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Der Israelit · 1903-08-20 · Heft 66 (20.8.1903) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 66 (20.8.1903)
Date
1903-08-20
Page
– (sequence 11)
Language
German
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heute vollständig zu Grunde gerichtet. Die Schilderung. die der Auswanderung von dem Abschied mit seinem ehemaligen Chef gab, war erschütternd. Der arme Jude begibt sich zuerst nach London zu seinem Bruder, hat die Absicht, sich in Amerika dauernd niederzulassen und hofft, bald für seine Familie sorgen zu können. Der Auswanderer erzählte auch, daß der jetzige Gouverneur von Kischinew, Fürst Urussow, in den friedliebenden Kreisen der Bevölkerung große Sympathien genießt, daß ihm aber die Partei, welche das Massakre inszenirt hat, ungemein feindselig entgegentritt. Frankreich. Paris, 16. Aug. Nach dem internationalen Völkerrecht ist eine auswärtige Gesandtschaft einer Regierung als der dieser Regierung gehörige Boden zu betrachten. So ist z. B. die russische Gesandtschaft in Paris russischer Boden und die französische Gesandtschaft in Berlin französischer Boden. Und dieses Gesetz wird auch sehr häufig durch den in den Gesandtschaften herrschenden Geist bestätigt. Vorige Woche hatte ich einige statistische Auskünfte in der hiesigen russischen und amerikanischen Botschaft zu holen. Obwohl ich russischer Bürger bin, habe ich in der russischen Gesandtschaft eine Athmosphäre von Grobheit. Unver-' sch'ämtbeit und lächerliche, wichtig thuende Büreaukraten getroffen. In meiner Anwesenheit hat ein französischer Jude, der nach Rußland gehen will, seinen Paß visiren lassen wollen. Der offizielle Schreiber — ein Tintenkuli von echtem Schrot und Korn — hat ihm nur mit einem mitleidigen Lächeln geantwortet: ..Yous et,«>s israßlite. Monsieur!“ Mit anderen Worten: Sie, als ausländischer Jude, dürfen nicht den sträflichen Ehrgeiz besitzen, den heiligen Boden Rußlands zu berühren. Wenn auch in etwas milderer Form als in Rußland selbst, riecht es auch in der hiesigen russischen Gesandtschaft nach Juchtenleder und Knutenwirthschaft. In der amerikanischen Botschaft jedoch habe ich. ein wildfremder Mensch, der dazu noch schlecht englisch spricht, den liebenswürdigsten und freundlichsten Empfang gefunden. Der erste Legationsraih bat mir die gewünschte Auskunft ertheilt, sich in der bereitwilligsten Weise zu meiner Verfügung gestellt und mich durch seine Freundlichkeit geradezu entzückt. Es genügt. der hiesigen russischen und amerikanischen Botschaft einen Besuch abzustatten, um festzustellen, daß man sich in einem Falle in der Gesandtschaft einer Reaieruna befindet, die gegen die Kischinewer Greueltbaten mit aller Energie protestirt bat, im anderen Falle jedoch — in der Gesandtschaft einer Regierung, die diese Greuelthaten hat ruhig geschehen lassen. Pi. England. London, im Äug. (Von der Fremdenkommission.) Die Fremdenkommission des Lord James of Hereford hat am 5. August ihren Bericht fertiggestellt, worauf dieser in der Schlußsitzung vom 10. August von sämmtlichen Kommissionsmitgliedern unterzeichnet wurde. Der Bericht wurde dann der Regierung zur Begutachtung vorgelegt und soll dem Parlament noch vor Schluß der Session überreicht werden. Die Veröffentlichung des Berichtes erfolgt, nachdem das Parlament offiziell Kenntniß von ihm genommen hat. Rußland. Petersburg, im Aug. Zur Verhütung neuer,' antisemitischer Ausschreitungen hat. wie berichtet wird, der heilige Synod bestimmt, daß, falls eine Animosität der Bevölkerung sich gegen die Juden irgendwo bemerklich machen sollte, die örtliche Geistlichkeit alsbald durch Predigt und Kolloquien das Volk darauf Hinweisen soll, daß, ein solches Gebühren eines orthodoxen Christen unwürdig sei, daß auch die Juden die Unterthanen desselben Zaren seien, wie die Orthodoxen, und daß Ausschreitungen gegen die Juden die öffentliche Ordnung stören und Handel und Wandel lähmen. Irrdi. Mllsvlet. Frau Nahid Ruth Lazarus erzählt im „Berl. Tgbl." Einiges aus den Lebenserinnerungen ihres verstorbenen Gemahls, des Herrn Prof. Moriz Lazarus. Ueber dessen Ernennung zum Professor an der Kriegsakademie zu Berlin heißt es da folgendermaßen: „Die Vorbereitung der Berufung zum Lehrer an der Kriegsakademie lag (und liegt wohl noch) in den Händen einer Kommission aus fünf Mitgliedern: drei Generälen und zwei Civilisten, gewöhnlich Räthen des Kultusministeriums. In diesem (meinem) Falle waren alle drei Militärs unbedingt für mich, nämlich General v. Etzel, Direktor der Kriegsakademie, General v. Peuker, oberster Chef aller Militärlehranstalten, und noch ein General. Der eine Civilist fand in mir alle wissenschaftlichen und pädagogischen Eigenschaften vertreten, zweifelte aber, ob es angemessen sein werde, an diese hervorragende und einflußreiche Stelle einen Juden zu berufen. Auch der zweite Civilist erging sich — offenbar um seine Gerechtigkeit und Unparteilichkeit zu beweisen —in geradezu übertriebener lobendster Anerkennung, erklärte es aber gleichfalls als „unmöglich", dem Juden diesen Posten (das heißt den philosophischen Unterricht) anzuvertrauen und ihm Militärs, höhere Militärs als Schüler gewissermaßen unterzuordnen. Indessen beharrte General v. Etzel aus dem einmal gefaßten Entschluß^ Er hatte den Vortrag beim König (nachmals Kaiser Wilhelm) und legte auf , Grund des Majoritätsbeschlusses das eventuelle Patent zur Unterzeichnung vor.

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