Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 68 (27.8.1903)
- Date
- 1903-08-27
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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\;■ ■. 1523 i! i; I f i i j j I i! Und nun, geehrte Versammlung, werfen Sie einen Blick auf den Weg, den der Zionismus in nicht ganz siebenjährigem Bestände in seiner gegenwärtigen Form zurückgelegt hat. Nach nicht ganz einjähriger Arbeit hat er diesen Kongreß geschaffen, den heute mit Ausnahme einiger verbohrter jüdischer Widersacher Niemand mehr in seiner Eigenschaft eines rechtmäßigen Vertreters des jüdischen Volkes bestreitet. (Beifall.) Alle ernsten Menschen erkennen, daß wir die zu den Akten legitimirten Sachwalter des jüdischen Volkes sind, Seit dieser ersten That sind sechs Jahre verflossen. In diesen sechs Jahren haben wir. von allem andern abgesehen, eines gethan: wir haben die Welt in aller Form mit der Judenfrage befaßt. Die Mitlebenden geben sich nicht oft von der geschichtlichen Bedeutung der Ereignisse Rechenschaft, die sich vor ihren Augen begeben. Die Nachwelt ist in der Regel gerechter; sie kann es sein, denn sie überblickt die Dinge von höher und weiter; die Nachwelt wird zu würdigen wissen, was diese Thatsache bedeutet. Denn bis zum Auftreten des Zionismus wurde der nicht-jüdischen Welt von den Personen, die bis dahin allein als die amtlichen Vertreter des Judenthums anerkannt waren, immer versichert, daß es keine Judensrage gibt, daß die Juden glücklich und zufrieden sind. Es war, namentlich in den letzten Jahrzehnten, seit der Emanzipation der Juden im Westen, eine eiserne Tradition des amtlichen Judenthums geworden, bei jeder Berührung mit Nichtjuden eine lächelnde Optirnistenpbysiognomie anzunehmen. Die Stellung unseres berühmten »großen Juden" ist die, daß er sich die Hände reibt, wenn er sie nicht entweder in dem Aermel-Ausschnitt der Weste eingehängt hat oder eben mit ihnen ansehnliche Beträge für öffentliche, in der Regel judenfeindliche. Einrichtungen oder Anstalten auszahlt. Wann immer ein Minister, oder gar ein Staatsoberhaupt, auf Reisen oder bei feierlichen Anlässen die amtlichen Vertreter des Judenthums empfing, hörte man dasselbe Lied: „Wir sind glücklich unter Ihrer Regierung, oder unter Ihrer Verwaltung, wir sind tief dankbar für den gnädigen Schutz, den Sie uns angedeihen lassen; wir werden unterthänigst bemüht fein, uns Ihrer Huld und Gnade weiter würdig zu machen." Es ist den Regierungen nicht übel zu nehmen, wenn sie mit einem Anschein guten Glaubens den Inden, die sich nun bei ihnen beklagen, erstaunt entgegnen: „Was, Ihr seid nicht zufrieden? Ihr beklagt Euch? Das ist ja etwas ganz Neuest Eure rechtmäßigen Vertreter haben uns immer das Gegentheil versichert!" Ich nehme es als ein großes Verdienst des Zionismus in Anspruch, daß er dieser Zufriedenheits- Heuchelei und Dankbarkeits-Komödie ein Ende gemacht hat (langanhaltender Beifall). Wir haben zuerst laut und deutlich gesagt: Wir sind nicht zufrieden, wir halten unsere Lage für eine sehr schlechte, wir empfinden unsere Behandlung als eine unwürdige und unverdiente, wir halten eine grundstürzende Aenderung unserer Lage für eine Lebens-Nothwendigkeit, nach den demüthigenden Erfahrungen, die wir mit den Anähnlichungsversuchen an andere Völker gemacht, haben wir uns auf uns selbst besonnen und wollen uns in unserer Art, in eigenem Recht, auf eigenem Boden ausleben. Wir haben, ich wiederhole es, die Welt in aller Form mit unseren Wünschen befaßt, wir haben als ein Volk, dem Unrecht geschieht und das Gerechtigkeit verlangt, zu den Völkern gesprochen, wir sind vor die Regierungen hingetreten und haben, ohne zu verschleiern und ohne um den Brei zu gehen, etwa dieses gesagt: Wir sind ein altes geschichtliches Volk von fast 12 Millionen. Wir halten uns für so gut wie irgend ein anderes Volk auf Erden. (Stürmischer Beifall.) Wenn nöthig, wollen wir das begründen. Gleichwohl werden wir, von verschwindenden Ausnahmen abgesehen, von Haß oder doch von Abneigung und Mißtrauen verfolgt. Hier verweigert man uns ausdrücklich die ursprünglichsten Menschenrechte. Dort gewährt man sie uns auf dem Papier, nimmt sie jedoch in der Praxis größtentheils wieder zurück. In dieser Lage wollen wir nicht weiter leben. Zur Liebe können wir Niemand zwingen: Gerechtigkeit jedoch dürfen wir fordern, weil wir ein menschliches Antlitz tragen (tosender Beifall). Es isi aber nicht gerecht, daß man uns als Parias, oder bestenfalls als Bürger zweiter Klasse, und überall als widerwillig geduldete, fremde Eindringlinge behandelt. Wir sind keine Parias und wollen uns nicht zu solchen Hinabdrücken lassen. Wir wollen in Palästina Bürger erster Klasse (tosender, langandauernder Beifall), mit dem allseitig anerkannten geschichtlichen Rechte von U reingesessenen sein, und wir bitten die Regierungen, uns zu der Erreichung dieses Zieles behilflich zu sein. Das, ich wiederhole es, mag den Mitlebenden gering scheinen, thatsächlich ist es eine Wendung in der Geschichte des jüdischen Volkes. Wir haben verlangt. So alt die Welt geworden ist, sie hat bisher immer nur erst zwei Methoden gefunden, um zu bekommen. Diese beiden Methoden heißen: nehmen und verlangen. Nehmen können und wollen wir nicht, bleibt also bloß die zweite Methode: Verlangen. Seltsam, aber buchstäblich wahr: Vor dem Auftreten des Zionismus haben wir thatsächlich nicht verlangt. Unter uns haben wir tiefe Seufzer ausgestoßen, sehnsüchtige Wünsche in Prosa und Vers ausgedrückt, einander mit vielsagenden Schwärmerblicken die Hände gedrückt, wir sind aber niemals vor alle Mächte hingetreten und haben ihnen in positiver Formulirung offen und deutlich gesagt, was wir wollen. Einen Vorwurf dürfen weder wir selbst, noch andere Hms deßwegen machen. Das jüdische Volk war chaotisch; es bildete keinen üj ■j i | i 5