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Der Israelit · 1903-08-10 · Heft 63 (10.8.1903) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 63 (10.8.1903)
Date
1903-08-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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44. Jahrgang. zu J* 63 des Lsraelit ZeltungArrachrichLerr urrd CorrefponSenzen. Deutschland. Berlin, im Aug. Von einem merkwürdigen Schicksal ist Eduard von H a r t m a n n, „der Philosoph des Unbewußten," ereilt worden. Er, der vor etwa zwanzig Jahren in Folge seiner Schrift: „Das Judenthum in Gegenwart und Zukunft" von den Antisemiten mit offenen Armen in ihren ehrenwerthen Kreis aufgenommen wurde und seitdem mit seinen Aussprüchen sogar im Antisemitenkatechismus ein Plätzchen behauptet hat, er wird heute von der „Staatsbürgerzeitung" ein „Parteigänger des Judenthums" genannt. Wie das gekommen ist? Nun. ganz einfach: Der Philosoph hat sich gemausert. Vor zwanzig Jahren schrieb er: „Der Jude verlangt zwar in seinem Interesse alle Freiheiten für sich, ebenso wie die katholische Kirche, aber er gönnt keinem andern eine Freiheit, die derselben iw antisemitischen Interesse benutzen könnte; so verlangt zwar der Jude das Recht, alles Nichtjüdische mit Wort und Schrift nach seinem Belieben verunglimpfen zu dürfen, aber er schreit sofort über mittelalterlichbarbarische Juvenhetze, sobald diese Freiheit einmal gegen die Juden gebraucht wird, unbekümmert darum, daß dieselben doch jetzt bei uns höchstens mit Redensarten. aber nicht wie früher, an Leib und Leben geschädigt werden. Es gibt keinen konservativeren Menschenschlag. als die Juden, wie ihre ganze Geschichte beweist, und noch heute hängen sie, bloß aus Konservativität, mit einer für Draußenstehende unbegreiflichen Zähigkeit an den veralteten Ueberlieferungen und Gewohnheiten. Aber freilich sind sie konservativ nur gegen das Ihrige, und haben gar keinen Grund, gegen etwas Fremdes konservativ zu sein, außer soweit es ihren Interessen dient. Die zersetzende Negativität gegen das Fremde ist nur die Kehrseite und unabtrennbare Folge ihrer Konservativität gegen das Eigene, und sie sind liberal und oppositionell gegen die deutsche, österreichische u. s. w. Negierung und deren Politik nur darum und insoweit, als es keine jüdischen Negierungen sind und sie keine reine jüdische Politik treiben." Und nun vergleiche man die folgenden Ausführungen Hartmann's, die er in einem Artikel zu den Reichstagswahlen unter dem Titel: „Wer ist der gefährlichste Gegner?" zum Besten gibt: „In der-deutschen Judenschaft eine Gefahr für das Deutsche Reich sehen wollen, kann nur ein Gespenstersehcr. Wenn nicht die Sozialdemokratie noch eine Anzahl Juden in den Reichstag einführte, so wären diese dort schon nahezu ausgestorben. Keine der anderen Parteien wagt mehr, einen jüdischen Kandidaten aufzustellen, aus Furcht, eine Anzahl werthvoller Stimmen abzuschrecken; da scheint es kaum noch ' nöthig, für den Wahlkampf gegen das Judenthum mobil zu machen. Die jüdische Bevölkerung im Deutschen Reich ist von 1871 bis 1893 von 1,26 auf 1,19 v. H. herabgesunken. Die deutsche Judenschaft strömt mehr und mehr vom Lande und den kleinen Städten in wenige größere Städte zusammen, steigt dgrt zu Wohlstand und Bildung auf und verliert damit die konfessionelle Beschränktheit, die das größte Hinderniß der deutschen Naturalisirung bildet. Die Zahl der Geburten nimmt mit dem Aufstieg zu Wohlstand und Bildung auch bei den Juden ab; die Zahl der Uebertritte und der Misch-Ehen, insbesondere die statistisch nicht nachweisbare Zahl jüdischer Kindertaufen nimmt zu. Bald dürfte der Punkt erreicht sein, wo die Zahl der Juden im Deutschen Reiche nicht nur relativ, sondern auch absolut abnimmt. Dies alles spricht gegen die Fortdauer des politischen Antisemitismus, der sich bereits mehr und umgewandelt hat, bei uns in Antikapitalismus und Alldeutschthum, in Oesterreich in einen Ultramontanismus mit christlichsozialer Färbung. Der Antisemitismus trägt Mitschuld an dem Vorrücken des Polenthums, weil er die Juden in den polnischen Landestheilen, die die besten Bundesgenossen der Germanisirung waren, theils zur Abwanderung, theils zum Uebergang in's polnische Lager gezwungen hat. Die Judenaustreibungen haben den westeuropäischen Ländern ebensowenig zum Dortheil gereicht, wie die übermäßige Judeneinwanderung den osteuropäischen Ländern. Deutschland und die Vereinigten Staaten scheinen gerade einen solchen Prozentsatz zu haben, wie er als Sauerteig dienlich und doch noch ohne Indigestion zu verdauen ist." Wahrlich, tempora. nmtantur! Vom Rhein. An der am katholischen Schullehrerseminar zu Kempen diese Woche stattgehabten Entlassungsprüfung betheiligten sich wieder einige Zöglinge des Kölner jüdischen Lehrerseminars und bestanden die Prüfung mit gutem Resultate. Das Kölner Seminar kann also auch in diesem Jahre mit seinen Leistungen wohl zufrieden sein. Sammtliche Absolventen fanden sofort im jüdischen Schuldienste Verwendung. Welch* großem Bedürfnisse diese gesetzestreu geleitete Anstalt entgegenkommt, geht schon daraus hervor, daß achtzehn Gemeinden in diesem'» Sommer einen in Köln ausgebildeten Lehrer verlangten. während nur sechs Gemeinden versorgt werden konnten. Wir wünschen daher dem Kölner Seminar auch weiterhin srro rftsfc

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