Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 68 (27.8.1903)
- Date
- 1903-08-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1506 Stelle gesagt werden, mit welchem Schmerz und welcher Entrüstung wir die grauenhaften Vorgänge von Kischinew vernommen haben, und mit welchem Kummer es uns erfüllt, daß Juden unter solchen Bedingungen leben. Arme, sorgenschwere Existenzen haben dort unter Martern geendet. Wir wollen ihr Andenken ehren, uns um ihre Hinterbliebenen kümmern, und dann wollen wir' unsere Zeit nicht mit nutzlosen Demonstrationen verlieren, sondern unsere lebendige Sorge den Lebenden zuwenden. Denn die blutigen Tage der bessarabischen Stadt sollen uns nicht vergessen machen, daß es noch manches andere Kischinew, und nicht nur in Rußland, gibt, Kischinew ist überall, wo Juden an Leib oder Seele gequält, an der Ehre gekränkt, am Vermögen geschädigt werden, weil sie Juden sind. Retten wir die. welche noch zu retten sind. Es ist die höchste Zeit. Wer überhaupt die sichtbaren Zeichen sieht, muß sehen, daß in der Lage eine geradezu verhängnißvolle Verschlimmerung eingetreten ist. Wir Zionisten haben diese Verschlimmerung seit Jahr und Tag vorausgesagt — und nun sie da ist. sind wir doch auf's Schmerzlichste betroffen. In den letzten zwei Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts glaubte man in jüd. Gemeindekreisen an die Emigration als Allheilmittel. Das ging, wenn wir von allem anderen absehen — vom Elend der Wanderer, von der Grausamkeit neuer Verhältnisse, in die sie unvorbereitet geriethen, vom nationalen Verluste durch immer wiederholte Zerstreuungen, und so weiter — es ging doch nur so lange, als die Länder der Immigration sich gegen diesen Zufluß eines verzweifelten Proletariates nicht wehrten. Dies ist die neue Epoche, in die wir eingetreten sind. Die Einwanderungsländer beginnen sich zu wehren, obwohl, nein, weil die Judennoth im Osten Europas steigt. Und doch sind es Länder, an deren hoher Gesittung zu zweifeln einfach thöricht wäre. Diese Staaten glauben ihrer sonstigen Humanität — ich sage es nicht ironisch — Einhalt gebieten und die Judenfrage, die für sie die Frage der jüdischen Einwanderung ist, politisch behandeln zu müssen. Nur bei uns Juden sträuben sich noch manche ängstlich, darin ein Politikum zu sehen. Diese Angst aber wird uns mehr Mitleid als Zorn einflößen, wenn wir sie recht verstehen. Es ist eine Platzfnrcht, die noch aus der engen Judengasse stammt. Indessen entwickeln sich die Dinge unaufhaltsam. In England, dem letzten bisher noch ganz offenen Zufluchtsorte, wurde eine königliche Kommission zur Untersuchung der Fremdeneinwanderung eingesetzt. Der Fremden, um nicht zu sagen, der Juden. Die Konklusionen des Berichtes lassen aber keinen Zweifel zu. über wessen Einwanderung die Kommission sich zu äußern hatte. Man sieht ordentlich, wie das freie großmüthige England mit sich kämpft, wie schwer es sich eine harte Maßregel gegen arme Menschen abringt, wie es eine eigene, langwierige Untersuchung einleitet, bevor es zu Endgiltigem sich entschließt. Es gibt nämlich alte Prinzipien, glorreich wie Fahnen, die nicht ganz unbeschädigt bleiben, wenn England unschuldig Unglücklichen nicht mehr das freie Asyl gewährt. Und genau dasselbe gilt von Amerika, das groß geworden ist, weil es ein Asyl war. Von den Regierungen der an der Judenwanderung betheiligten Länder wird unser Werk täglich besser verstanden. Unsere Lösung, die dem jüdischen Volke zu einer Heimstätte verhelfen will, entspricht so sehr einem allgemeinen Bedürfnisse, daß sie endlich gelingen, muß. Eine leichte Arbeit ist es freilich nicht. Es gibt Schwierigkeiten, die außerordentlich viel Geduld und Treue erfordern. Aber schon dies ist ein Stück der Erziehung, die wir unterwegs bekommen. Es gibt schwere Tage, an denen man mühselig Errungenes zerfließen sieht und viel versprechende Anfänge, die dann in sich zusammenbrechen. So lange eine Bewegung jung und schwach ist, müssen die Führenden befürchten, daß solche Rückschläge die Anhänger demoralisiren könnten, und zur eigenen Enttäuschung und Ermüdung tritt noch die Sorge um die Fortführung der Arbeit, um die Beschaffung der Mittel, um die- Ausdauer der Genossen. Doch auch das ist zum Guten. Es verlieren sich die, an denen man nichts verliert. Sie ziehen ab, die einen mit ihrer gekränkten Eitelkeit, die zweiten, weil sie bei der Sache ihre Rechnung nicht fanden, die dritten, weil sie nur gern an Erfolgen theilnehmen, und so noch andere aus mancherlei anderen Gründen. Die aber bleiben, denen wird die Sache durch jedes Opfer nur noch theurer. Mit denen kann man den Weg fortfetzen, und ihnen kann man auch alles sagen. So war es in unserer Absicht, als wir diesen Kongreß einberiefen, und wir glaubten, daß wir nichts anderes würden zu melden haben, als das Scheitern von Verhandlungen und das Mißlingen lang vorbereiteter Versuche. Indessen kam es einigermaßen anders. Seitdem wir hier zum fünften Male beisammen waren, hatte ich neuerdings zweimal die Ehre, von Sr. Majestät dem Sultan nach Konstantinopel berufen zu werden. Beide Male, im Februar wie im August 1902, blieben jedoch die Unterhandlungen resultatlos. Ich konnte mich selbstverständlich auf nichts einlassen, was mit unserem Basler Programm nicht vereinbar gewesen wäre, insbesondere konnte eine zerstreute, zusammenhanglose Kolonisation in verschiedenen Theiken des türkischen Reiches unseren nationalen Bedürfnissen nicht genügen. Aus allen diesen beschwerlichen Verhandlungen ging nur hervor, daß Se. Majestät der Sultan, dem jüdischen Volke andauernd eine freundliche Gesinnung bewahrt. Es ist dies gewiß erfreulich und werthvoll, aber praktisch kommen wir damit nicht