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Der Israelit · 1903-08-10 · Heft 63 (10.8.1903) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 63 (10.8.1903)
Date
1903-08-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1388 aber wenigstens keiner direkten Unterstützung und ernähren sich noch einigermaßen; weit schlimmer daran sind die Kolonisten der Gruppen Clara und San Antonio. Der Verwaltungsrath der „2- A." hat nun die Administration reorganisirt und durch ihren Vertreter den Kolonisten Muth zugesprochen und ste .zum Ausharren aufgefordert. Man hofft, durch extensive Kultur, durch Anlegung von umfangreichen Maisplantagen, wenigstens die Kinder dieser Kolonisten, zur ökonomischen Selbstständigkeit zu bringen. (Schluß folgt.) AerSVKg§NsHr-HLen urrd Tsrrefpom>errzerr. Deutschland. Berlin, 6. August. (Die Judenunruhen in Rußland.) Aus Czenstochau in Russisch- Polen wird dem ..Berliner Tageblatt" berichtet: Die hiesige jüdische Bevölkerung ist wieder stark beunruhigt in Folge der immer wiederkehrenden Gerüchte, daß am 15. August, einem katholischen Feiertage, der jedes Jahr große Wallfahrermengen nach Czenstochau führt, in Abwesenheit der Militärbesatzung neue Judenkrawalle ausbrechen sollen. Viele Einwohner verlassen schon jetzt die Stadt, andere wieder verlegen ihre Wohnungen nach dem besseren Viertel, während die Kaufleute den Bezug von Waarenvorräthen auf das Minimum beschränken. Um allen möglichen Eventualitäten vorzubeugen, hat sich der Vorstand der jüdischen Gemeinde an den Gouverneur in Petrikau mit der Bitte ' gewandt, eine genügende Militärmacht für den erwähnten Zeitpunkt in der Stadt zurückzulassen. Das Gesuch ist indeß abgelehnt worden, weil die Regierung, wie es in der Antwort heißt, „nicht einen unwiderleglichen Beweis dafür habe, daß die Gerüchte auf einer thatsächlichen Grundlage beruhen." Natürlich ist ein derartiges Verhalten der Regierung nur dazu geeignet, die Angst vor Ausschreitungen, welche sich in so hohem Maße der jüdischen Einwohner bemächtigt hat, noch weiter zu steigern. Dies umsomehr, als man auf Hilfe seitens der örtlichen Polizei nicht mehr rechnen kann. Diese letztere benützt vielmehr schon jetzt den geringsten Zusammenstoß zwischen einem Juden und Christen, um den Anschein zu erwecken, als nähmen die Juden eine herausfordernde Haltung an. Da dies nicht immer gelingen will, scheu! man selbst vor Protokollfälschungen nicht zurück, wie dies erst vor kurzem seitens der hiesigen Gerichtsbehörden festgestellt worden ist. Aus Odessa wird dem „Berliner Tageblatt' berichtet: Ueber die Verhandlungen, durch welche die Mordthaten in Kischinew gesühnt werden sollen, wird allmählich Näheres bekannt. Leider besteht wenig Hoffnung; daß bei diesen Verhandlungen rücksichtslos die Wahrheit aufgedeckt wird. Die Prozesse finden nicht in Kischinew, sondern in dem kleineren Städtchen Tiraspol statt, und zwgr hinter verschlossenen Thüren. Dadurch ist auch die Presse nicht in der Lage, mehr als die Thatsache der Anklage und das Urtheil zu bringen, und die Regierung ebenso wie die Beamten, welche sich an den Ausschreitungen betheiligt haben, sind vor unliebsamen Enthüllungen in hohem Grade gesichert. Der Gerichtspräsident ist dann ferner in der Lage, da die Oeffentlichkeit ausgeschlossen ist. die Verhandlungen fast ohne Kontrolle zu führen, und man darf sicher sein, daß sie in dem von der Regierung gewünschten Sinne geleitet werden. Es kommen im Ganzen 42 Personen vor das Gericht, welche des Mordes oder schwerer Körperverletzung angeklagt sind. Die Zahl ist außerordentlich gering, wenn man bedenkt, daß 47 Personen verwundet wurden. Von den eigentlichen Anstiftern der Massenmorde war bisher nur der Notar Pisarzewski angeklagt, den man am Tage nach Erhebung der Anklage todt in seiner Wohnung vorfand. Die stark kompromittirten Kaufleute Stepano und Ponin und Staatsbeamter Szerban sind heute noch nicht dem Gericht übergeben worden. Diese Personen haben seinerzeit den Berliner und Wiener antisemitischen Blättern das Material zu der erlogenen Darstellung der Ereignisse in Kischinew geliefert. Die genannten vier Personen hatten regelmäßige Sitzungen, um das Massakre zu organisiren. Die letzte fand zwei Tage vor dem Ausbruch der Excesse statt. Zu den amtlichen Person-, lichkeiten. welche bemüht sind, die Wahrheit zu vertuschen, gehört vor allem auch der Chef der Gendarmerie in Kischinew. Baron Lewendahl. Er hat einige seiner Agenten zu den angeklagten Räubern in das Gefängniß geschickt und läßt diesen vorschreiben, was sie ausfagen sollen. Andererseits werden Zeugen, welche über die Betheiligung der Polizei bei den Unruhen Aussagen gemacht haben, auf das Polizeibureau gerufen und dort mit Schmähungen und Drohungen überschüttet. Es ist bei russischen Verhältnissen begreiflich genug, daß derartige Vorgänge die noch nicht verhörten Zeugen einschüchtern. So wird von verschiedenen Seiten dafür gesorgt, daß sich bei den Prozeß- Verhandlungen möalichst wenig Unannehmlichkeiten für die russischen Behörden ergeben. Dresden, 7. Aug. (Der bankrotte Anti s e m i t i s m u s.l Die „Deutsche Wacht" hatte es bekanntlich fertig gekriegt, eine Stimmenvermehrung der diversen antisemitischen Parteichen bei den Reichstagswahlen berausznrechnen. Nach der amtlichen Skotiink des Reichsanzeigers indeß betragt der nicht unerhebliche Rückgang der antisemitischen Stimmen 30.680. Cs wurden nämlich dieses Mal für die diversen Antisemiten und Christlich-Sozialen 244.561. im Jahre 1808 dagegen 284.250 Stimmen abgegeben.

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