Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 67 (24.8.1903)
- Date
- 1903-08-24
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2446951-2449890-2449953--58920-2523360- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Flecken zuziehen, niemals durch Andere. Und was Du > Flecken Nennst, heißt bei mir Märtyrerthum! Was den Tod betrifft, so sage ich Dir, daß'ich ihn keineswegs fürchte. Sich das Leben oder das Vermögen durch das Opfer tiefer Urberzeugung zu retten, ist meines Erachtens eine Nichtswürdigkeit. Aus Furcht thue ich nichts! Heißt sie, mich tödten, so tödten sie mich. Ich aber glaube an die Gerechtigkeit Gottes und das unsterbliche Leben der Seele!" Jwas lachte mitleidig und sprach: „Du bist wie ein großes Kind, mein Theurer, und thust mir leid. Nicht für unsere Zeit bist Du geschaffen! Ich sehe in Dir nur eine interessante Ausgeburt, ein Wesen, welches, nachdem es ein Jahrtausend durchschlafen, erwacht ist inmitten ihm fremder Zeiten. Dennoch aber achte ich Dich!" Jakob reichte ihm die Hand und sprach: „Du wirst mich nicht anders machen — das ist vergebens. Ich fühle ja selbst jeden Tag, daß die Welt, die mich umgibt, nicht für mich geschaffen. Aber auch ich muß auf ihr doch zu etwas nütze sein, da man mich leben hieß und die Pflichten des Lebens erfüllen!" „Komme wieder auf das Geld zurück!" sprach Jwas. * „Jwas!" fragte Jakob, indem er den Schlüssel nahm: „Brauchst Du Geld für Dich? Und wieviel?" „Q nein! Ich gebe Dir Quittung!". „Und Du sagst, Ihr verwendet es zum Ankäufe von Waffen?" „Das Gewissen erlaubt mir nicht, zu lügen!" „Und mir nicht. Euch Geld zu geben!" Er steckte den Schlüssel in die Tasche. „Noch ein Wort," sagte Jwas. „Du bist Einer der Ersten, die so bestimmt absagen. Ich muß Dir bemerken, daß das Beispiel Aergerniß geben muß und nicht ungestraft hingehen kann, daß man Dich sogar streng bestrafen wird, und daß ich selbst mit blutigem Herzen dafür stimmen muß! Jakob, Du bist verloren!" „Darauf muß man jede Stunde, jeden Augenblick gefaßt sein!" erwiderte Jakob. „Das wird mich zu gar nichts bestimmen!" „Aber ich bitte Dich!" „Ich beschwöre Dich, mich nicht vergebens zu bitten! Sage nur, Ihr wollet Leute retten, die von der Regierung verfolgt werden, ihnen die Flucht erleichtern, eine Schule für sie gründen, ein Asyl ihnen einrichten, ihren Fonds sicher stellen, und ich gebe mein Letztes hin und gehe betteln für Euch zu diesem Zwecke! Zur Revolution aber gebe ich nicht einen rothen Heller!" „Ich schweige!" rief Jwas. „Genug davon!" „Habt Ihr Gromow. gesehen?" „Schon mehr als zwanzig Mal!" „Was sagt Ihr zu dessen Argumenten?" „Es ist eben ein Russe! Sie Alle sind in Worten eifrig, in Thaten furchtsam. Ihre Zeit wird niemals kommen! Ihre Verschwörungen enden Alle mit dem Nikolaus'schen: „Auf die Kniee, Halunken!" Ein halbes Jahrtausend noch werden sie bleiben, was sie sind. Noch schlimmer! Ich halte Gromow für einen Agenten!" Jakob zuckte lachend die Achseln. „Eine höchst verdächtige Figur!" „Aber was er sagt, zeugt von genauer Kenntniß der Situation!" „Du weißt, daß wir allen Vernunftgründen gegenüber die Ohren zuhalten! Vernunft! Berechnung finden bei uns keine Stätte, sind nicht unser Element! Wir bedürfen der Wuth! Nur mit dieser können wir uns aufschwingen. Wir stellen uns Millionen von Feinden mit — Stöcken gegenüber und glauben, daß wir sie überwältigen müssen!" Jakob schwieg. Nach kurzer Pause aber rief er: „Helden seid Ihr, das glaube ich schon, und ich bewundere Euch sogar! Aber zählt Euch doch einmal: Wie viel seid Ihr denn?" „Nur drei, oder eine Million, das ist mir einerlei. Aber die Menge wird und muß ihnen folgen!" »Ach! Ihr kennt die Menschen nicht! Ein Häuflein folgt Euch. Aber nur ein Häuflein, und darunter noch Solche, die überall sind, wo ein Wirrwar ist, oder Unordnung und Lärm. -— Elemente, die Ihr weder ausbeuten noch beherrschen könnt!" Jwas biß sich auf die Lippen und sagte: „Genug davon! Du bist so kalt wie Eis, ein Egoist und eine Memme! Lebe wohl! Was auch geschehen mag — ich wasche mir die Hände!" „Gut denn!" erwiderte Jakob. „Thue Du, waS Dir Deine Ueberzeugung gebietet, aber in dem Augenblicke, da wir so feindselig von einander scheiden, reiche mir noch einmal die Hand, sagen wir uns noch einmal in gewohnter Weise Lebewohl, dann werde es, wie Gott es will!" Jwas schwankte erst. Dann rief er: „Nein! Von diesem Augenblicke an bin ich Dein Freund nicht mehr, sondern Dein Todfeind! Ganz gehöre ich der Sache an! Freunde gibt es für mich nicht! Lebe wohl!" „Ein Wort noch!" „Auch nicht Eins! Willst Du Geld geben?" „Ich kann ja nicht." „Also auch für das Vaterland nicht willst Du Deine Ueberzeugungen opfern?" ...Nein! Für nichts in der Welt! Niemals!" antwortete Jakob ernst. „Nur so weit kann ich mich opfern, daß ich mit gekreuzten Armen dem zuschaue, was die Majorität beschließt und thut. Handeln aber gegen meine Ueberzeugung werde ich niemals! — Jwas! Du rasest! Bei der göttlichen Liebe!" . . . . i.MEH.wn*ywi«r