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Der Israelit · 1903-08-13 · Heft 64 (13.8.1903) · page 31

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 64 (13.8.1903)
Date
1903-08-13
Page
– (sequence 31)
Language
German
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1481 bemerkte er, daß man überall ihn mied, daß sowohl die Weißen, als die Rothen sich vor ihm verbargen, ohne indeß ihn zurückzustoßen. Unter den Seinen sah er auch, statt des Einflusses, zu dem er ein Recht hatte, nur Mißtrauen und Abneigung. Dies ist das unglückliche Loos aller Menschen mit gewissen Ueberzeugungen, die sie ohne das Amentar eines Parteiprogrammes annehmen, um in einer Mittelstellung auszuharren; daß sie in den äußersten Momenten völlig vereinsamt bleiben. Zur Gestaltung dessen, was sith üne Partei nennt, bedarf es einiger Fanatiker, einiger Leute schwachen Geistes, aber voll überspannter Leidenschaften, und endlich einiger Jntriguanten, die ihre Ueberzeugungen dem Ehrgeize opfern oder eigentlich, außer dem Interesse, gar keine haben. Das Haupt der Partei pflegt meist ein Mann zu sein von gutem Glauben, entflammt bis zur Verblendung von einer Idee, oder vom Ehrgeize. Die Reihen aber werden ausgefülli von Mannschaften verschiedener Größe und Maße. Um mit Heib und Seele einer Partei anzugehören, muß muß man sich verlaufen. Ein braver Mann kann passiv gehorsam sein, wenn das Land es fordert, aktiv aber von Herzen nicht ohne tiefe Ueberzeugungen. Jakob bemerkte, obschon er überall Zutritt hatte, nur zu leicht, daß er nirgends Einfluß besaß und eigentlich keiner Partei angehörte. Dies erregte in ihm maßlose Schmerzen. Und doch vermochte er nicht das, woran er glaubte, zu opfern, nur, um sich irgendwo einzudrängen und eine Stellung einzunehmen. Seinen besten Freunden sagte er oft schmerzliche Wahrheiten und scheuchte sie von sich zurück. Er konnte die Worte nicht in sich zurückhalten, wenn das Herz sie ihm eingab. Jwas, welcher sehr thätig war und Jakob liebte, mied ihn ebenfalls. Darum befragt, wies er ihn mit Scherzen ab, oder entschuldigte sich mit Unwissenheit. Kruder liebte es nicht, mit ihm zu reden, er wich ihm fast aus, obgleich er selber einen ehrlichen Standpunkt einnahm, der indeß darin von dem seinigen sich unterschied, daß ihn von der bestimmten Hingabe nach dieser oder jener Seite mehr Ehrgeiz, als tiefer Glaube zurückhielt. Er gehörte zu denen, die befürchten, sich zu verbrauchen; er wartete, beobachtete und beabsichtigte, seine ganze Kraft und Energie einzusetzen, aber nur, wenn er die Chancen des Spiels vorher genau berechnet, um, falls er nicht gewinnen sollte, wenigstens den Ruf eines guten Spielers zu erlangen. Aber wie stets, so täuschten ihn auch hier die Berechnungen. Die altjüdische Partei, „ mit der Jakob schon deßhalb sympathisirte, weil sie ihre Gesetze aufrecht hielt und achtete, hielt ihn dennoch für eine Art Ketzer und Träumer, der umso gefährlicher sei, weil er im Talmud gut beschlagen war. Auf der anderen Seite, welche die Intelligenz in sich schloß, standen Leute, die auf preußischen Universitäten gebildet waren, Heglianer und Philosophen, oder diejenigen, die nirgends etwas gelernt hatten und proprio motu es für's Beste hielten, an gar nichts zu glauben. Sie Alle blickten auf Jakob mit Mitleiden oder Abneigung. Zunächst bekannte er sich offen und rückhaltlos als Jude — jpaä sie ärgerte. Und dann forderte er Glauben, Grundsätze und Einigkeit, und bei ihnen schätzte man nur das verständig wahrgenommene Interesse. \ Zur Zeit, als man sich am eifrigsten bemühte und thätig sein mußte, befand sich Jakob wie in der Wüste, so allein Diese Wüste breitete sich täglich mehr auS; Alles verließ ihn, Niemand bedurfte seiner. Die Revolutionäre wußten nur zu gut, daß er den Ausbruch nicht für opportun hielt, also auch nicht die Hand dazu bot. Die Freunde des Markgrafen wünschten vergebens, ihn geneigt zu machen, daß er sich ihnen unterwerfe und dem Staatsmanne diene. Endlich, nachdem sie sich überzeugt, daß er unbeugsam sei, ließen sie ihn gehen. Mit den Russen hatte Jakob nicht die mindesten Beziehungen und kam gar nicht mit ihnen in Berührung. Von den Stammverwandten haßte ihn' Mann, weil er ihm sich nicht fügte und nicht Pfleger seines Leibes — denn des Kopfes konnte man nicht sagen — sein wollte. Sein früherer Vormund, mit dem er Beziehungen unterhielt, Tilda's Vater, gehörte mit Leib und Seele zum Vruel'schen Palaste. Sie standen also sehr kühl zu einander. Heinrich war vielleicht gewonnen durch einen Besuch irgend eines Mitgliedes der markgräflichen Familie, Er diente dem Markgrafen und rühmte ihn laut. Barthold neigte, obschon weniger unterwürfig und bestimmt, gleichfalls diesem Systeme hin. Die eifrigere, israelitische Ju- * gend schämte sich, mit Jakob in Berührung zu kommen, um nicht abgekühlt zu werden durch seine Vernunftgriinde. Trotzdem hielt er von ihr noch am meisten; denn in ihr, fand'er, war doch noch ehrliches, glühendes und edles Gefühl. Aber die Pflicht gebot ihm, sie zurückzuhalten; und dies nahmen sie ihm übel. Mit einem Worte, Jakob fühlte sich unnöthig geworden und zurückgewiesen. Mitten in der Bewegung einer- und den beginnenden Verfolgungen andererseits, als Alles auf der Spitze stand, kam Jwas eiir^s Abends zu ihm Und sprach, ihm die Hand auf den Arm legend, bestimmt: „Jakob! Der Augenblick naht, da das Land Opfer fordert. Ich komme zu Dir, um einen Beitrag und bringe gleich die Quittung mit. Hier ist meine Legitimation. Schätze Dich selbst ein,: - wie viel Du geben kannst!" (Fortsetzung folgt.) - '

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