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Der Israelit · 1903-08-20 · Heft 66 (20.8.1903) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 66 (20.8.1903)
Date
1903-08-20
Page
– (sequence 18)
Language
German
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gelbe Stoffring allgemein üblich. Im Jahre 1267 verbietet die Wiener Synode den geselligen Verkehr mit Juden, und diese Ausführung gilt besonders für Feiertage, während deren sich die Juden nicht blicken lassen dürfen. In alle' diese Maßregeln wurde aber von einer Seite Bresche geschossen: die jüdischen Aerzte wurden von Fürsten. Bischöfen und Bürgern gerne und vertrauensvoll zur Konsultation herangezogen. Im 16. Jahrhundert trat in dem Verhältniß der Judenschaft zur deutschen Bevölkerung eine tiefgreifende Aenderung ein: der reich sich entfaltende Handelsverkehr nach den Welihandelsplätzen Oberitaliens und Flanderns erleichterte in einer bisher unerhörten Weise die Kapitalbildung. Die Lombarden wurden die Lehrmeister der Deutschen, die ersten großen Bankhäuser entstanden, die Fugger'und Welser mit ihren weltumspannenden Verbindungen. Damit waren die Juden aus ihrer Stellung als kapitalistische Macht verdrängt, und wie sie einst die Vermittlung der Geldgeschäfte innegehabt hatten, so befriedigten sie jetzt durch den Hausirhandel die Bedürfnisse des Tages bis in die fernsten Zweige des Kulturlebens. Aber nun beginnen, wie vorher die Städte, jetzt die Bauern die Träger des fanatischen Judenhasses zu werden, und während der großen Bauernaufstände wird grausam gegen jüdisches Hab und Gut, auch gegen Menschenleben gesündigt. Die Aenderung im Kriegswesen, die allmählich an die Stelle der kleinen Feudaltruppen große Massenheere schuf, brachte die Juden dann in eine neue volkswirthschaftliche Position: sie wurden die Lieferanten der Heere. Auch diese Thätigkeit hat bei der Verworrenheit der damaligen Rechtsverhältnisse den Juden viel bittere Erfahrungen eingetragen. Der dreißigjährige Krieg hat dann — so unersetzliche Verluste er Deutschland zusügte — gerade den Juden Erleichterungen gebracht! Die Entwerthung des Geldes, die Herstellung geringwerthiger Geldstücke, die zur Prägung im Widerspruche stand, brachte große, verkehrstechnische Schwierigkeiten. So suchte man denn durch Verpachtung der Münzstätten an die Juden, die so die privilegirten Wechsler der, Deutschen tvurden, dem Unheil zu steuern. Wie immer vorher, ging es den Juden auch diesmal. Man schob ihnen alle odiösen Angelegenheiten zu und ließ sie dann Mißstände büßen, die sich ganz von selbst aus den Verhältniyen ergeben mußten. J.n die Zeit des dreißigjährigen Krieges fällt auch die für die deutschen Juden so wichtige Einwanderung der spanisch-portugiesischen Juden, die zuerst in die Niederlande, dann aber nach Hamburg gelangten. Sie betrieben überwiegend Großhandel und brachten werthvolle Beziehungen mit. durch welches das Hamburger Weltgeschäft begründet wurde. Sie importirten 'Rohzucker. Tabak, ostindische Kattune. erportirteu Getreide, Leinwand, Tücher u. s. w. 1619 legten sie. auch den Grund zur Hamburger Bank. Hier erreichten sie auch bemerkenswerthe hohe soziale Stellungen und sahen auf die deutschen Juden geringsch'ätzend herab. Sie nannten sie „Tedescos" oder „Polacos", mieden jede HeirathsverbindUng mit ihnen und nahmen selbst die plattdeutsche Mundart an. Hier tritt zuerst auch der ethnologische Unterschied der Sephardim und Aschkenasim, der westlichen und östlichen Juden, in Helles Licht. Karl Vogt hat dieses Thema aussührlich behandelt und bei den Sephardim Verwandtschaft mit dem arabischen, bei den Aschkenasim mit dem slavischen Typus nachgewiesen. (Rembrandt's Bilder der Spaniolen zeigen den arabisch-jüdischen Typus.) Unschätzbar waren für den Aufschwung des Handels die internationalen Beziehungen dieser Juden, und der alljährliche Handelskongreß der Leipziger Messe vereinigte die Juden der ganzen Welt zu persönlichem Verkehr. Heirathen thaten das Ihre, um weltumspannende Beziehungen zu knüpfen. Eine Frau Glücke!, die im Jahre 1646 in Hamburg geboren wurde, erzählt uns in ihren Memoiren, daß ihre zwölf Kinder nach Hamburg. Kopenhagen, Cleve, Berlin, Wien, London, Baiersdorf i. B. verheirat yet wurden: und zwar kamen sie in die angesehensten Familien Ballin (Hamburg), Gomperz (Cleve), Wertheimer (Wien) u. s. w. Im 18. Jahrhundert steht in der Judenfrage in Deutschland zunächst das Verhalten Friedrichs des Großen im Vordergrund: er, der in religiöser Hinsicht die größte Duldung walten ließ, war doch energisch bemüht, der Ueberfluthung Preußens durch slavische Juden vorzubeugen, damit nicht „denen unvermögenden Juden im Lande die Beihülfe verringert wird, und fremde Bettler die meisten Almosen hinwegraffen." Friedrich d. Gr. gewährte den Juden um ihrer Kapitalskraft willen auch großen Einfluß auf die Fabrikation; er ließ die Einwanderung fremder Juden nur zu, wenn diese sich verpflichteten, neue Fabriken zu errichten. , Nur unter dieser Bedingung wurde der Schutz, der sonst nur dem Erstgeborenen zukam, auch auf das.zweite Kind vererbt. Im allgemeinen seufzten aber in Deutschland die Juden unter der unerträglichen Last unverhohlener, auf Schritt und Tritt bewiesener Mißachtung: die Lichtstrahlen der menschlich freien Bildung, die einen Leibnitz. Wolfs. ThomasiUs zu ihren Urhebern hatte, kamen den Juden, die nur Handel betreiben durften, nicht zugute. Noch am 28. September 1769 verbot der Frankfurter Magistrat den Juden das Betreten des Glacis. Aber schon waren doch die Schwingen einer neuen Zeit hörbar, die Epoche der Humanität brach endgiltig an, die spekulativ-religiöse Geistesrichtung machte einer Anschauung Platz, die der natürlichen Entwicklung der Menschen, der Wirklichkeit ihr Interesse zuwandte. Die schroffen sozialen Gegensätze wurden gemildert; es entstand ein gebildeter Mittelstand, Bauern und Juden traten endlich aus dem

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