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Der Israelit · 1903-08-13 · Heft 64 (13.8.1903) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 64 (13.8.1903)
Date
1903-08-13
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1403 dieser Absicht hatte ich aber gebeten, davon abzufleheu. Ein Schriftsteller soll sich nach meiner Meinung mir keiner Partei offiziell' verbinden, damit die Freiheit seiner persönlichen Ueberzeugung vollkommen gewahrt bleibe. Was die Judenfrage angehi, so bin ich nicht der Freund einer volkswirthschaftlichen Richtung, die so wesentlich von dem Judenthume beeinflußt wird. Im klebrigen aber verbieten es mir Geschichte. Philosophie und Christenthum, zwischen Menschen und Menschen einen Unterschied grundsätzlich zu machen, und glühend hasse ich die heute besonders in großen Städten so gewissenlos und abscheulich betriebene Judenhetze. In diesem Sinne nehme ich die von Ihrem Verein mir zugedachte Auszeichnung an." So sieht der „Antisemit" Rosegger aus! Berlin, IO. Aug. (Die Juden in den Bädern.) Im physischen Leben können wir es häufig beobachten, daß eine Krankheit viele andere mit sich zieht. Es gibt eben keine eigentlichen lokalen Krankheiten. Der ganze Organismus ist beim Kranken nicht intakt und das äußert sich in verschiedenen Erscheinungen. Es ist auch auf geistig-sittlichem Gebiete nicht andes. Eine kranke Weltanschauung führt viele unangenehme Begleiterscheinungen mit sich. Die antisemitische Bewegung hat die Judenfrage aufgerollt und sie in den Mittelpunkt des politischen und sozialen Lebens gestellt, und mit dieser Judenfrage tauchen jeden Tag neue Fragen als Einzelerscheinungen einer ungesunden Zeit auf. Im Grunde genommen stellen alle diese Fragen eine lange Skala von Leiden und Demüthigungen einer Vürgerklasse dar. Und diese Vürgerklasse hat keine Interessen, die mit denen des Staates oder der anderen Bürger kollidiren, sie fordert Niemand zum Kampfe heraus, sie hat den sehnsüchtigen Wunsch, mit den andern Bürgern in Frieden und Eintracht zu leben. Die Bäder- und Erhölungssrage spielt im modernen Leben eine große Rolle. Ehemals gingen nur die Kranken oder die Reichen in die Bäder. Heute, wo der Kampf um's Dasein sich stets komplizirter gestaltet und namentlich in den Großstädten unsere Nerven in einem erschreckenden Grade verzehrt, ist für Jeden die Erholung in frischer Natur für einige Wochen im Jahr kein Luxus mehr, sondern ein absolutes Vedürfniß. Wir müssen im nervösen Jagen und Hasten wenigstens für kurze Zeit Halt machen und unsere Kräfte erfrischen. Wir müssen wenigstens für einige Wochen Fühlung mit der Natur nehmen, um Physisch und Psychisch nicht zu ermatten. Wie der Ruhetag in der Woche zum Naturgesetz geworden ist, so wird für den Menschen der Zukunft der Ruhemonat im Jahr zu einer ständigen Einrichtung werden. Während aber für jeden Bürger nur die Beschaffenheit des Erholungsortes oder Bades und der Preis bei der Wahl in Frage kommt, muß der jüdische Bürger auch noch prüfen, ob der Platz, an dem er für einige Zeit Zuflucht sucht, nicht ..judenrein" ist. Ja, wir haben es in der Kultur soweit gebracht, daß im 20. Jahrhundert etwa 60 Bade- und Kurorte in Deutschland sich öffentlich ihres antisemitischen Geistes rühmen und dem jüdischen Kurgast den Aufenthalt verkümmern. Borkum hat vor Jahren damit den Anfang gemacht und viele Plätze sind seinem Beispiel gefolgt. Wie das gemacht wird, weiß man ja. Einige Antisemiten thun sich zusammen und suchen einen unbekannten Kur- oder Badeort auf, rühmen sichden Wirthen gegenüber ihrer guten Beziehungen und versprechen ihnen, den Platz zu heben, wenn sie sich verpflichten, keine jüdischen Gäste aufzunehmen. Dann geht der Rummel los und der unschuldige Flecken Erde wird in eilt antisemitisches Dorado verwandelt, an dem der Radau das Szepter schwingt. Meistens sind nachher die Wirthe die Betrogenen und möchten zurück, können es aber nicht mehr. Es ist also im Grunde eine geschäftliche Spekulation, die freilich häufig gänzlich verfehlt ist, allein die Thatsache, daß es in Deutschland viele Bäder gibt, die sich öffentlich ihrer Unduldsamkeit rühmen, ist so beschämend, daß sie als traurig bezeichnet werden müßte, auch dann, wenn sie praktisch keine unangenehmen Folgen hätte. Die Sache ist aber auch praktisch nicht ohne Bedeutung. Die Zahl der antisemitischen Bäder nimmt, dank der systematischen Hetze, von Jahr zu Jahr zu, und entwickelt sich die Sache so weiter, dann werden die kleinen Badeorte bald alle antisemitisch verseucht sein, und den Israeliten werden nur noch die großen Badeplätze zur Verfügung stehen, die aber wegen der hohen Preise und wegen des dort herrschenden vornehmen Lebens für die minderbemittelten Elemente kaum in Betracht kommen. Wir haben uns an viele Verkehrtheiten gewöhnt und fühlen oft nicht mehr, wie widersinnig die uns umgebenden Dinge sind. Und doch gibt es. kaum eine unnatürlichere Erscheinung, als antisemitische Vadeplätze. Wenn irgend etwas während der Erholungszeit ruhen muß, so sind es die politischen Gegensätze. Man zieht ja in die Natur hinaus, um wenigstens für kurze Zeit den Ballast von trockenen Förmlichkeiten, drückenden Modethorheiten und engherzigen Schablonen abzustreifen und als schlichtes Menschenkind zu leben. Auch der Klassen- und Rassenhaß könnte für einige Zeit Waffenstillstand gebieten, und unser Dünkel sollte in den heißen Tagen Ferien halten. All die Phrasen von den unangenehmen Maniren der jüdischen Gäste sind meistens auswendig gelernt und man findet sie am häufigsten im Munde solcher Leute, die noch nie mit gebildeten Juden verkehrt haben. Man ist ja nie gezwungen, mit. solchen Leuten zu verkehren, die Einem unsympathisch sind, und überall schließt man sich ja enger nur wenigen Personen an.

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