Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 65 (17.8.1903)
- Date
- 1903-08-17
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449890-2449951--58863-2523301- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
>: ftmtws+vinni x. •■••'•y f 1439 Es war ein Tag vor der eigentlichen Feier. Den steilen, damals noch ungeebneten Weg. der zur Lucznitzbrücke herabfiihrte, schritt ein junger Mann herab. Diese Erscheinung hätte zu jeder anderen Zeit bei den lieben Kleinstädtern berechtigtes Aufsehen gemacht, heute aber war man gleichgiltig an ihm vorübergegangen. ohne das Fremdartige in seiner Kleidung zu beachten. Wimmelte es doch in der sonst so stillen Stadt von Fremden, welche alle in dem malerischen Nationalkostüm ihrer Heimath erschienen waren. „Wer zählt die Völker, nennt die Namen, Die gastlich hier zusammen kamen?" Der einsame Spaziergänger trug das kleidsame, polnische Kostüm, den engen Schnürrock, und die Föderavka keck auf der Seite sitzend, unter der sein üppiges, tiefschwarzes Lockenhaar hervorquoll. Auch hatte man an diesem Tage nicht Zeit dazu, sich viel um einen einzelnen Spaziergänger zu kümmern, und wäre es eine noch so auffallende Erscheinung gewesen. Kaum, daß man eine Weile seine Beschäftigung unterbrach, wenn ein ganzer Verein mit fliegenden Fahnen und rauschender Musik vom Bahnhose her durch das alterthümliche Prager Thor (ist jetzt eingeriffen) gekommen war. Ueberall wurde die letzte Hand an die Ausschmückung der Häuser und städtischen öffentlichen Gebäuden gelegt, innen in den Wohnungen aber wurde geputzt und geräumt, gekocht, gebraten und gebacken, denn es gab kein Haus vom Ringplatz bis in den äußersten Winkel der Vorstädte, das nicht Gäste beherbergte, oder doch erwartete. So vollauf beschäftigt war alles, daß Niemand des jungen Polen achtete, welcher den holperigen Weg herunterging, die über die Lucznitz führende Brücke überschritt, und seine Schritte dem Walde zu lenkte, welcher sich meilenweit längs des Flusses hinstreckte, der sogenannten Pinhovka. - Bei einer Biegung des Weges blieb der junge Pole stehen und wendete sich gegen die Stadt um. Keinen Blick hatte er für das wunderbare Panorama, welches sich vor seinen Augen ausbreitete, und einer Unzahl von Fremden schon ein „Ah!" der Bewunderung entlockt hatte. Mit wüthender Geberde ballte er seine feine Hand zur Faust, die er drohend gegen die Stadt erhob, die er vor Kurzem unmuthig verlassen hatte. „O, Tabor! Du Stadt meiner Sehnsucht, wie bist Du das Grab meiner Ideale geworden! Stolz wie ein Schisser mit-schwellenden Segeln habe ich meine Heimath verlassen, aber als armer Schiffbrüchiger kehre ich zurück, der seine kostbarsten Güter verloren hat. An Deinen starken Wollen hat sich nicht nur einstmals die Wuth der Feinde gebrochen, auch meine heiligsten Ideale, für die ich lebte und kämpfte, zerschellten daran. Habe ich darum alles von mir geworfen, was mir lieb und theuer war, Heimath und Vaterhaus, Eltern und Geschwister, und meinen angestammten Glauben, um jetzt eingestehen zu müssen, daß ich einem Phantome nachgejagt bin, das niemals, nie, greifbare Gestalt annehmen könne?"' Unter diesen und ähnlichen Gedanken hatte der Pole die Pinhofka erreicht. Beruhigend legte sich die köstliche Waldesruhe auf sein aufgeregtes Gemüth. Der Waldesschatten umschmeichelte ihn, so daß sein wild tobendes Blut ruhiger in seinen Adern floß. Ermattet von dem weiten Wege, ließ er sich im kühlen Moose nieder, wo ihn bald ein sanfter Schlummer umfing. Wie lange er so geschlafen hatte, wußte er selber nicht, als er erwacht war. Seine Taschenuhr war stehen geblieben und kein Mensch war inr Walde zu sehen oder zu hören. Diejenigen, welche diesen Wald als Ziel eines Ausfluges zu wählen pflegten, waren heute mit Arbeit sowohl, als mit Anschauen der Dekorationen, so wie der fremden Gäste beschäftigt, daß sie ihren gewohnten Spaziergang aufgaben. Diejenigen aber, welche die Pintovka zum Zwecke des Holz-, Pilze- oder Erdbeersammelns aufzusuchen pflegten, fanden heute eine lohnendere Beschäftigung oben in der Stadt. Neugierig sah sich der Pole um und blieb wie versteinert stehen vor dem Anblicke, der sich ihm darbot. Auf einem der sich terrassenförmig erhebenden Hügel saß eine Frauengestalt, beleuchtet von einzelnen Sonnenstrahlen, welche durch die Zweige der hohen Tannen hindurchzitterten. Ruhig saß sie da, die Augen sinnend in's Weite gerichtet. Der kleine Mund war halb geöffnet, so daß die weißen Zähne hervorschimmerten. Sie war mit einem duftig weißen Gewände bekleidet, und das dunkle, in dicken Zöpfen geflochtene Haar zierte ein Kranz aus Eichenlaub. War das ein Weib aus Fleisch und Blut, oder eine Nymphe des Waldes, die zu erblicken ihm seine aufgeregte Phantasie gestattete? Jetzt machte das holde Wesen eine Bewegung, um etwas neben sich Liegendes in die Hand zu nehmen. Die kleine Entfernung zwischen beiden gestattete es dem jungen Manne, den Gegenstand sofort zu erkennen. Es war eine Strickerei. „Ah," meinte der Fremde lächelnd, „das ist jedenfalls eine der vielgepriesenen Töchter des Landes, denn Nymphen und Feen stricken keine Strümpfe." Bon einem starken Baumstamme verborgen, war der Pole von der Schönen nicht eher gesehen worden, bis er in ihre unmittelbare Nähe gelangt war. Das Rascheln des welken Laubes, das bei seinem" Herannahen laut wurde, ließ die Dame aufblicken. ~; Glühende Rothe bedeckte ihre Wangen, als sie des Fremden ansichtig wurde. In einem zwar fremdartig klingenden, aber sonst ganz korrekten Czechisch sprach er sie an. Sw.antivortete ihm in derselben Sprache.