Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 66 (20.8.1903)
- Date
- 1903-08-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2449890-2449952--58875-2523314- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1450 arbeit so entsetzlich langsam Früchte zeitigt, so müssen wir uns mit dem Gedanken trösten, daß der Wahn sicher nicht mehr so lange dauern wird, wie er gedauert hat. War ja auch die Idee der Toleranz den früheren nichtjüdifchen Kulturepochen fremd. Das antike Heidenthum kannte sie nicht und das mittelalterliche Christenthunl sündigte in dieser Hinsicht am schwersten. Erst einem Lessing war es Vorbehalten das Hohelied der religiösen Toleranz zu singen und so ist denn zu hoffen, daß die Menschheit, wenn auch langsam, langsam sich von diesem Schandfleck dereinst reinigen wird — ohne Staatsanwalt und ohne Eide. .p«n sv p-iT nteeo vayn '2 . 6m pyo nfö ny»*n fcn ZeiLungsRachrichten urrv Corrcfponvenzen. Deutsch l a n d. Berlin, 16. Aug. (Nationalsozial und l i b e r a I.) DieThatsache, daß bei den letzten Reichstagswahlen die sog. nationalsoziale Partei des Herrn Pfarrer Naumann fast keine nennenswerten Erfolge erzielen konnte, sowie andererseits die vielen Berührungspunkte dieses Parteiprogramms, mit dem der freisinnigen Vereinigung gaben Veranlassung zu einer beabsichtigten Verschmelzung oder Fusion beider Parteien. Sowohl auf extrem reaktionärer wie auf extrem radikaler Seite ist man von dieser Idee aber nicht sonderlich erbaut, da man für die eigene Einflußsphäre fürchtet. Uns Israeliten kann das Parteigezänke als solches ziemlich gleichgiltig sein, es erregt unser Interesse nur insoferne, als es für jüdische Verhältnisse von Bedeutung ist und die Stellung der Fraktionen zu den deutschen Staatsbürgern jüdischen Glaubens berührt. Nun sind ja die freisinnigen Fraktionen, entsprechend dem Grundsätze: „Gleiches Recht für Alle", auch für uns Juden meist warm eingetreten, haben sie doch dafür von unseren Gegnern den gewiß geschmackvollen Titel „Judenschutztruppe" erhalten; aber auch auf die nationalsoziale Partei wurde bei ihrem Entstehen gerade von jüdischer Seite manche Hoffnung gesetzt. die sich allerdings anfänglich nicht verwirklichen zu wollen schien. Ich entsinne mich eines in verschiedenen Zeitungen, irre ich nicht, auch im „Israelit" damals veröffentlichten Briefwechsels zwischen Pfarrer Naumann und einem Glaubensgenossen. Letzterer sprach seine Anerkennung zum Parteiprogramm aus und wollte auch mitthun» erhielt aber als „Jude" eine zwar verblümte und verklausulirte, aber doch unverkennbare Zurückweisung. Es schien eben damals alles „Nationale" von der in ihrer Vollkraft stehenden antisemitischen Bewegung angekränkelt. Umsomehr kann es uns freuen, daß, wie die angestrebte Fusion mit dem Liberalismus darthut, seitens der nationalsozialen Partei die Krankheit überwunden worden ist. Von Interesse in dieser Hinsicht ist eine Stelle aus einem Artikel der „Münchner Neuesten Nachrichten*', datirt Berlin, 13. August, worin es heißt: ...... und "so durchstöbert die „Voss. Zeitung" seit drei Wochen ihre Archive, um aus verstaubten Aktenbündeln alte, längst' vergessene Geschichten aus der ersten Entwicklungsphase der Nationalsozialen hervorzusuchen. Man fand nun auch, daß die Nationalsozialen, vor allem Naumann, ihr Führer, in der Frage des Antisemitismus nicht ganz zuverlässig sind. Gerlach hat dies in einem nicht sehr glücklichen Artikel im „Berl. Tagebl." zurückgewiesen. Wir dächten, daß diese Frage aus den Erörterungen vollständig auszuscheiden hat. Daß die Nationalsozialen heute vom antisemitischen Treiben frei sind, steht außer Frage. Daß sich in ihrem Schoße solche Ideen vorfanden, als die Partei gegründet wurde und ihre ersten Jünger, vor allem aus den Stöcker'schen Kreisen kamen, ist nicht weiter verwunderlich. Der liberale Grundsatz, daß das religiöse Vekenntniß bei der Vewerthung des Staatsbürgers ausscheiden muß, ist derart unverrückbar, daß auch die geringste Liebäugelei mit dem Antisemitismus in dem Augenblick erstickt wäre, wo die Fusion beschlossen wird. Sollte sich dieser oder jener Nationalsoziale hierzu nicht verstehen können, so ist für ihn eben kein Raum'in den Reihen des Liberalismus. Waren die nationalsozialen, politischen Ideen schon von allem Anbeginn derart, daß sie in jüdischen Kreisen Anklang und Sympathie fanden, so dürste ihnen, wenn durch solche Verschmelzung mit dem Liberalismus eine weitere wünschenswerte Läuterung in ihrer Beziehung zum Antisemitismus sanktionirt wird, Erfolg und Lebenskraft beschieden sein. Von diesem Gesichtspunkte aus ist zu wünschen, daß der in den nächsten Wochen zusammentretende nationalsoziale Parteitag in Göitingen den Zusammenschluß beider Parteien zum Beschluß erheben möge." L. A. in M. Berlin, 17. Aug. Einen jüdischen T u r n t a g gedenken die schon zahlreich bestehenden jüdischen Turnvereine in der Zeit vom 21.—23. August in Basel abzuhalten. Einberufer des Turntages ist der über 600 aktive Mitglieder starke* jüdische Turnverein „Var Kochba"-Verlin, Nach den bisher vorliegenden Nachrichten wird der Turntag von einer größeren Anzahl von Vereinen, insbesondere Deutschlands. und Oesterreichs, beschickt werden und zu der schon lange angestrebten Vereinigung der vertretenen Turnvereine in eine „Jüdische Turnerschaft" führen. Die letztere soll namentlich mit mehr Kraft, als bisher den örtlich beschränkten Einzelvereinen möglich war, für die Verbreitung des Turnens unter den Juden im Sinne einer nationaljüdischen Aufgabe Propa-