viel zu thun. Dringlichstes, minder Dringliches, Nothwendiges. Nützliches oder einfach Wünschenswerthes, wenn auch vorläufig noch Entbehrliches. Alle Aufgaben dieser Ordnung müssen der Privatthätigkeit überwiesen werden. Mögen Einzelne und Vereine den Ueberschuß ihrer Kraft und Mittel, wenn sie daran einen Ueberschuß zu haben glauben, der Lösung dieser Aufgabe zu-' wenden. Der Zionismus muß sich strengstens jede Kraftzersplitterung versagen! Sein einziges Arbeitsprogramm muß heißen: Ausbau der innern Organisation zum Zwecke der Befassung der Mächte mit der Judenfrage, und inzwischen Errichtung eines Nachtasyls für unsere Obdachlosen. Die Wirkung dieser jüdischen Volkspolitik, wenn Sie sie annehmen und laut verkünden, wird sofort fühlbar werden, nicht etwa erst, wenn sie ganz oder theilweise verwirklicht ist. Die Welt wird uns achten, wenn sie uns nicht mehr geduckt, sondern aufrecht sieht. Die Judenfeinde werden wahrscheinlich Judenfeinde bleiben, aber die Anständigen unter ihnen werden ihre Feindschaft in ritterlicher Form bethätigen, denn nur ein Feigling schämt sich nicht, einem Gegner anders als ritterlich zu begegnen, der mit einer großen Kokarde in weithin sichtbarer Farbe am Hut im Sonnenlichte auf freiem Blachfelde für sein Dasein kämpft! So ändert der Zionismus — nicht später^ gleich! — das zweitausendjährige Vorzeichen des Judenthums von Minus in Plus, von Passiv und Aktiv, und lehrt die Welt, das angebliche Handelsvolk ckls ein handelndes Volk in einem neuen Sinne zu erkennen! (Tosender, nicht endenwollender Beifall.) Dann wurde die Behandlung des Geschäftsberichts fortgesetzt. Hauptsächlich handelte es sich um einen Antrag von Dr. F a r b st e i n. Zürich, es sei eine Kommission aus 2t Mitgliedern zu bestellen, um die zionistische Besiedelung eines britischen Gebietes in Ostafrika, wie sie von der britischen Regierung in Aussicht gestellt, zu prüfen und darüber Bericht zu erstatten. Dr. Friedmann. Berlin, unterstützte Namens der deutschen, österreichischen, italienischen und holländischen Landsmannschaften den Antrag, diese Frage einer besonderen politischen Kommission zu übertragen. Dr. P a z m a n i k, Genf, ersuchte den Kongreß, dem

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