Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 66 (20.8.1903)
- Date
- 1903-08-20
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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44. Jahrgang. ti Akbks „Suknftttiii“ in ßiitJerer Zclcchtnng.') Von Dr. Eugen Hohner-Prag. Mit erfreulichem Eifer hat sich die deutsche historische Forschung - in den letzten Jahren der Geschichte de- Judenthums in den deutschen Landen zugewendet: es ist so, als wollte man gerade dort, wo der Antisemitismus am stärksten hervortritt, ihm wissenschaftlich am energischsten zu Leibe rücken und beweisen, daß er sich ganz ohne Berechtigung ein kulturgeschichtliches Mäntelchen umhängt. Eben liegt wieder eine dieses Gebiet berührende Publikation vor uns. Der bekannte Magdeburger Kulturhistoriker Dr. Georg Liebe gibt in einem außerordentlich interessanten und belehrenden Buche ein Bild von dem „Judenthum in der deutschen Vergangenheit."**) Liebe behandelt die Geschichte des Judenthums in der gesammten deutschen Vergangenheit, von den Anfängen des Mittelalters bis zu unseren Tagen herunter. Er legt hierbei auf die wirthschaftsgeschichtlichen Momente, die in dieser Epoche eine Rolle gespielt haben, ein besonderes Gewicht. Und wirklich sieht man, daß eine ganze Reihe von Vorwürfen, die man pauschaliter gegen das Judenthum der deutschen Vergangenheit erhebt, in Nichts zusammenfallen, weil die vermeintlichen Schattenseiten und Fehler nur das Produkt bestimmter Faktoren der Umgebung waren. Wiederholt warnt Liebe andererseits vor einer, wie er sagt, allzu sentimentalen Betrachtung der Vergangenheit, und weist immer wieder darauf hin, daß man die damaligen Verfolgungen und Hinrichtungen nicht aus dem Gesichtswinkel unserer, von höchster Humanität erfüllten Zeit, sondern im Sinne einer Periode beurtheilen müsse, die auf einen kleinen Diebstahl Todesstrafe , . *) $1 u m c r f u u Q b c r 'J1 e h « c t i o n. Unser vcrekrt.'r Mitarbeiter. Herr Rabbiner Dr. Holzer, bat s. Z. sofort nach Erscheinen des Liebe'schcn Buches. dessen Schwächen treffend gekennzeichnet (Rc. -Ni des..Jsr."). dieselben liegen zum größten Tbeil darin, das; Liebe nur die «infferen Verhältnisse oec Anden znin Gegenstände seiner Forschung machte und das innere, das ideale, das Geiitesleben des Gbetto's ganz unerrvübilt lief;, so dag seine Schildcrmig etwas schroffes, gebäffiges erbiclt. Der jetzt in Deiitschland zur Mwechslnng die Oberband gewinnenden und nun auch gleich zu ausschlietzender Einseitigkeit zngespitzten Geschichtsauffassung, nach der alle groben Bcivegnngeil der Wirthschnftspolitik entspringen. kannte sich auch Herr Liebe als Kind seiner Zeit nicht entziehen. Nichtsdestoweniger und. wie auch Holzer zugab. die «childerungeir der soziale» Beziehungen der Anden zur ÄuWnrvelt werthvoll und geben wir imch dem Grundsätze «-r alter» par.,“ oder jndnch ansgedrückt: ..Sriwinana ben achcchcin" auch einem Lobredner aus das Licbe'sche Auch gerne das Wort, zuinnt emein so be,nährten und bekauiltcn Schriftsteller, wie Herr Holznec cs ist. ... **) Mit 106 Abbildungen und Beilagen nach Originalen, großtentheils ans dem xv. und xviu. Hahcbundert. (Monographien zur deutschen Kulturgeschichte, heransgegeben von G. 'fiS lnhausen. Band Xi.) Leipzig. Diedrichs 1W3. 127 S. Preis 4 Mark. an setzte, 1>ie das einzelne Menschenleben nicht zu schätzen wußte und es bei jeder Gelegenheit — nicht nur bei Judenverfolgungen — zum Opfer verwilderter Instinkte oder fanatischer Excesse werden ließ. Das Mittelalter kannte in seinen Anfängen keinen Judenhaß; von einer Absonderung der jüdischen Bevölkerung in Wohnung und Kleidung ist bis in's zwölfte Jahrhundert keine Rede. In Köln, Würzburg, Erfurt finden wir die Juden mitten in der Stadt wohnen, auch mit Grundbesitz ansässig. Das Gemeingefühl zwischen Juden und Deutschen ist im elften Jahrhundert so stark,'daß die Juden in Köln Klagen um den Tod eines Erzbischofs anstimmen. Das alles wird bedeutsam anders in dem Augenblicke, wo die Kirche den Klöstern die Darlehensgeschäfte untersagt und ein kanonisches Zinsverbot erläßt. So war der Jude, der diesen Geboten nicht unterstand, der ausschließliche Träger dieser Geschäfte; dieses Monopol aber wurde allmählich zu einer Quelle des Hasses gegen ihn. Im 14. Jahrhundert erreichte dieser Haß seinen Höhepunkt. Um diese Zeit beginnt das Bemühen, die Juden — sowie alle anderen Schichten der Bevölkerung — in einen bestimmten Rechiskreis zu bannen; die Juden müssen eine Kopfsteuer zahlen und erhalten hierfür die Gegenleistung des Schutzes seitens des Landesherrn. Hand in Hand hiermit geht die Ausnützung der jüdischen Geschäfte zu staatlichen Zwecken: die Fürsten und Grafen borgen sich bei den Juden Gelder aus. Zugleich gewährt man ihnen ein Recht, oder vielmehr ein Vorrecht, welches erschreckende Folgen nach sich zieht. Während sonst verlorenes Gut dem Besitzer ohne Entschädigung zurückgegeben werden muß,, gilt für die Juden die Vefugniß, die Auslieferung nur gegen eine Summe vorzunehmen, die der jetzige Besitzer beim Ankauf bezahlt zu haben schwört. Vor Verlust also in jedem Falle gesichert, fragt der jüdische Händler nicht ängstlich nach der Provenienz und wurde so der privilegirte Hehler! Dieses bedenkliche Vorrecht zog, vereint mit der Thatsache, daß die Juden die hervorragendsten Vertreter des Kapitalismus waren, über ihnen wahre Gewitterwolken des Hasses zusammen. Die religiöse Grundstimmung des Mittelaters brachte dann die Entladungen in explosiver Weise. Mit der zunehmenden Kultur hörten dann, vom 14. Jahrhundert an, die blutigen Verfolgungen auf, und an ihre Stelle trat die unerbittliche Absonderung! in Wohnung, Tracht und geselligem Verkehr. Etwa j von 1350 beginnt sich der Begriff des „Ghetto" scharf i anszuprägen, etwa 1220 begegnen wir schon der jüdi- [ scheu Sondertracht als Mittel sozialer Scheidung, aber I erst im 14. und 15. Jahrhundert wird der aufgenähte.