Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 67 (24.8.1903)
- Date
- 1903-08-24
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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rrrlf 1495 Jwas war trotz seiner Raserei doch ein braver Mensch. Als er schon auf der Schwelle stand, erbebte ihm das Herz; er empfand Mitleid und Achtung, kehrte noch einmal um und sprach: „Nein! Nein! Komme, was da wolle! Du bist ein ehrlicher Mann! Ich achte Dich! Komm' in meine Arme!" Und er sank an die Brust des tiefgerührten Jakob. „Wird mir aber morgen befohlen, Dich zu tödten," fuhr Jwas leise fort. „so komme ich und stoße Dir kalten Blutes den Stahl in die Brust! Ueber Alles steht mir das Vaterland!" „Auch ich ehre diesen Deinen blinden Heroismus, obschon ich ihn nicht theilen kann!" rief Jakob. „Mir uns Beiden wird geschehen, was im Buche der Vorsehung geschrieben steht! O, welch' eine Schreckenszeii! Welch' entsetzliche Knechtschaft und Unterdrückung, die zu solchen Uebereilungen in Gefühlen und Thaten Hinreißen! Wie fürchterlich wird vor Gottes Gerichte die Verantwortlichkeit derjenigen sein, die zu solcher Verzweiflung und Raserei verleiten!" Sie schwiegen. Jwas ging mit Thränen im Auge davon. Tags darauf erwartete Jakob seine Verurtheilung und. bereitete stch auf alles Mögliche vor. Aber er hatte dort einen guten Sachwalter und Freund. Man verkündete weder seinen Namen, als den eines Vaterlandsverräthers, noch machte man ihm die Mittheilung von irgend einem Urtheilsspruche. Nur sah er weder Jwas noch jemanden anders von dessen Partei jemals wieder. Sie Alle hatten stch gänzlich von ihm zurückgezogen. Einige Tage nach obigem Gespräch, während dies Alles geschah, sah Jakob etwas verwundert einen alten Mann in der Tracht der polnischen Juden bei sich eintreten. in welchem er nicht sogleich Jankiel M e w e s erkannte, jenen Kaufmann, der Jwas zuerst ein sicheres Versteck besorgt hatte. Ihre Bekanntschaft war. obschon sie eine angenehme Erinnerung in ihm zurückgelassen, doch eine so kurze gewesen, daß er anfangs Jankiels Besuch sich nicht erklären konnte. Der Alte war nachdenklich und traurig. Er brachte sich bei Jakob in Erinnerung, und sagte ihm ohne Umschweife, daß dieser ihm damals so sehr gefallen habe und daß er seine Anwesenheit in Warschau nicht vorübergehen lassen wolle, ohne ihn wiederzusehen. „Ich habe hier kein Geschäft." sagte er, „mochte aber doch gern hören, was geschieht, um daheim mich danach einrichten zu können. Was gibt es Neues? Man hört so Schreckliches und Bedrohliches!" Tief seufzte er auf. : ' 2 T' „Allerdings!" entgegnete Jakob. „Die Zukunft sieht recht drohend aus. Aber in jedem Ereignisse liegt mehr Göttliches, als Menschliches. Man muß das. Haupt in Gehorsam beugen, sogar vor dem, was uns schrecklich erscheint!" „So isi es!" sprach Jankiel. „Aber ist es denn wahr, was man sagt, daß die Jugend sich empören will?" „Ob sie es will oder nicht." rief Jakob, „sie kann durch die Macht der Thatsachen leicht dazu kommen. Man scheint dies selbst zu befördern, zu erleichtern, um einen Anlaß zur Rache zu haben. Sie aber rechnen aus das Volk..." „Auf das Volk?" fragte Jankiel. „Da kenn' ich das Volk besser. Das Volk ist nicht schlecht. Aber viel gehört dazu bei seiner Unwissenheit und Abmarterung, um es zum Widerstande zu bringen. Das Volk versteht die Polen noch nicht. Es würde X mit ihnen gehen, wenn es eine Macht vor sich sähe. Sich selbst aber schafft es sich eine solche nicht, weil es in sich nicht den Trieb dazu fühlt. Im Jahre 1831 hatten sie Soldaten, Geld und Leute! Und doch hielten sie sich nicht! Was haben sie heute?" Der Alte schüttelte das Haupt und murmelte leise aus Psalm 89, Vers 43—47: , „Du erhöhst die Rechte seiner Widersacher und er-' freust alle seine Feinde. Auch hast Du die Kraft seines Schwertes weggenommen und lassest ihn nicht siegen im Streite! Du verkürzest die Zeit seiner Jugend und bedeckest ihn mit Hohn! Herr, wie lange.^. willst Du Dich sogar verbergen?" — „Ich empfinde Schmerz über sie," fuhr er nach kurzer Pause fort, „wie über Israel. Denn dies Volk ist flatterhaft, sonderbar, leichtlebig, aber herzensgut. Nicht einmal das Unglück hat es abgehärtet, sondern ihm viel von seinem Glauben und seinem Edelmuthe genommen. Wo andere Völker rechnen, weint es, wo andere durch Schlauheit sich retten, geht es durch Ehrlichkeit zu Grunde, so hold, wie ein ausgelassenes Kind, geht es zu Grunde, muß man ihm Thränen nachweinen. Und es wird zu Grunde gehen!" rief er, mit dem Stock auf die Erde stampfend. „Denn sein Untergang ist längst beschlossen, es wird unser Loos theilen, obschon es vielleicht ein besseres verdiente! Wie traurig ist mir zu Muthe! Ich sehe es voraus. Denn meine alten Augen, die auf Erden nur noch dichte Dämmerung erschauensehen hell und weit in die Zukunft. Wehe über sie! Wehe!" Jakob seufzte traurig. „Gibt es denn gar keine Macht, sie noch zurückzuhalten?" «Wer könnte dies, wenn göttliche Gewalt sie fortzieht? Wer kennt sein Geschick? Wer las in den Fügungen der Vorsehung?" sagte Jakob begeistert.' „Wessen Hand reicht bis auf den Grund des Blutf