Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 64 (13.8.1903)
- Date
- 1903-08-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Wie soll also für den vernünftigen Menschen der Aufenthalt jüdischer Elemente störend wirken? Gewiß gibt es unter Juden auch Ausnahmen, aber auch unter ' den andern Bürgerklaffen mangelt es an Empork'ömmj lingen nicht, und der emporgekommene Metzger Schulz! ist kaum gebildeter und taktvoller, als der reich gewor-! dene Trödler Lewy. Ich habe nicht gefunden, daß die i jüdischen Gäste in den Bädern mit Recht den Haß ihrer? Nachbarn verdienen. Don wenigen Protzen, die auch j in den gebildeten jüdischen Kreisen unbeliebt sind, ab-! gesehen, sind die jüdischen Kurgäste meistens sehr bescheiden und liebenswürdig. Die so häufig beklagte Zudringlichkeit ist in vielen Fällen nur das mißverstandene Bedürfniß für Geselligkeit. Der Jude ist j nämlich das echte aristotelische Zoon politikon, sein j ganzes Leben athmet einen Hang nach Geselligkeit. Es , ist beziechnend, daß der Jude nur dann laut den Na--! men Gottes beim Tischgebet anruft, wenn mindestens drei Personen daran theilnehmen und daß sein Gebe!! im Tempel erst dann die rechte Weihe erlangt, wenn zehn Personen gemeinsam die Andacht verrichten. Vie-! len dieser als zudringlich verschrieenen Elemente erj weisen sich bei näherer Bekanntschaft als durchaus harmlose, bescheidene Personen. Dabei muß man den Juden doch zugute halten, daß ihr Auszug aus dem geistigen Ghetto erst seit einigen Dezennien datirt. Wie kann man überhaupt im Bade, wo man oft gezwungen ist, mit den Angehörigen aller möglichen Nationen zu verkehren, sich darüber beklagen, daß die Maniren einer Person Einem nicht Zusagen? Wähle ein Jeder den Verkehr, der seiner Bildung und seiner individuellen Neigung entspricht, lasse aber die Politik und die Religion im Bade aus dem Spiele! Geradezu tragikomisch wirkt es, wenn man sich nachher darüber beklagt, daß an einigen großen Badeplätzen der Prozentsatz der Juden zu groß ist. Erst macht man ihnen den Aufenthalt in vielen Bädern unmöglich. und dann wundert man sich, daß sie in den anderen Bädern zu stark vertreten sind. Sollen sie sich etwa die Freude an der Natur auch noch von den Antimiten verkümmern lassen? Es ist doch begreiflich, daß man dahin geht, wo man vor Schmähungen und Demüthigungen am meisten geschützt ist. Es ist hier ganz genau wie im gesellschaftlichen Leben. Man schließt die jüdischen Bürger aus vielen Kreisen aus und macht ihnen hinterher den Vorwurf, daß sie sich absondern. Säet keine schlechte Saat, dann werdet ihr keine ungesunden Früchte ernten! Dazu kommt noch das widerliche Treiben der antisemitischen Bäder, das verrohend wirkt und zu einer kulturellen Gefahr wird. Der brutale Pücklerton, der dort herrscht, die abscheulichen Lieber und Witze, die man dort hört, bilden einen öffentlichen Skandal und vergiften die Seele der Kinder. Man braucht nur einige Stunden auf dem gelobten Borkum geweilt zu haben. um sich von dieser Gefahr zu überzeugen. Es ist wahrlich nicht übertrieben, wenn man in diesen antisemitischen Bädern nicht nur etwas Häßliches, sondern auch Schädliches für die Kultur des Volkes und die geistige Zukunft erblickt. Besser wird es erst werden, wenn alle anständigen Börger sich zusammenthun, um konsequent alle diese unduldsamen Plätze zu meiden. Sind diese Bäder dann ausschließlich auf antisemitische Kurgäste angewiesen, dann hat dieser abscheuliche Sport bald sein Ernde erreicht. Ungarn. Stampfen, 16. Ab. Ein Tag nach dem Nationalfesttag nrrn i.y war für unsere Gemeinde ein Festtag. Unsere kleine Gemeinde beging an demselben die seltene Feier des hundertjährigen Bestandes unserer Gemeinde-Synagoge. Unsere Gemeinde ist zwar um Vieles älter, denn sie wurde gegründet, als der rw; aus Oesterreich die Juden zwang, eine neue Heimath aufzusuchen. Der Bau eines besonderen Gotteshauses ward ihr erst von der Grundherrschaft Pallfy erlaubt. Die Gemeinde Stampfen gehörte zu den bedeutendsten Gemeinden Ungarns, wirkten in derselben als Rabbiner. Vor gerade hundert Jahren, als der Tempel vollendet wurde, wirkte in der Gemeinde als Rabbiner der Verfasser der c*eb> vn eines in Fachkreisen hochgeschätzten talmudischen Werkes. Derselbe vollzog die Einweihung der neuerbauten Synagoge. Die Tempelweihe für den hundertjährigen Bestand des Gotteshauses fiel unserem Rabbiner Herzog w -px' "11 zu. Unser Rabbiner darf als Regenerator unserer Kehila gelten. Wir dürfen ruhig sagen: rray rnnn Lange Jahre schwankte die Gemeinde, welcher Parteiorganisation im Lande sie sich anschließen soll; seinem rastlosen Bemühen in Gemeinschaft mit den thatkräftigen Vorständen Wagner. Tischler etc., gelang es. die Gemeinde der orthodoxen Landesorganisation anzugliedern. Die Leitung der Gemeinde ist strengreligiös. Kein Geschäft ist am Schabbos geöffnet. Auch für den Nachwuchs ist gesorgt. Herr Rabbiner Herzog hat eine Talmud-Thora gegründet und läßt sich das Gedeihen dieser Anstalt gelegen sein. Die Feier fand bei Anwesenheit der Honorätionen des Ortes statt. Für den Ort war der Festzug ein Ereigniß. Aus Wien kamen die Gäste — etwa 200 — in einem Extrazuge, aus Preßburg und Umgebung fanden sich Viele ein. Alle Ortsinsassen waren zum Empfange der Festgäste am Bahnhofe erschienen. Namens des Vorstandes hielt Herr Vorstand I ö st eine warme Ansprache an die Festgäste und fand die Rede eine begeisterte Aufnahme. Nachdem die Schuljugend die Nationalhymne abgesnngen hatte und ein Hoch an.f den König ausgebracht war. bewegte sich der Festzug durch die Straßen des Ortes zur Gemeindefynagoge. Die-