Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 66 (20.8.1903)
- Date
- 1903-08-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2446951-2449890-2449952--58880-2523319- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
erstreben, begeistert, verstanden blvs ihre ergme Muttersprache/vielleicht'stoch ein verwandtes Idiom, aber' untereinander verständigen konnten sie sich "nicht. Da/ .. mußte die neutrale französische Sprache gushelfen. So weit ging's gut. Dann' stellte der Bürgermeister uns ^je Herren vom Stadträthe vor, -mit Ausnahme, einiger 'Professoren ..des hiesigen Gymnasiums und'der landlvirthschafUichen» Hochschule, lauter Gevatter Schneider und Handschuhmacher. Diese aber ' lvaren der französischen Sprache nicht oder wenigstens nur sehr unvollkommen'mächtig, — und Fräulein, stellen Sie sich mein^Entsetzen vor, sie fingerr an, deutsch ' zu sprechen, unb sich in dieser Sprache, der verhaßten, zu verständigen. Deutsche Worte, die Sprache unserer ] Unterdrücker! Von allen unbemerkt, habe ich, an der Erfüllung meiner Ideale verzweifelnd, diese Versamm-' -läng verlassen und bin hinausgewandert in'D Freie, um in Gottes.schöner Natur meinen Schmerz zu lin-- dern und meine Enttäuschung auf Momente .zu ver-- gessen. Da sah ich Sie, und wie ein Lichtstrahl in dusterer Nacht war mir Ihr holdes Bild erschienen!" Doktor Dansky, sonst nicht sehr nnttheflsamer N'atu/,-hatte sich so recht vom Herzen gesprochen. Er ' ivußte selbst nicht, wie es kam, aber dieses Mädchen mH den wundersamen Augen, dieses Mädchen, dessen Namen er nicht einmal kannte, hatte es ihmIm ersten Augenblicke angethan. _Er/sprach .zu ihr mit einem/ Eifer,, einem Feuer, -als'stünde'er vor einer/hunderttopfigen/feineß Ausführungen * lauschenden- Menge. Zuweilen wurde er von den .Kindern unterbrochen, t welche ihrer Lehrerin Blumen brachten, um sie damit zu schmücken. Den Eichenkranz hatten siemhr ahgemommen, und ihn durch einen bunten aus Waldblumen und Farnkräutern geflochtenen ersetzt, und immer wieder •elften sie Fort, um andere Blumen herbeizuschlevpen. . Der Dokiyr setzte seine Auseinandersetzungen fort,/ .uul sie mit einem. Ausfälle gegen die deutsche Sprache und .mehr noch die deutsche Anmaßung und.Ueberhebllng zu schließen. \ - „ifnb doch," sagte das.junge Mädchen, als der Doktor endlich schwieg, „kann man es nicht in Abrede -stellen, daß die Kenn'tniß der deutschen Sprache ein uothwendiges Uebell ist, selbst.'in slavischen Landen, Sie ist eine-Weltsprache, deren Bedeutung nicht abge- ' leugnet 'werden kann. Als Vermittlungssprache tätigt sie, wie keine andere'.. .Sie alle,"welche aus.weiter Ferne hergekommen'sind, um das ÄndenkerDdes großen Böhmen mitzufeiern, ^sind gewiß treue . Söhne Slaves, und sind von dem Wunsche beseelt,- Germania zu deren Fußen geknechtet, zu sehen. Es ist dies ein Wunsch, zu Neffen Erfüllung Niemandem ein Opfer zu groß oder zu schwer'wäre. Aber gestehen tSie selber, wenn alle die Polen,, Russen, Slovaken, Slovenen, Rüthenen, Serben und Czechen heute über etwas Wichtiges berathschlagen sollten, müßte da. nicht eine. babylonische Sprachenv'erwirrung entstehen-?' Da ist es, wie Ihnen beute die Wirklichkeit zeigte, die deutsche Sprache, welche in solchen Fällen die Vermittlerrolle übernehmen muß.- Wohl jebe andere Sprache wäre Ihnen willkommener, ich gebe das zuaber jede andere wäre wieder nur. einigen Wenigen zugänglich, während sie denn bei weitem größeren Theile der Versammlung unverständlich wäre. Die deutsche Sprache allein wird von' bem gebrldetz^JTHeise. der Einwohnerschaft jedes Landes, in welchem Fine slavische die Volkssprache ist. gesprochen, Und/ius diesem Grunde kann es.al's Undankbarleitbezeichnet werden, wenn sie dermaßen geschmäht und verfolgt wird, wie'es thatsächlich geschiÄt " „Fräulein," rief Dansky überrascht aus. „Sie sind trotz Ihrer eleganten böhmischen Aussprache doch .keine Czechin, sind vielleicht gar eine Deutsche?" „Deutsche, Czechiy, wie Sie. wollend Ich. bin eine Jüdin!" * .; .F' ' „ Bei blefen .Worten des Mädchens ^uckte/Dansky zusammen. Die Jüdin hatte diese leise Bewegung nicbt bemerkt, sie-hätte in diesem Falle, nicht weitergesprochen. - F, > -Verstehem Sie lnich recht, mein Herr, ich'möchte nicht gern§-mißverständen werden, nicht so meinet-, 'als meines Volkes wegen,' welches jedes, unbedachte Wort eines Einzelnen büßen.muß. Sie tonnten, wenn- Sje meine Worte mißdeuten, annehmen, daßmür nicht mit, dem Volke fühlen, unftr dem wir leben, und daß es uns mit der Nationalität, zu der wir uns befennen, nicht ernst, ist. Das wäre ein Unrechts gegen uns. Ich habe von mir selbst gesprochen.-.In., 'einer rein ezechi/ scheu Gegend geboren, inmitten einer czechischen Bevölkerung ausgewachsen,', habe.-ich mit ganzem Herzen die Sache des czechischen Volkes zu meiner eigenemchemacht, bin von-Kindheit an eine treue Tochter 'BöhmMs,' gewesen-. Ich habe-die deutsche Sprache ebenso studirt, wie die französische, und wie ich' eine andere, fremde,, Sprache gelernt haben würde, wenn ich dazu Gelegenk)eit gehabt hätte. Als Kind^ gebildeter, aber unbemittelter Eltern, habe ' ich mich von Jugend an auf meinen Beruf als Lehrerin vorbereitet. Die unbestrittene Thatsache,' daß das czechische Volk —^Ausnahmen, gibt'es immer,, doch diese bestätigen die Regel -- nicht der Boden ist,' auf welchem die geistige Sumpfpflanze, Antisemitismus, so ungehemmt wie in deutschen Gegenden unseres Reiches, gedeiht, hat. meine Liebe zur czechischen Nation erhöht''« und befestigt.' Als ich aber meine elterliche Hütte verlassen hatte, tun rn's Leben hinaus zu treten, als mich die Nothwtndigkeit praktisch machte, da trat.mir, auch die Nothwendigkeit klar zmn Bewußtsein,^, die'zweite Landessprache der ersten gleichzustellew Ich studirte.in Prag an einer czechischen Lehranstalt, verkehrte gesellschaftlich ausschließlich ist czechisch-nationalen Kreisen, aber ich hörte in Prag nur höchst selten eine andere slavische