Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1903-08-27 · Heft 68 (27.8.1903) · page 29

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 68 (27.8.1903)
Date
1903-08-27
Page
– (sequence 29)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449890-2449954--58952-2523393
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

l 1525 nicht mit einer bloßen Promenade zu einer Wahlurne zu überwinden sind! Ich denke, wenn ich von der Eroberung der jüdischen Gemeinden spreche, in erster Reihe an die Länder, in denen die große Masse des jüdischen Volles siedelt und die Kraft unserer Bewegung wurzelt. Dort tonnen wir siegen, und weil wir es können, müssen wir es! In den Ländern der Assimilation liegen die Dinge anders. Da wird sich vielleicht die Eroberung der Gemeinden in absehbarer Zeit als unmöglich erweisen. In diesem Falle werden wir bloß festzustellen haben, das; die große Mehrheit des jüdischen Volkes und seiner staatlich anerkannten Einrichtungen die Zionistische Kokarde angesteckt hat. und daß die kleine Minderheit von Widersachern, die den Zionismus als Svstem jüdischer Volkspolitik nicht nur für sich, sondern auch für die der Erlösung bedürftige große Mehrheit des jüdischen Volkes endgültig ablehnt, sich selbst als Fremdkörper im lebenden jüdischen Organismus bekennt. Geehrte Versammlung! Jedesmal, wenn zwischen den einzelnen Kongressen eine längere Zeit verstreicht, bemächtigt sich unserer Gesinnungsgenossen eine sichtbare Unruhe. In den Reihen unserer Stciter tritt ein eigcnthümliches Schwanken ein. In immer kürzeren Abständen, immer hastiger und erregter hören wir die ängstliche Frage wiederholen: „Was geschieht? Woran sind wir? Was sollen wir der Menge antworten, wenn sie in ihrer Ungeduld nach praktischen Ergebnissen fragt?" Und wenn dann noch eines jener unglücklichen Ereignisse eintritt, wie sie es in der lei-.ten Zeit leider immer häufiger geworden sind, wenn dem jüdischen Volke eine Schmach zugefügt wird, die jeder Einzelne von uns an seiner Stirne als Brandmal empfindet, solange sie nicht abgewaschen ist. dann gebt ein Beben vom Scheitel bis zur Sohle durch das jü- .dische Volk und die auch sonst leider bei uns schon so verbreitete Nervosität steigert sich in einer Weise, daß sie unznsammenhängende Bewegungen auslöst, die nur als Panikbeweaungen bezeichnet werden können. Der Ruf geht dann durch die Lande: „Es muß sofort etwas geschehen, auch wenn es etwas Unnützes, auch wenn es etwas Schädliches ist; aber sofort muß etwas geschehen." Das ist eine sehr gefährliche Neigung; das ist ein sehr bedenklicher Seelenzustaud: wir müssen ihm enigcgentreten und ihn belämvfen. Er ist erklärlich. Er erklärt sich daraus, daß bisher noch niemals ein Svsiem jüdischer Volksvolitik ausgestellt worden ist. das iedem einzelnen denkenden Juden vollkommen klar vor Augen steht. (Beifall.) Ich habe vorhin gesagt, daß dieser Kongreß der bevollmächtigte, rechtmäßiae Vertreter des indischen Volkes ist. Ihm liegt es ob. jüdische Volksvolitik zu machen. Dieser Kongreß wird in großen Zügen die jüdische Volkspolitik für jetzt und eine geraume Zeit festzulegen und zu verkünden haben, so daß auch in der langen, manchmal schrecklichen, kongreßlosen Zeit jeder einzelne Jude auf dem Posten, auf dem er steht, weiß, was er zu thun hat, woran er zu arbeiten hat und sich von Zufällen, so schmerzlich sie auch sein mögen, nicht verwirren, nicht aus Reih und Glied bringen läßt. Denn sehen Sie, eine jüdische Volkspoliiik hat es bisher niemals gegeben. Mit den krampfhaften, unzusammenhängenden, automatischen Reflexbewegungen der Abwehr, die einzelne Juden oder kleine Theile des jüdischen Volkskörpers der.Gefahr und dem Angriff entgegensetzen können, ist dem jüdischen Volke in seiner Gesammtheit nicht geholfen. Es bedarf wohlkoordinirtcr Vertheidigungsthaten des ganzen jüdischen Volksorganismus. Von unserer Vertheidigung war bisher jeder strategische Gedanke, jeder Gesammtplan, jede einheitliche Führung abwesend. Sie bestand lediglich in einer Reihe Einzel-Scharmützel der St. Georgs- Kavallerie. Sie wissen ohne Zweifel, welche Armee-' Abtheiluug man in England mit diesem Ausdrucke bezeichnet. Es ist eine tapfere Truppe der goldenen Sovereigns, deren Prägung das Bild des kathol. Heiligen Georg zeigt. Das Geld heraus! Das war die jüdische Volkspolitik. Als es neulich galt, die Antwort des Judenthums aus eine schwere Beleidigung zu geben, da sahen wir, daß in allen Ländern, wo Juden wohnen, Geld gesammelt imirbe. Binnen wenigen Wochen sind auch an zwei Millionen Franken zusammengekommen, und dieser Betrag beweist, daß unsere jüdischen Neichen diesmal tief in die Tasche gegriffen haben. Damit war aber auch ihre Anstrengung erschöpft. Das Geld wurde an den Ort der Heimsuchung geschickt und dazu gesagt: „Hier ist Geld. Nun bleibt, wo Ihr seid, und verhaltet Euch ruhig." (Beifall.) Unsere Neichen haben sich zu unseren Todfeinden in Waffen gewendet und ihnen gesagt: „Ab, Ihr mordet? Ihr schändet, Ihr zerstört? Hier ist Geld zur Versorgung der Wittwen und Waisen, zur Heilung der Verstümmelten und Siechen, zum Ersatz des vernichteten Hausrathes und der geraubten Güter. Ihr werdet nach einiger Zeit die neuen Möbel, die neuen Maaren wieder vernichten, neue Leichen, neue Krüppel, neue ihrer Ernährer beraubte Familien machen? Wir werden neues Geld schicken. Wir wollen doch sehen, wer früher müde wird: Ihr, zu morden, oder wir, zu schenken." (Beifall.) Geehrte Versammlung! Es ist nicht meine Schuld, daß selbst die furchtbarste Tragik sofort in Posse umschlägt, wenn das bisherige amtliche Judenthum in ihre Entwicklung eingreift. Mißverstehe mich Niemand! Nichts kann mir ferner liegen, als die jüdische Wohlthätigkeit gering zu schätzen. Ich würde mich an meinem Volke schwer'versündigen, wenn ich für seine schönste und rührendste Tugend keine Würdigung und kein Ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.