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Der Israelit · 1903-08-24 · Heft 67 (24.8.1903) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 67 (24.8.1903)
Date
1903-08-24
Page
– (sequence 20)
Language
German
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1496 siromes, um daraus hervorzuholcn, was sich dort verbirgt^ „Ja! Sein Wille geschehe. Er, der da ist. thut, was Er sprach vor Jahrhunderten. Wir sind blind. Schweigen wir und thun wir unsere Pflicht! Viele von den Unseren sagen: Retten wir uns! So ist es! Retten wir uns, aber nur deßhalb, um sie retten zu können! Andere wieder sagen: Seht, die Stunde der! Rache schlug! Gehen und rächen wir uns für jahr-! hundertelange Demüthigung und Drangsale! Aber! nein! Gott hat uns schon gerächt. Wir sollen in ihnen! unsere Brüder sehen. Wir wohnten bei ihnen jahrj hundertelang. Unser Herz verband sich?n:t ihren Kindern! Vergessen wir alle Kränkungen und be-; denken wir, daß wir als Fremdlinge hier Zuflucht! fanden in ihrem Lande und aßen im Schweiße unseres Angesichts von ihrem Vrode und gruben die Gebeine der Väter in ihre Erde! Wie weit es gekommen, werdet Ihr errathen! Ich fürchte, wir werden, mit ihnen versöhnt, doch gegen sie gehen! Und das wäre eine Schmach für die Kinder Israels. Ihr habt ein gesundes Herz! Redet!" „Reden will ich gern!" antwortete Jakob traurig. „Aber wer wird auf mich hören?" „Wieso?" fragte der Alte. „Ich bin hier so vereinsamt, daß ich mit Niemandem ausgehen oder sprechen kann!" fuhr Jakob leise fort. „Dem Einen bin ich zu sehr, dem Andern zu wenig Jude. Ich vermag nichts!" „Seid unbekümmert," sprach der Alte. „Oder geht cs Euch nur darum, sichtbar die Sache zu leiten? Nein! Geht also mit Demuth und sprecht. Eure Worte werden aufgehen, wie gesunde Samenkörner, während die der Lüge der Wind verweht. Will man auf Eure Worte nicht hören, oder zuckt man darob die Achseln — seid unbekümmert. Auch anderswo nehmen die Menschen die Wahrheit nicht anders auf! Euch aber geht es nicht darum, daß gesprochen wird, daß es Euer Wort ist, daß es aus Eurer Brust kommt, baß Ihr sein Vater seid. Denn alles Gute im Menschen ist göttliche Eingebung. Thut also das Eure in aller Stille und laßt Andere sich rühmen, daß sie mehr und Besseres thaten, oder daß sie allein Alles vollbrachtest!" „Ihr tröstet mich und gebt mir neuen Muth!" rief Jakob. „Und ich bin Euch dafür unbeschreiblich dankbar!" „Ach! Aber auch ich bedarf des Trostes und des Muthes," sprach der Alte, „denn auch meine Zukunft ist schrecklich, daß ich fürchte, wir können die Schmach nicht ertragen. Mein Herz ist mit Asche bestreut und mein Haus mit Trauer bedeckt!" „Euer Haus?" fragte Jakob. , „Forscht nicht weiter!" rief der Alte. „Ick sah die Schlange an mein Lager schleichey. Aber die Augen der Andern bemerkten sie nicht und ließen sie eindringen bis in unsere Brust, und schändlich hat sie uns verwundet." „Ich wage kaum. Euch weiter zu fragen!" sprach Jakob. „So will ich selbst es Euch bekennen. Es ist kein Geheimniß mehr. Das Böse wird der Welt nur zu schnell sichtbar, und der Missethäter zeigt sich den Leuten öffentlich und ohne Scham!" Eine Thräne rann dem Alten über das welke Antlitz. „Was nützt mir jetzt." fuhr er fort, „all mein Hab' und Gut, welches ick sammelte im Schweiße meines Angesichts! Und was all' mein Reichthum, wenn mein Kind, welches ich so heiß geliebt, mir fremd geworden und für mich tobt ist?!" Jakob unterdrückte jede Frage. Der Alie aber fuhr immer trauriger fort: „Ihr wart doch im Hause bei Jakob Seebach? Ihr kennt doch Vater und Sohn? D a kann es nicht gut sein, wo kein Gesetz gehalten wird! Besser ist vielleicht ein Heide, der seinem Glauben treu geblieben, als ein Israelit, der seine Religion verachtet und verräth! Was war von solchen Ungläubigen zu erwarten? Warum gerieth mein Kind auf diesen Weg? Warum schloß nicht lieber der Tod ihr die keuschen Augen?! Lia. meine Lia ließ sich bethören von diesem herzlosen Menschen — in Schande verließ sie unser Haus! Er ließ sie im Stiche; ich mußte mich von ihr lossagen, sie verstoßen, damit sie mit meinem noch reingebliebenen Kinde nicht an einem Tische sitze. Sie ward in's Elend gestürzt, verstoßen, während ich Tausende in den Schrein legte, ohne ihr ein Stück Brod geben zu können! Und doch stammt sie aus dem Blute meines Stammes! O über diese Schmach und Schande! Warum hat mich Gott so hart gestraft?! David.war verheirathet! Er ist es noch! Und Niemand wußte davon! Ihr habt Lia gesehen, als Ihr bei mir wäret, meine Lia, dies unschuldige Kind, welches keine Ahnung hatte von Sünde und Berrath! Sie war so schön, wie der Tag. und wurde so schwarz, wie die Hölle, und so elend, wie der elendeste Bettler! Und was erwartet sie?" Der Alte trocknete sich die herabstürzenden Thr2nen und zerraufte sich voll Verzweiflung das graue Haar. „Hört! Ihr seid ein braver Mann." fuhr er dann fort. „Rettet mich! O helft mir! Ich als Vater darf meine Hand nicht ausstrecken zu dem gefallenen Kinde, diese Hand, die es küßte, als es noch rein war. Aber mein Herz blutet und kein Anderer kann mir helfen!" > (Fortsetzung folgt.) .' - Verantwortliche Redaction: OScar Lekrnann in M'n?. — Expedition deS ^Sraelit". SSottüraße Nr. 2. Mainz. -Druck und Verlag der Jod. SB:rth''ch°n ootbuch ackere! Äcti-n-^rf-Nsin 93.in«,

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