Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 68 (27.8.1903)
- Date
- 1903-08-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Kaum hatte er das Wort ausgesprochen, das diesen einfachen Leuten als Schreckbild vorschwebte seit dem Tage, da Josef seinen ersten Gang in's Pfarrhaus angetreken hatte, als die Mutter in Weinen, der Vater in Schelten ausbrach. Seine Schwester Rifka, welche in Vertretung der immer kränklichen Mutter die Wirthschaftsführung besorgte, näherte sich dem Bruder, zu dem sie voller Ehrfurcht wie zu einem erhabenen Wesen aufblickte, und sagte: . „Thu's nicht. Joffelleben, thu's nicht, die Busche (Schande) für uns wäre zu groß, die Mamme (Mutter) überlebte es nicht." „Gutes Kind," antwortete Josef dem Mädchen, „Du sprichst, wie Du cs verstehst. Habe ich darum meine ganze Jugendzeit mit ernsten Studien zugebracht, einen solchen Rang erlangt, um dann, hart am Ziele, vor einem albernen Vorurtheil zurückzuweichen? Was soll aus mir werden?" „Du bist ein geschickter Mensch. Vruderleben, Du wirst schon in irgend einer Khille eine Stelle als Melamed (Lehrer) bekommen," tröstete das in weltlichen Dingen ganz unerfahrene Dorfmädchen. Ungeachtet des Ernstes der Situation iiberkam Josef beim Anhören dieser grenzenlosen Naivetät ein Lächeln. „Und was soll aus Dir werden, wenn es mir aus diese Weise unmöglich gemacht wird, für Dich zu sorgen? Willst Du denn hier in dieser trostlosen Einsamkeit, in diesem weltverlorenen Neste verkümmern?" „Ich verlange nichts anderes von Dir, als daß Du mein Bruder bleibst." „Bleibe ich das denn nicht auch, selbst wenn ich dem Namen nach Christ werde?" „Nein, das bleibst Du nicht. Wenn Du ein Kofer wirst, so werden wir alle Dich aus unserem Herzen reißen, so wie wir unsere Kleider zerreißen und sieben Tage lang auf der Erde sitzen werden, als Zeichen der Trauer, wie um einen Todten, und todt würdest Du von nun an für uns alle sein." „Auch für Dich werde ich todt sein, Mutter," wendete sich der Doktor an die bleiche Frau, welche, still vor sich hinweinend, beim Ofen saß. „Ich wollt', ich wäre schon todt, daß ich Dir keine Antwort auf Deine Frage geben müßte. Aber Gott wird mich bald erlösen, hoff' ich." Der alte Mann in dem langen, schäbigen Kaftan, mit den gewundenen Locken zu beiden Seiten des ehrwürdigen grauen Hauptes, sagte grollend: „Ihr Weiber redet lauter Stuß (Thorheil), kein rechtes Wort. Die eine redet vom Herzen herausreitzen, die andere gar vom Tod. Ich aber bin ein Mann und rede von Tachlis (Endzweck). Ich weiß wohl, daß Du leider Gottes kein rechter Jud bist, daß Du keine Tfillin (Gebetriemen) legst, keinen Schabbes hältst, und Trefes (Verbotenes) ißt; es ist mir nicht recht, aber ich kann mir nicht helfen, es ist meine eigene Schuld, ich hätt' Dich nicht zum Pfarrer gehen lassen sollen. Aber geschehen ist geschehen, da ist es schad' um jedes Wort. Aber das fordere ich von Dir, als Dein Vater, das fordere ich von Dir für Deine Mutter, die Dich unter ihrem Herzen getragen, mit Schmerzen geboren und mit Mühen erzogen hat, das fordere ich von Dir für Deine Schwester, deren Stütze Du sein solltest, wenn wir nicht mehr sein werden, das fordere ich von Dir im Namen von Kol Jißroel (ganz Israel), was mit uns im Golus (Verbannung) ist: Schwöre mir, daß Du ein Jude bleibst — dem Namen nackt" . Die Brust des jungen Mannes arbeitete vor innerer Erregung, doch brachte er kein Wort hervor. „Schwöre!" befahl der Vater strenge. (Fortsetzung folgt.) Der „Israelit" erscheint wöchentlich zweimal« Xlontaga nnd Donnerstags, jedesmal in mindestens zwei Bogen. Preis pro Vierteljahr bei der Post 3 Mark ohne Bestellgeld. Ausland entsprechend hoher. Man abonnirt ganzjährlich» halbjährlich oder vierteljährlich. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Der Buchhandel verkehrt durch V. 3F- Strinacker, Vriprig, Rotzplatz— Inserate 25 Pfennig die viergespaltene Nonpareillezeile oder deren Raum. Preis der Zelle im Reclametheil 75 Pfennig. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 16 Kronen öftere.. sür's Ausland 16 Mark, an die Expedition franco einsenden. Postzeitungsliste 3932. Telephon 1015. Stellesuchende und sonstige Interessenten können auf Wunsch die jeden Dienstag und Freitag erscheinende „Kleine ÄuSgabe deS JSraeltt" vier Wochen lang graüS und franco erhallen. Wünscht man den Empfang der „Kleinen Ausgabe" längere Zeit, so kann man sich fiir 25 Psennigr das Vierteljahr, indeß ausschließlich bei der Post aus dieselbe unter Nr. 3933 abonniren. Ans Wunsch stunden wir die Zahlung des JnfertionSbetragS an außer Stelle Befindliche bis nach Erlangung einer solchen. Inhalt lHauvtblatyr Vom Ziomsnnis. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Darmsladt. Kassel. Wandsbek. Bmgpreppach. Oesterreich: Aus Böhmen. — Feuilleton: Znrückgefnnden. (Fortsetzung.) Inhalt der ersten DeUage: Sechster Ziomsten-Congreh in Basel. _ „ Inhalt der zweiten Beilage: Literarische Umschau. — Zeitungsnachrichten und Corrc,pondenzen: Deutschland: Leipzig. Auri«. -Stuttgart. Schweiz.^ZUrich.^^^^^ des Herrn von Dlehwe an Dr. Serzl. — Sechster Ziomsten-Congrcß in Basel. lFortsetzung.) — Die Stellung der Vereinigung traditionell-gesetzestreuec Rabbiner Deiitschlands zum Zionismus. Veraiitwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz- — Expedition des ^Sraelit". Schottstrabe Nr. 2. Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei Actien-Gesellschast in Mainz. Hierzu drei Beilagen.