Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 68 (27.8.1903)
- Date
- 1903-08-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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ssa 44. Jahrgang. EtGkl 3isai9n*Sfimft i» Tust!. Basel. 23. August. „Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina", so lautet der erste Satz des zionistischen Programmes, das aus dem ersten Kongreß in Basel 1897 aufgestellt worden ist. Seither haben sich die Anhänger dieser Idee versammelt in den Jahren 1898,1899,1900,1901 und sind heute zu ihrer sechsten Tagung in Basel eingetroffen, am gleichen Ort, der bisher, mit einer einzigen Ausnahme (im Jahre 1900 war der Kongreß in London), die Ehre hatte. Sitz der Zusammenkünfte zu sein, die immer mehr aus allen Ländern der Welt beschickt werden. Jedenfalls kann Basel als ein neutraler Ort gelten, und es hat sich allmählich zwischen der hiesigen Bevölkerung und den fremden Gästen ein Verhältniß der Achtung und Sympathie gebildet, das unliebsame Zwischenfälle völlig ausschließt. Welche Erfolge sind in diesen sechs Jahren erzielt worden? Es ist in diesem Zeitraum eine jüdische K olonialbank (Jewish Colonial Trust), deren Aktienkapital auf zwei Millionen Pfund Sterling gebracht werden soll, in's Leben gerufen worden. Der zum Beginn ihrer Thätigkeit erforderliche achte Theil (280,000 Pfund Sterling) war rasch gezeichnet. Sodann ist ein Nationalfonds geschaffen tvorden, der in der Hauptsache zu Landankäufen in Syrien und Palästina bestimmt ist. Alle Kongresse haben fragen betreffend die körperliche, geistige und wirthschaftliche Hebung des jüdischen Volkes behandelt. Was aber den Endzweck, die öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina, anbelangt, so war der heutigen Eröffnungsrede des Herrn Dr. H e r z l - Wien zu entnehmen, daß die diplomatischen Schwierigkeiten, insbesondere bei der hohen Pforte, heute so groß sind, wie von Anfang an; ja man gewann aus der vorsichtigen Rede des Kongreßvorsitzenden den Eindruck, daß von einer Erwerbung von Palästina zur Zeit abgesehen werden muß. Die erste Sitzung trug festliches Gepräge. Vom Balkon und von der Galerie grüßten die blauweißen Farben und das Wappen mit den zwei sich kreuzenden Dreiecken und dem aufrecht stehenden Löwen. Wohl zweitausend Personen, darunter viele Damen, wohnten dem Akte bei. Die kantonale Regierung hatte auf eine Einladung hin mit verbindlichen Worten die Abwesenheit eines offiziellen Vertreters entschuldigt. Dr. Herzl. der Präsident des großen Aktionskomitees in Wien, wurde mit einer fünf Minuten dauernden, stürmischen Ovation begrüßt. Wir lassen seine Red/ nunmehr hier folgen: Die Eröffnungsrede Dr. Herzls. Geehrte Kongreßmitglieder! Zum sechsten Zionisienkongresse versammeln wir uns nun in der guten Stadt Basel, die unserer Dankbarkeit bereits vertraut ist. Wir versammeln uns wieder in Sorgen und Hoffnungen. Die Lage der Juden in der ganzen Welt ist heute wahrlich nicht günstiger, als in den Jahren der früheren Kongresse. Was wir über die Lage unseres Volkes in den früheren Jahren von dieser Tribüne aus sagten. es gilt auch zur Stunde noch. Da und dort hat sich wohl eine Aenderung begeben — aber nicht zum Besseren. Viele von uns hatten gemeint, es könne nicht mehr schlechter werden. Es ist noch schlechter geworden. Wie ein Hochwasser ist das Elend über die Judenheit gekommen. Alle tiefer gelegenen Existenzen sind bereits überschwemmt. Wenn diejenigen, die an höheren, geschützteren Stellen wohnen, diese erschütternde Thatsache leugnen, so stellen sie ihrer Einsicht oder ihrem Herzen kein gutes Zeugniß aus. Mit dem Zugeständniß der Thatsache, daß es den Juden erbärmlich übel geht, ist freilich auch noch nicht viel gewonnen. Das führt höchstens zu Handlungen der Barmherzigkeit, die im Einzelnen gewiß nur zu loben, aber aus einem höheren, umfassenden Gesichtspunkte zu tadeln sind, weil sie bei all' ihrer erwiesenen Unzulänglichkeit das Gewissen der solidarisch Verpflichteten beschwichtigen. „Je nun. man thut, was man kann!" ist ein bequemer Spruch. Es gibt vielleicht Leute, die ein ausreichend feines Gefühl der Selbstbefriedigung haben, wenn sie nach der Morgenblatt-Lekiüre eines mittelalterlichen Judenmassacres der Zeitung eine bescheidene Geldspende zum Ausweise schicken. Doch auch wer sich ehrlich nach seinem Vermögen selbst besteuert, hat mit Geld allein nicht genug gethan. Das Geld gibt den Todten das Leben, den Verstümmelten ihre Gesundheit, den Waisen ihre Eltern nicht wieder. Und wie tvill man mit solchen Almosen das Zittern derjenigen heilen, die Mar nicht am eigenen Leibe getroffen sind, aber in denselben Verhältnissen weiterleben? Die haben es noch nicht Überstunden. Wir Zionisten gebrauchen eigentlich diese Argumente nur mit innerem Widerstreben. Es geht gegen unser Gefühl.' Unglücksfälle politisch auszubeuten und einen agitatorischen Nutzen aus dem Jammer ärmster Geschöpfe zu ziehen. Aber es muß doch von, dieser