Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 68 (27.8.1903)
- Date
- 1903-08-27
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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1515 Nach dem Ableben unseres unvergeßlichen Rabbiners R. S. Hurwitz s. A., unter dessen bewährter Leitung die Ritualinstitutionen der hiesigen Gemeinde Jahrzehnte hindurch gestanden hatten, trat an die Gesetzestreuen Leipzigs die schwierige Frage einer Neuregelung der Dinge heran. Durchdrungen von der hohen Bedeutung der zu erhaltenden Güter, fest davon überzeugt, daß wir einen Mann von so. hoher Autorität auf dem Gebiete der Thorakunde, von so tiefer Gelehrsamkeit, von so abgeklärter Frömmigkeit nicht wieder für unsere Gemeinde gewinnen würden, beschlossen wir, um das gesegnete Wirken des bedeutenden Mannes nach unseren Kräften fortzuerhalten, die Vereinigung „Adaß Jeschurun" zu schaffen, die fortan mit vereinten Kräften zu leisten versuchen sollte, was der Verblichene durch selbstlose und hingebungsvolle Arbeit und kraft des Einflusses seiner bedeutenden Persönlichkeit allein leisten konnte. Wir bezweifeln nicht, mit der Schöpfung der „Adaß Jeschurun" im Geiste unseres Heimgegangenen Rabbiners gehandelt zu haben, wie es uns stets hohe Pflicht sein wird, den Tribut unserer Ehrfurcht und unserer Dankbarkeit seinem gesegneten Andenken zu zollen. Die „Adaß Jeschurun" will sein: eine Stätte der Vereinigung aller Glaubensbrüder, in Leipzig, die die Forterhaltung und lebensvolle Ausgestaltung des geschichtlich überlieferten Judenthums wollen. Aus dieser Tendenz erwuchs der „Adaß Jeschurun" die Pflicht, einen Rabbiner gesetzeslreuer Ge-., sinnung zu berufen, dem die Beaufsichtigung der Ritualinstitutionen zu übergeben war. Durch das für Sachsen bestehende Schächtverbot erwachsen der hiesigen Schechitah besondere Schwierigkeiten, die zu ihrer Hebung besonderer rabbinischer Maßregeln bedürfen. Wir wählten zu unserem Rabbiner Herrn Dr. Jsak Auerbach, der bis zu seiner Berufung als Rabbiner der Synagogengemeinde Halberstadt mit Umsicht, Eifer und Treue seine Pflichten erfüllte und sich die dauernde Dankbarkeit unserer Vereinigung erwarb. Wir beriefen sodann unseren gegenwärtigen Rabbiner, Herrn Dr. N. A. Nobel. Wir gründeten eine Synagoge, Hainstraße 5, Hof. in der der altjüdische Gottesdienst durch eine gediegene deutsche Predigt belebt wird, die mit Nachdruck die hohen Ideale der „Adaß Jeschurun" vertritt, einen inneren und äußeren Zusammenschluß aller Gesinnungsgenossenschaften mit Eifer und Würde erstrebt, einer modernen, mit der Weltanschauung und der Kultur unserer Zeit zu versöhnenden Erfassung des JudenthumT kraftvoll das Wort redet. Was die Predigt den Erwachsenen bietet, sucht die von uns gegründete Religionsschule der Jugend einzuimpfen: Liebe und Begeisterung für die jüdische Vergangenheit, liebevolles Umhegen des Glaubens an eine jüdische Zukunft, denkendes und tiefgefühltes Festhalten an den Pflichten, die daraus für die jüdische Gegenwart erwachsen. Unsere ReligivAsschule, aus schwachen Anfängen sich entwickelnd, wird gegenwärtig von mehr als 120 Kindern besucht, die in sechs Klaffen nach einem geregelten Lehrplan von' dem Rabbiner als Direktor der Schule und einem Lehrer unterrichtet werden. — Da in hiesigen Schulen der Dispens vom Schreiben am Sabbat nur unter Schwierigkeiten ertheilt wird, so wäre die Gründung einer jüdischen Real-, j schule, nach dem Muster der bereits in Frankfurt, Hamburg und Fürth bestehenden Schulen, hier eine hohe Nothwendigkeit, deren Errichtung lm$ indeß vorläufig nur als frommen Wunsch betrachten können, da eine volle Einigkeit der Gesinnungsgenossen noch nicht erzielt ist, wie sie ein so großes Werk schon wegen Beschaffung der materiellen Grundlagen als erste Voraussetzung bedingen würde. In unserem Beth-Hamidrasch werden tägliche Lehrvorträge vom Rabbiner gehalten. Wir errichteten unter großen Kosten eine eigene Fleischhalle, die sich leider mangels fachmännischer Lei-.. tung nicht halten konnte. Wir gingen dann dazu üb-r,.... unserem Rabbiner die Aufsicht.über die hiesige renom- - , mierte Metzgerei von Adolf Zellner zu übertragen. - Die Aufsicht wird durch einen vom Rabbiner bestimmten Aufsichtsbeamten ausgeübt, der den ganzen Tag in der Fleischerei zu weilen hat und von uns dafür besoldet wird. Der Rabbiner wird in der Oberaufsicht über Schechita und Metzgerei, wie in seiner ganzen rabbini-.. schen Thätigkeit von unserem Dajan, Herrn S. Waltuch, unterstützt. Das bewährte, allgemein bekannte . Restaurant Alexander, Brühl 27, ist gleichfalls der Aufsicht unseres Rabbiners Dr. Nobel unterstellt. Ebenso ist es uns gelungen, die Bäckerei und Kondjjorei.... von Heinrich, Reichstr. 37, unter dieselbe Aufsicht zu. nehmen. 7 Alle unsere Institutionen sind unter schweren Geldopfern unserer Mitglieder in's Dasein gerufen ' worden. Da die weitaus größere Zahl derselben in sehr engen Verhältnissen lebt, erwächst der kleinen Zahl der wohlhabenden Mitglieder eine Last, die sie allein, ohne Mithilfe auswärtiger für dieselben Ideale begeisterter Glaubensgenossen, kaum zu tragen vermag. Wir dürfen daher auf die auswärtige Hilfe umso eher rechnen, als es sich hauptsächlich um ein geistiges, sittliches und religiöses Hilfswerk für die Kindes der hier eingewanderten russischen und galizischen Glaubensbrüder handelt, die, als Opfer des wirthschaftlichen und politischen Nothstandes in ihrer Hermath, unser glücklicheres Vaterland ausgesucht haben. Sie und ihre Kinder dem Judenthum zu erhalten und ihnen zu zeigen, was sie in der Heimath unter gänzlich anders gearteten Verhältnissen nicht lernen konnten, wie das Judenthum der Gegenwart die Kulturforderungen unserer Zeit zu erfüllen habe, ohne sich selbst untreu zu werden, ist eine Aufgabe, deren Lösung in erster Linie allerdings der Judenschaft Leipzigs, sodann aber der gesummten deutschen Judenheit zufällt.