Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 68 (27.8.1903)
- Date
- 1903-08-27
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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1524 Organismus; es war ein Menschenstaub; es wußte selbst nicht, was es wollte: es hatte leine bestellte Vertretung. die in seinem Namen sprechen konnte; und da es selbst nicht wußte, was es wollte, konnten selbstverständlich auch die Regierungen dies nicht wissen. Und das geändert zu haben, scheint wenig, es ist aber in Wirklichkeit sehr viel. Wir haben verlangt? Wir haben verlangt, daß uns Palästina, unter selbstverständlicher Wahrung der Hoheitsrechte des Sultans, unter ebenso selbstverständlicher Exterritorialisirung der Heiligen Stätten, an denen die ganze Christenheit mit ihren tiefsten Gefühlen der Verehrung und Liebe hängt, jedoch gleichzeitig unter Gelvährleistung des unerläßlichen Mindestmaßes von Selbstvcrwaltungsrechten. ohne die wir auch in Palästina uns nicht national ausleben könnten, geöffnet wird. Es ist uns von mehr als einer amtlichen Seite, wenn auch in höfliche Form eingehüllt, etwa dieses entgegnet worden' „Ihr seid unzufrieden und wollt auswandern. Wir machen Euch unser Compliment zu diesem Entschlüsse, der für Euer Selbstgefühl und Eure Energie zeugt. Aber dazu bedarf es doch keiner Negierungshandlnngen. Wir legen Eurer Auswanderung nicht das geringste Hinderniß in den. Weg und geben Euch sogar unsere bellen Wünsche auf die Reise mit'' (Heiterkeit). Wir haben da. vielleicht zum ersten Male in unserem Leben, keinen Sinn für Humor haben dürfen, sondern mit unerschütterlichem, ehrerbietigem Ernst erwidern müssen: Verzeihung, es genügt nicht, die Thürflügel zu öffnen, wenn die Thüröffnung außen zugemauert ist. Ihr gestattet uns den Abzug, aber Niemand gestattet uns den Einzug. Da wir nicht annehmen, daß Ihr mit dem Leben eines Volkes von 12 Millionen Kurzweil treibt, bitten wir Euch, es nicht bei der Erlaubniß zur Auswanderung bewenden zu lassen, sondern uns auch den Eintritt in das Land zu erschließen, das wir als Ziel in's Auge gefaßt haben. Nicht von berufener Seite, nicht von amtlichen Stellen, aber von den zahlreichen Liebhaber-Diplomaten, von denen es in den Reihen unserer Widersacher wimmelt, kam uns darauf diese höhnische Erwiderung: „Ja. Kinder, wie stellt Ihr Euch denn das eigentlich vor? Sollen die Mächte etwa zum Sultan sagen: Gib den Juden Palästina, sonst hast Du es mit uns zu tbun?" Auch darauf erwidern wir mit einem Ernste, den der Einwand kaum verdient: Das ist niemals unser Gedanke, Einser Wunsch gewesen. Den souveränen Rechten und der Würde des Sultans soll von keiner Seite nahegetreten werden. Der Tag. an dem wir in eine türkische Provinz einziehen, soll für alle Zukunft ein großes und glückliches Datum in der Geschichte des Ottomanischen Reiches^verden. Alles, was wir wünschen, iss. daß wir von ben Großmächten mit dem Sultan amtlich in Verbindung gesetzt werden, daß wir nach eingehender Konversation mit Sr. Majestät, in der wir uns zutranen, ihn davon zu überzeugen, daß es sein Vortheil ist, sich mit uns zu verständigen, bei dem Schlußgespräche dieselben Großmächte als Theilnehmer. Zeugen und Gewährleister unserer Abmachungen gegenwärtig haben. Sollte sich gleichwohl die Unmöglichkeit Herausstellen, mit Sr. Majestät dem Sultan zu einer Verständigung zu gelangen, sollte sein unbeugsamer Wille uns Palästina verschließen, dann müßten wir eben, unter feierlicher Aufrechterhaltung unserer unverjährbaren geschichtlichen Ansprüche auf das Land unserer Väter, mit beiden Füßen unerschütterlich auf dem Voden des Basler Programms verharrend. uns in Geduld fassen und warten. Wir können warten. Verstehen Sie mich recht, wir können nicht warten, wenn wir uns selbst aufgeben, wenn wir an unserer Zukunft verzweifeln. wenn wir die Flinte in's Korn werfen; dann jagen wir mit furchtbarer Schnelligkeit dem erbärmlichsten Untergange entgegen (Beifall). Wenn wir aber wieder Selbstvertrauen fassen, wenn wir entschlossen sind, als Volk weiter zu leben, ein deutliches Ziel, einen klaren, festen Plan haben, dann sind, wir wieder das „ewige Volk". ..am Olam", und nichts und Niemand vermag das geringste gegen uns (tosender, langandauernder Beifall und Tücherschwenkenl. Dann warten wir eben geduldig, bis günstigere Verhältnisse sich darbieten, und wiederholen dann immer wieder ganz gelassen, mit unerschütterlicher Zähigkeit, der unsere Feinde nach ihrem Belieben einen andern, schimpflichen Namen geben mögen, unsere Forderung, bis in der Weltpolitik eine Lage eintritt, die es den Mächten wünschenswerth macht, uns zu hören. Inzwischen werden wir keinen Augenblick aufhören dürfen, die Judenfrage vor der Welt und vor den Regierungen als eine stehende Aktualität lebendig zu halten, und daneben werden wir an unserer inneren Organisation arbeiten müssen. Möglichste Stärkung und Vermehrung der Machtmittel des Zionismus bleibt unsere erste und vornehmste Aufgabe (Beifall). Darunter sind zu verstehen: die Vervollständigung des Aktienkapitals der jüdischen Kolonialbank, die Vergrößerung des Nationalfonds, und vor allem: die Eroberung der Gemeinden und der. meist von ihnen abhängenden bestehenden jüdischen Einrichtungen. Ich weiß, man sagt uns: Das ist zu schwer, das ist unmöglich. Schwer ist es. zu schwer nicht. Zu schwer darf es nickt sein. Es ist eine erste Kraftprobe. Wenn wir nicht einmal im Stande sind, rein innerjüdische, mit dem Stimmzettel in der Hand zu lösende Fragen zu bewältigen, wie sollen wir uns Zutrauen, ein politisches, wirthschastliches. soziales Werk zu unternehmen. bei dem wir es mit der ganzen nicht-sü- ■ dischen Welt zu thun haben und dessen Schwierigkeiten