Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 66 (20.8.1903)
- Date
- 1903-08-20
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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1467 Drucke der Jahrhunderte hervor. Moses Mendelssohn betrieb die sittliche und geistige Hebung der deutschen Juden, emanzipirte sie und gab in der deutschen Bibel den Inden die Möglichkeit. Deutsche zu werden. Leffing's „Nathan".- besonders aber sein von edelster Zuneigung für die unterdrückten Juden erfülltes Lustspiel „Die Juden", machten außerordentlich tiefen Eindruck und wurden vorbildlich für eine ganze Reihe von Stücken, die den Humanitätsgedanken künstlerisch vcrwertheten. Es kam die Zeit, wo unter dem belebenden Hauche jener Gesinnungen, die aus Kaiser Josef's If. Toleranzpatent hervorleuchteten, Klopstock in die Worte ausbrach: „Wen faßt des Mitleids Schauer nicht, wenn er sieht, wie unser Pöbel Kanaans Volk entmenscht!" Die letzten Impulse zur vollen Emanzipation der Juden in Deutschland kommen aus drei großen Zeitereignissen: erstens aus der französischen Revolution — bei der Erklärung der Menschenrechte in Versailles nahmen die Elsässer Bauern gegen die Juden allerdings noch eine drohende Stellung ein —, zweitens aus dem napoleonischen Weltreiche, das in den Juden ein geeignetes Ferment für seine künstlichen Staatenbildungen sah — dem Kongreß jüdischer Notablen in Paris 7806 und dem „Sanhedrin" ließ Vonaparte sogar inilitärische Ehren erweisen —, und drittens aus der 7848er Revolution, welche die letzte Beseitigung der Ausnahm sgcfetze brachte. Noch im Jahre 1847 wollte man den Juden die Berechtigung, Staatsämter zu bekleiden. auch nicht theoretisch zuerkennen, und Bismarck erwiderte auf den Hinweis, daß die Juden schon durch ihren Antheil an den Befreiungskriegen die Aufhebung dieser Beschränkung verdient hätten, mit den Worten: „Ich kann^nicht glauben, daß ein Blut vergebens geflossen ist, welches für die deutsche Freiheit floß, und bisher steht die deutsche Freiheit nicht so niedrig im Preise, daß es nicht der Mühe lohnte, dafür zu sterben, auch wenn man keine Emanzipation der Juden damit erreicht." * * * Wir haben in flüchtigen Umrissen nur einen kleinen, kaum nennenswerthen Vruchtheil des ungemein inhaltsreichen Buches gegeben. Eine Reihe außerordentlich gelungener Abbildungen erhöht den Werth des Buches. In der Natur der Sache liegt es, daß diese Abbildungen theils Szenen der jüdischen Leidensgeschichte, theils Karrikaturen enthalten. Die Kupferstichkabinete von München, Wien, Nürnberg (Germ. Museum) boten da unvergleichlich werthvolle Schätze. So vereinigt sich litterarisches und künstlerisches Material zu einem lückenlosen, historischen und kulturhistorischen Gemälde von seltener Eigenart. HettrmgKnachrrchßerr rmd SorrespsMerrLen. Oesterreich. Vad-Kissingen, im Aug. Ihrer liebenswürdigen Aufforderung gerne nachkommend, gestatte ich mir, durch einen kleinen „Reisebrief" Ihre Zeit und Geduld — eventl. auch die Ihres geschätzten Leserkreises — für ein Viertelstündchen in Anspruch zu nehmen. Kissingen, die liebliche Saalestadt, mit ihren weltberühmten Heilquellen und ihrem kosmopolitischen Badepublikum, bildet den Hauptaufenthaltsort meiner diesjährigen Sommerfrische, und über Kissingen will ich Ihnen denn auch zunächst Einiges berichten. So viel und so lange man nun aber auch über diese Perle des Frankenlandes, über das schon vor mehr als tausend Jahren durch seine Quellen bekannte „Kizziche" und seine alten Herren, die Grafen von Henneberg, schreiben könnte, deren einer unter dem Namen Otto von der Botenlaube (die Botenlaube ist eine Ruine nahe bei Kissingen) als Minnesänger berühmt gewesen, für vorliegenden Zweck ist die Stoffauswahl beschränkt. Schließlich kann man ja auch über alle äußeren, geschichtlichen und örtlichen, sowie internen Vadevechältnisse in diversen geographischen, lexikalischen, medizinischen etc. Werken zur Genüge Nachlesen; uns mögen für heute nur die speziell jüdischen Verhältnisse in-, teressiren. Auch da läßt sich gar Manches plaudern. Hat doch der heiße Kampf um den rwrn xv2, auf Deutsch: Kissinger Rabonus, der über zwei Jahre gewährt und in seinem Verlaufe gär manche Unannehmlichkeit gezeitigt hatte, erst vor noch nicht Jahresfrist geendigt, und in weiten jüdischen Kreisen sah man mit Spannung der Entwicklung und dem Ausgang der Angelegenheit zu. Hätte sich doch wohl Niemand träumen lassen, daß, als am 2. August 1901 Rabbiner Vamberger-Schrimm mit Stimmenmehrheit zum Nachfolger seines Onkels, des unvergeßlichen Rabbi M. L. Vamberger s. A. gewählt worden war, die Bestätigung dieser Wahl durch gegnerische Machinationen zwei Jahre hinausgezögert werden könnte und Kissingen zwei Jahre hindurch ohne Rabbiner sein würde. Wenn auch nicht offiziell, so doch thatsä'chlich hatte sich hier ein Kampf um's orthodoxe Prinzip abgespielt und dieses blieb siegreich. Daß man am Wahltage plötzlich und unerwartet den jüd. Lehrern des Rabbinatsbezirkes, die in ihrer Mehrheit für Bamberger waren, das Wahlrecht abdekretirte. diesen Umstand aber schließlich als Wahlprotest benützte, sei'nur erwähnt als ein Moment unter vielen, welche die Art und Weise der Führung des Kampfes kennzeichnen, an dem, nebenbei erwähnt, die Kultusverwaltung des Rabbinatssitzes Kissingen selbst sich nicht betbeiligte. Nun sind die Würfel gefallen, die Wahl ist bestätigt.