Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 62 (6.8.1903)
- Date
- 1903-08-06
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449890-2449948--58788-2523223- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
LELLZMÄMM. 1367 und daß in der gottesdienstlichen Versammlung Spenden gesammelt werden. Wohl wurden anfangs in den Zeitungen die Spenden und die eingelangien Geldbeträge bekannt gegeben. Als aber unter diesen Spenden hervorragende Persönlichkeiten: Fürstin Dolgoruky, Graf Kleinmichel und andere, erschienen, wurde den Zeitungen mitgetheilt, daß derartige Publikationen der Regierung nicht angenehm seien, und daß in Rußland einem solchen Winke mit dem Zaunpfahl Folge geleistet werden mußte, ist einleuchtend. Als die Judendeputation darauf hinwies, wie sehr derartige Maßnahmen die unglücklichen Juden beeinträchtigt würden, versprach Herr von Plehwe, daß er dagegen auch die Publikationen der antisemitischen Sammlungen verbieten werde. Er versprach auch, Maßnahmen gegen Herrn Kruschewan. den Herausgeber des „Bessarabetz", zu ergreifen. Das erstere Versprechen hielt er überhaupt nicht, die antisemitischen Sammlungen für die Familien der verhafteten Mörder und Räuber werden nach wie vor publizirt und die Einwirkung auf Herrn Kruschewan bestand darin, daß nach einem neuerlichen, sehr groben Hetzartikel in dem „Bessarabetz" dieser Zeitung für ein paar Wochen der Einzelverkauf untersagt wurde. Bekannt ist, mit welchen Gnadenbeweisen seit- . her Herr Kruschewan überhäuft wurde. Was soll aus all' dem werden? In einer jüngst veröffentlichten Broschüre wird eine Antwort Pobedonoszews aus diese ihm gestellte Frage mitgetheilt. Die Antwort soll gelautet haben: „Ein Drittel wird zum Ehristenthum übertreten, ein Drittel wir auswandern, ein Drittel wird aussterben." Das soll das Schicksal sein von künf Millionen Menschen! ZekLungsnachrichLen und Sorrespondenzen. Deutschland. Regcnsburg, 2. Aug. Das „Regensburger Tagblatt" vom 26. Juli schreibt: Von der Schrift des hiesigen Distriktsrabbiners Herrn Dr. S. M e Y e r ist ein zweites Heft erschienen. Die bekannten Behauptungen des Professors Delitzsch, Israel habe seinen Monotheismus und seine Kultur von den Babyloniern entlehnt, werden in diesem Hefte mit weite/en, jedermann einleuchtenden Gründen völlig widerlegt und gezeigt, wie Delitzsch sich vielfach selbst widerspricht. Es ist ergötzlich zu lesen, wie Delitzsch contra Delitzsch in's Feld geführt wird. Dr. S. Meyer beruft sich dabei auf Prof. Hilprecht und andere Assyriologcn, vor allem aber auf den Grundtext des alten Testaments, in dessen gelehrter Kenntniß er sich Delitzsch überlegen zeigt. Wer zu gründlicher Klarheit in der so viel Aufsehen erregenden Bibel- und Babel-Frage gelangen will, dem sei auch dieses zweite Heft von „Contra Delitzsch" empfohlen." Mülhausen (Elsaß), 4. Aug. Am Tischobe-Av, Vormittags 10 Uhr fand die Beerdigung unseres langjährigen ersten Vorstehers der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde, Herrn Jsaac L a n z, statt. Da der Gottesdienst in der -Orgelsynagoge an diesem Tage immer nach 9 Uhr beendigt ist. so wurde derselbe in Folge dessen noch um eine Stunde früher abgebrochen. Wäre da der Nachmittag nicht geeigneter zu der Beerdigung gewesen? Seit einiger Zeit weilen in der hiesigen israelit. Gewerbeschule dahier zwei Waisenknaben von 13 und 16 Jahren aus K i s ch i n e w, welche zur Erlernung eines Handwerks, auf Veranlassung des Herrn Dr. Elias hierher befördert wurden. Oesterreich. Wien. (Wissenschaft und Antisemitismus.) Ueber Geheimrath Reißers Ablehnung der Berufung nach Wien erhält die Wiener „R. Fr. Pr." von autoritativer Seite folgende Mittheilung: „Die Vermuthung, daß Geheimrath Prof. Dr. Reißer eine etwaige Berufung nach Wien abgelehnt hat, weil ihn die von christlich-sozialer Seite im Stadtrath eingeleitete Agitation verstimmt habe, entspricht durchaus den Thatsachen. Reiher gilt heute als der vielseitigste und an glücklichen Beobachtungen reichste deutsche Dermatologe wenn ihm die Serumversuche, die von einigen Wiener Stadträthen so gehässig interpretirt wurden, geglückt wären — er wäre einer der größten Wohlthäter der Menschheit geworden. Daß ihm diese mit den edelsten Absichten unternommenen Versuche in der wissenschaftlichen Welt nicht geschadet haben, das beweist schon der Umstand, daß er Rufe nach Berlin und nach anderen deutschen Universitäten erhielt, daß das Wiener medizinische Profefforenkollegium ihn einstimmig und unico JöcoaB Nachfolger Hofratb Reumanns vorgeschlagen hat. Reißer nahm diese Art des Vorschlages als eine besondere Auszeichnung auf und eilte, sobald er die telegraphische Verständigung des Kollegiums erhielt, nach Wien, um hier an Ort und Stelle die Verhältnisse zu studircn und — wenn der Ruf des Unterrichtsministeriums erfolgen sollte — ja oder nein sagen zu können. Er fand in Wien die liebenswürdigste Aufnahme und eine Klinik, die gerade als Musterinstitut in jeder Beziehung zu bezeichnen ist. Er machte deßhalb auch kein Hehl daraus, daß er geneigt wäre, einer Berufung nach Wien Folge zu leisten. Es war demnach nur die Sache des Unterrichtsministeriums. den Ruf an ihn ergehen zu lassen und der Wiener dermalogischen Schule, der berühmtesten der Erde, einen neuen Lehrer und Kliniker ersten Ranges zu geben." Aber es sollte anders kommen. Eine Anzahl Christlich-Sozialer begann eine Hetze gegen eine Be-