Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 66 (20.8.1903)
- Date
- 1903-08-20
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Ruhe und Frieden sind wieder eingekehrt. Derartige Gemüthsaufregungen, wie sie Wahlperioden zeitigen, sind nicht lange nachhaltig. Während des Interregnums wurde die neue Synagoge in Kiffingen ihrer Bestimmung übergeben, ein Monumentalbau, welcher der Stadt zur Zierde und der jüdischen Gemeinde zur Ehre gereicht, letzteres umso mehr, als es den betheiligten Faktoren gelang, die strittige „Gittersrage" (Abschluß der Damengalerie) zu befriedigender Lösung zu bringen. Die Gottesdienste sind gut besucht. Viele rnn ’bnj. viel m:n kann man hier in Kiffingen beisammen sehen. Der Gottesdienst, selbstredend frei von jeder unjüdischen Neuerung, ist ein feierlicher und erhebender. Die vorzüglichen Leistungen des Kantors Steinberger, wie die trefflich zum Chor geschulte Gemeinde, erringen sickallgemeinste Anerkennung. Daß die zweimalige Abhaltung des Gottesdienstes zur Kurzeit an die Leistungsfähigkeit des Kantors große Anforderungen stellt, ist unbestreitbar. Mit der Zeit wird wohl noch eine weitere Kraft zur Aushilfe und Ablösung nöthig sein. Im Gemeindezimmer des Schulhauses findet auch noch allsabbatlich gesonderter Gottesdienst nach polnischem Ritus statt. Auch ein Chewra-Schiur wird jeden Sabbat gelernt, aber leider schwach besucht. Für die Magenfrage ist bestens gesorgt. Die beiden jüdischen Hotels, Ehrenreich und Herzberg, werden streng rituell geführt, das Essen ist gut und reichlich; selbst die „Neun Tage" kann der orth. Kurgast halien, ohne mit der Kurdiät in Zwiespalt zu gerathen. Eine Anzahl jüdischer Aerzte, zum Hheil streng orthodox und von anerkanntem Rufe, bieten beste Gewähr, daß nicht rituelle und ärztliche Vorschriften kollidiren. Auch eine von dem Kultusbeamten Selig neueröffnete und von dessen Töchtern geleitete, natürlich strengrituelle Frühstücksstube und Delikatessenhandlung erfreut sich starker Frequenz, ein Zeichen ihrer Beliebtheit und Zweckmäßigkeit. Die Bevölkerung Kissingens ist frei von antisemitischen Anwandlungen; trotz der großen Anzahl jüdischer Kurfremden ist nichts von antisemitischen Taktlosigkeiten in Bild oder Wort wahrzunehmen. So wächst denn auch die Zahl gerade der jüdischen Besucher von Jahr zu Jahr. Ein erhebliches Kontingent stellen unsere Glaubensbrüder aus Rußland, natürlich vorwiegend die bestsituirten Klassen, die Aristokratie des Handels und der Wissenschaft. Einen eigentbümlichen Eindruck machen die russischen Studirenden in ihrer uniformartigen Kleidung. Auch Badegäste aus Kiscknnew wies die Kurliste auf. Um auch den gering begüterten Glaubensbrüdern einen Kurgebrauch zu ermöglichen. existirt eine Wohlthätigkeitskasse. die viel Segen stiftet. Auch die Angelegenheit de: :2r. Kinderheilstätte macht erfreuliche Fortschritte. : Draußen vor der Stadt, an sanfter Anhöhe, liegt der jüdische Begräbnißplatz; ernst winken die Leichensteine über die Mauer. Frieden heischend, Frieden verkündend. lind als sollte auch hier, wie im ganzen Kiffinger Leben, jede Spur von Zurücksetzung gegen den jüdischen Mitbürger und Mitmenschen schwinden, erblicken wir den Grabstein eines höheren jüdischen Offiziers, der im Bruderkriege 1866 in der Schlacht bei Kiffingen ven ehrenvollen Todfür König und Vaterland starb. Schwer fällt es, Gefühle der Bitterkeit zu unterdrücken im Hinblick auf die Gepflogenheiten unserer „fortgeschrittenen" Zeit. Sucht man in anderen Kurplätzen vorkommende antisemitische Flegeleien mit der Ausrede zu rechtfertigen. der Jude dränge sich in Gesellschaften und Kreise ein, wo er nicht hingehöre, so sei bemerkt, daß in Kiffingen derartiges „Eindringen" gar nicht nöthig wäre, da bei der starken,? jüdischen Frequenz jeder Glaubensgenosse die ihm zusagende Gesellschaft finden kann, der Kaufmann den Kaufmann, der Rabbiner den. Rabbiner, der Lehrer den Lehrer u. s. f. Und sucht Jemand die Einsamkeit, so ist ihm auch dazu gar vielfach Gelegenheit geboten. * Alles in allem gestaltet sich Kiffingen zu .einem schönen Fleckchen Erde^ dessen Besuch jedem Glaubensgenossen zur Erholung und Auffrischung warm empfohlen werden kann. Und nicht nur zur geräuschvollen Kurzeit, ließ ich mir sagen, auch im stillen Winter sollen sich die Kiffinger das Lehen angenehm zu machen wissen, oder vielmehr soll für sie dann erst das eigentliche Leben beginnen, da sie im Sommer nur für ihre Gäste lebe». Ein jüdischer Verein „Erholung" sucht seinem Namen Ehre zu machen. Der Rabbiner als Ehrenmitglied und der Kantor als maitre dft plaisir drücken ihm gewiß ein jüdisches Gepräge auf. Und nun Schluß für heute! Aus einer anfänglich beabsichtigten, leichten Plauderei ist ein Konglomerat mehr und minder ernster Gedanken geworden. Mögen Sie. geehrter Herr Redakteur, sowie Ihr geschätzter Leserkreis, bei deren Lektüre sich nicht gar zu sehr gelarrgweilt haben! L. A. JIIAO SccauSaeg. von Alfred Neumann. .1 Bankgescbaft.Nerlindivv„Schridow- <UUiH|)IUÜlUlU srcaße 10 11. Bon den vom Berliner Bankgeschäft Alfred Neumann, Schndowstraße 10 U.berausaegebeuen Büaitttabellen nt der dritte Hahrgana 1903 erschienen. Das Buch bringt, eine tabellarische Zusammenstellung der letzten fünf Bilanzen sammilicher an der Berliner Börse gebandelter Bank». Transportnnd Hndustrie-Kesellschasten und zwar in außergewöhnlich praktischer und übersichtlicher Anordnung. Die gedrängte Form. in der die Bilanzen aller gleichartigen Gesellschaften aneinandergcreibt sind, lagt die Loge der gelammten Branche wie der einzelnen Gesellschaften leimt erkennen, während die Zusammenstellung aller gleichartigen Bosten der letzten fünf Fakire lede Verheuerung oder Verschlechterung ersichtlich macht. Samnrtlrche bis Ende Mai d. I. erschienenen Bilanzen sind noch mit ausgenommen, was den Verth des Buches besonders erhöht. Zu beziehen sind die .Vilanztabellen" zu dem mäßigem Preise von Mk. 4— durch die heransgebende Firma selbst.