Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 68 (27.8.1903)
- Date
- 1903-08-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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, IV '."^.!-7m*rW ».I^aTAUfHfl 1503 «In der Schule/ war des Kleinen Antwort. Sie gefiel dem geistlichen Herrn. Der kindliche Verstand de?- Zungen wußte nur von e i n e m Orte, wo man lernen konnte — die Dorfschule. Tags darauf schickte der Pfarrer in's Haus des Juden Dan und ließ ihm sagen, der kleine Josa möge auf die Pfarrei kommen. Die Eltern brachen in Klagen und Jammern aus. fürchtend, daß ihrem einzigen Sohne im Pfarrhause irgend ein Unheil zustoßen könne. Doch klein Josa trat furchtlos den Gang an. »Ich habe ja nichts Böses gethan," sagte er unerschrocken, „was kann mir dann Böses zukommen?" i Und so war es auch. Dort angelangt, wurde er! von dem hochwürdigen Herrn gefragt, ob es ihm Ernst mit dem Lateinlernen sei. Als Josa es bejahte, erbat sich der menschenfreundliche Herr, ihm täglich je nach Möglichkeit ein oder zwei Stunden Unterricht zu er-, iheilen. Freudestrahlend kehrte Josef heim, den Eltern die frohe Botschaft uberbringend. Doch fand seine Freude nicht den erwarteten Wiederhall in deren Herzen. Papa Kremar brach händeringend in heftiges Weinen und Schluchzen aus. „Mein Kind, mein Kind soll zur Kfire (Taufe) gebracht werden." Nur die Furcht, den im Dorfe so einflußreichen Pfarrer zu beleidigen, hielt den alten Dan davon ab. seinem Sohne den Besuch des Pfarrhauses zu verbieten, er ließ es nur mit Widerwillen zu. So wuchs der kleine Josa Dan zu einem kräftigen Josef Dansky, wie ihn der Pfarrer nannte, heran, und als er mit geistiger und materieller Unterstützung seines geistlichen Wohlthäters nach Krakau an ein Oöergymnasium kam, machten seine Eltern solch' ein Jammergeschrei, als hätten sie ihren Liebling bereits verloren. Daß sie mit ihren Befürchtungen nicht Unrecht hatten, bewies die Folge. Die Empfehlungen, die der Pfarrer seinem Schüblinge mitgcgeben, waren meist an Herren gerichtet, welche für die panslavische Idee schwärmten und für diese Propaganda machten. Es waren das Gesinnungsgenossen des Pfarrers im Geburtsorte Josefs. Als Josef die Universität beziehen sollte und seinem in der Kindheit bereits gefaßten Plane. Medizin zu studiren, folgen wollte, veranlaßten sie ibn dazu, diesen Plan aufzugeben, weil er in diesem Falle für die nationale Sache, für welche sie ihn so allmählich vorbereitet hatten, verloren gewesen wäre. Ihren Gründen nachgebend, studirte er Philosophie, und zwar widmete er sich der Erlernung fremder Sprachen, was ihm bei seiner eminenten Begabung hierfür leichter als alles andere ankam. So hoffte er, nach der Ansicht feiner Freunde, es weit eher zu einer ruhmreichen Existenz zu bringen, als wenn. er .Medizin studirte. Bei der Richtung, welche sein ganzes Denken und Fühlen genommen hatte, ist es selbstverständlich, daß er die slavischen Sprachen zu seinem Studium erwählt hatte. Durch Unterrichtertheilen in den Häusern, wo er empfohlen wurde, brachte der junge Danskn die Mittel zu seiner mehr als bescheidenen Lebensweise auf. Alles ging wie am Schnürchen. Die Prüfungen legte er in den vorgeschriebenen Zwischenräumen ab. wurde Professor, Doktor gar. jedoch als es dazu kam, eine Anstellung an einer Anstalt der Stadt zu erlangen, da stellte sich ihm ein Hinderniß in den Weg, an welches er niemals gedacht hatte — seine Konfession. Was also hatte ihm all sein Streben genützt, all sein Jagen nach einem bestimmten Ziele, für die panslavistische Idee mit Wort und That zu wirken, wenn ihm kein Wirkungskreis gegönnt war, wo er seine Ideen in die That umsctzen konnte. Ueberall, wo eine Stelle zu besetzen war, wurde von den Petenten ein Taufschein verlangt, und eben dieses eine Attest fehlte ihm in der Reihe der vielen vorzüglichen Zeugnisse, die er besaß. In einem Momente, wo Unmuth, ja Hoffnungslosigkeit den jungen Doktor befallen hatte, ließ sein vertrautester Freund das erstemal das Wort: Taufe fallen. Es fiel auf fruchtbaren Boden. Seit er aus dem Elternhause fort war, hatte Joses niemals mit Juden verkehrt. Das Gefühl für seine Religion und Stammesgenossen war bei ihm niemals sonderlich'entwickelt gewesen, und war ihm in den letzten Jahren ganz abhanden gekommen. Seine Eltern waren fromm, sehr fromm, das, was man orthodox nennt. Sie forderten von ihm, so lange er zu Hause war, eine sorgfältige Beobachtung aller den Juden vorgeschriebenen Gebote, welche er auch, als eine selbstverständliche Sache, genau erfüllte, aber Liebe zu dem Volke, dem er durch seine Abkunft angehörte, hatte er b^i diesen nur dem mühseligen Erwerbe lebenden Menschen nicht gelernt. Die Glaubensgenossen, die zuweilen in der väterlichen Krema verkehrten, hatte er in der Pfarrei, wohin ihn täglich sein Studium führte, gründlich verachten gelernt. Seine Religion war ihm mit der Zeit fremd geworden, er war nur noch dem Namen nach Jude. „Und was ist ein Namen?" sagte er sich, „Schall und Rauch!" Diesem zu Liebe war er nicht geneigt, seine Existenz zu opfern. Das einzige Hinderniß. das ihm im Wege stand, das war die Einwilligung seiner Eltern. Zwar bedurfte er deren nicht. Er war unabhängig, war volljährig. Aber er wollte diesen entscheidenden Schritt nicht unternehmen, ohne mit ihnen Rücksprache genommen zu haben, ohne ihnen die Gründe für seine Handlungsweise auseinandergelegt zu haben-. Wie schlecht kannte er diese, wenn er annehmen konnte, daß sie, wenn auch mit Widerwillen, in seinen Uebertritt willigen würden..