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Der Israelit · 1903-08-13 · Heft 64 (13.8.1903) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 64 (13.8.1903)
Date
1903-08-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
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1405 selbe ist im gothischen Stile gehalten, die innere Ausstattung ist sehr geschmackvoll. Vor zehn Jahren ließ sie Herr Siegmund Geiringer auf eigene Kosten renovircn. Derselbe ist Stampfener und wohnt in Wien, bat aber seine Anhänglichkeit an seine Heimathgemeinde bewahrt. Zum Zeichen der Dankbarkeit wurde Herr Geiringer zum Ehrenmitgliede der Kultusgemeinde ernannt. Herr Geiringer antwortete mit einem Wohlthätigkeitsakte. Er spendete für den Tempel 100 Kr., für Theilnahme zehn armer Leute der Gemeinde am Festbankette 80 Kr. Vor dem Eingänge des Tempels las Herr Lehrer P o l l a 1 s ch e k ..die Geschichte der jüdischen Gemeinde Stampfens seit ihrem Bestände" vor. Die Arbeit verdient weiten Kreisen zugänglich gemacht zu werden. Erfreulicherweise ist die Hoffnung, daß sie in Druck gelegt werden wird, nicht unberechtigt. Der Kultusvorstand ließ eine Huldigungsadresse an Se. Mas. den König an das Höflager zu Ischl abgehen. Um V.l Uhr Nachm, begann der Festakt im Tempel. Für den gesanglichen Theil stellte Oberkantor Bauer am türkischen Tempel in Wien seine Dienste in uneigennütziger Weise zur Verfügung. Derselbe leitete in Stampfen vor 30 Jahren bei einigen Festlichkeiten den Gottesdienst. Selbstverständlich konnten wir Stampfener Oberkantor Bauer nicht vergessen, und so trat unser Vorstand an ihn mit der Bitte heran, auch dieses Mal dem Feste seine Würde zu verleihen. Die Einladung nahm Herr Oberkantor Bauer als Ehrenbezeugung für seinen Aufenthalt in Stampfen vor 30 Jahren an. Derselbe übertraf sich selbst in seinen Leistungen. Er leitete den Festakt durch Rezitirung des •rr rc ein. Nachdem das Minchagebet verrichtet loar. bestieg Se. Ehrw. Herr Rabb. Herzog die Kanzel. In der Festrede, dir als ein Muster der Kanzelberedsamkeit gelten kann, begrüßte er die Erschienenen, beleuchtete die Wichtigkeit des Festes und betonte, daß die Eintracht zwischen jüdischer und christlicher Bevölkerung den liberalen Intentionen der ungarischen Regierung zu verdanken ist. Die Rede, die in ungarischer Sprache begonnen und in deutscher Sprache beendet wurde, fand den verdienten Beifall bei den im Tempel erschienenen Vertretern verschiedener Behörden. Mit dem Vortrage des ttrh *r.2iv endete die Feier im Tempel. Ein Bankett vereinigte die Festgäste in der fröhlichsten Stimmung. Toaste wurden ausgebracht vom Herrn Rabbiner, vom röm.-kath. Pfarrer lein Zeichen des friedlichen Einvernehmens der christl. und jüdischen Bevölkerung), Richter, Stuhlrichter etc. Es wird wohl der Erwähnung werth sein, daß unser Rabbiner und dessen Gemahlin, sowie einige Vorstände die Zubereitung der Speisen betreffs Kaschrus auf's Peinlichste überwachten. Die Feier verlief würdevoll. Alle Theilnehmer werden diese Festlichkeit nicht aus dem Gedächtnisse verlieren. Nicht oft können wir von einer solchen, die aus Anlaß des Bestehens einer jüd. Institution begangen wird, sagen, daß sie in jüdischem Sinne gefeiert wurde, daß die Einwohnerschaft des Festöries noch jüdisch gesinnt ist. Daß dies möglich war, haben wir in erster Reihe unserem thatkräftigen jungen Rabbiner, aber nicht minder unseren Vorstandsmitgliedern Wagner, Tischler etc. zu verdanken. England. London.. (Mr. Booth über das Lond o n e r Ghetto.) In dem eben erschienenen siebzehnten und letzten Bande seines monumentalen Werkes „Life and Labour in London" hat Mr. Booth auch einige Streiflichter auf die Juden Ostlondons geworfen. Zwar ist in dem berühmten Buche, das für alle Zeiten ein Denkmal für das London der Königin Viktoria bleiben wird, von den Juden direkt wenig die Rede, desto mehr aber von dem Londoner Ghetto, resp. von dem Osten Londons mit seiner starken jüdischen Bevölkerung. Auf 1000 Männer im Alter von 20—45 Jahren kommen in Whitechapel nicht weniger als 274 unverheirathctc. Eine auffallende, für die Juden ungünstige Zahl, die jedoch durch die Anwesenheit des Asyls und anderer großen Absteigequartiere für überseeische Auswanderer sich in befriedigender Weise erklären läßt. Im Uebrigen hebt Mr. Booth selbst die auffallend große Zahl verheiratheter Frauen in Whitechapel und Umgegend hervor. Der Vorstand des Londoner statistischen Bnreaus, Mr. Harper, hat auch vor der Fremdentommission festgestellt. daß von den in London lebenden heirathsfäbigen „Russinnen" 86,7 Prozent, von den „Polinnen" gar 89.9 pCt. verheiraihet sind, gegen den Durchschnitt für ganz London mit 66,7 pEt., ein erheblicher Ueberfchuß. Dem großen Prozentsatz der verheiratheten Frauen entsprechend, ist auch die Zahl der Geburten im Ghetto von London sehr groß. In dieser Hinsicht nimmt Whitechapel mit 44.3 pro Tausend Einwohner den ersten Platz ein. Ebenfalls die erste Stelle nimmt dieser „verjudete" Bezirk in Bezug auf die natürliche Vermehrung seiner Bevölkerung ein, welche sich auf 20,9 pro Mille gegen 17,7 pro Mille bis hinab auf 4.5 pro Mille in den anderen Bezirken belauft." „Armuth und Juden", sagt Mr. Booth, „sind die Ursachen dieser ungewöhnlich hohen Zunahme. Als Arme erzeugen die Bewohner von Whitechapel zahlreiche Kinder, und als Juden pflegen sichre Kleinen mit zärtlicher Sorgfalt und bewahren sie vor der die Menschheit dezimircnden Kindersterblichkeit. Auch sonst ist Mr. Booth über die Juden vollen Lobes. Zn dem musterhaften Familienleben der Juden, welches von wahrhafter Religiosität und der feierlichen Anerkennung der Familienvslichten gestützt und getragen wird, tritt noch ihre große Nüchternheit hinzu. Die Inden sind durchwegs Temperenzler.

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