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Der Israelit · 1903-08-06 · Heft 62 (6.8.1903) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 62 (6.8.1903)
Date
1903-08-06
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Schutze von ein paar reichen Judenhausern gebraucht, die übrigens schutzlos gelassen wurden. Und ebenso bekannt ist es, daß den hilfesuchenden Juden die Bureaus der öffentlichen Funktionäre, die Häuser des Gouverneurs und des Vizegouverneurs, auch die Lelegraphenbureaus, als sie sich telegraphisch um Hilfe nach Petersburg wenden wollten,-verschlossen waren. Alle diese Umstände, mit vielen greuelvollen Einzelheiten, hat eine Judendeputation dem Minister Plehwe vorgetragen, und ihm auch im Hinblick auf die Vorkommnisse in früheren Jahren (1882 in Kiew, 1892 in Palkow, 1899 in Nikolajew u. a.) um Untersuchung und Abhilfe gebeten. Herr von Plehwe zeigte sich . ganz erstaunt über ein solches Begehren der jüdischen Deputation. Er meinte, daß mit der Abberufung des Gouverneurs und des Polizeileiters eine mehr als genügende Satisfaktion den Juden gegeben sei; wie die Juden noch mehr verlangen können, erschien ihm ganz unbegreiflich. Nebenbei sei bemerkt, daß Dienstesenthebungen in solchen Fällen sich gar bald in Aufwärtsbeförderungen umwandeln und daß die Exempel hierfür gerade in den Ministerialbureaus des Herrn von Plehwe zu finden sind. Bei jener Audienz tauchte selbstverständlich auch die Frage nach der Grundursache jener Betvegung auf. Das russische Strafgesetz ist seit den letzten fünfzehn Jahren durch den Begriff der! „Mengenverbrechen" bereichert worden. „Mengenoerbrechen". das ist die Zusammenrottung von Leuten zu Plünderung und Gewaltthaten, Zusammenrottungen aus religiösen oder ökonomischen Beweggründen. Die ökonomische Seite fehlte aber hier vollständig. Man kann den Juden in Kischinew irgend welche materielle Beeinträchtigung, Uebervortheilung der christlichen Bevölkerung in gar keiner Weise zur Last legen. Dies ist auf das allerbestimmteste von offizieller Seite, von Seite des Bürgermeisters von Kischinew, erklärt worden. Kischinew ist eine reiche Stadt, und nicht allein einzelne Juden, sondern auch ein sehr großer Theil der christlichen Bevölkerung erfreuen sich großer Wohlhabenheit. Die Bewegung war auch nicht gegen die reichen Juden gerichtet. Gerade unter der ärmeren, der sozial niedriger stehenden Klasse der jüdischen Bevölkerung sind die Opfer zu finden. Und es kam vor, daß der reiche christliche Bürger seinen Nachbar, den armen Juden, den Räubern denunzirte. Ebenso sollte man meinen, daß es an religiösen Beweggründen fehlte. Bessarabien ist. soweit die Kenntniß seiner Geschichte zucückreicht, von verschiedenen Rassen bevölkert. Nicht allein die verschiedenen christlichen Konfessionen, auch die Juden lebten dort in Frieden. Die Juden sprechen Russisch und Rumänisch und sind vollständig assimilirt mit ihren christlichen Landesgenossen. Alles dies, was die Judendeputation vorbrachte, vermochte Minister von Plehwe nicht zu negiren. Und da meinte er denn, daß nicht allgemeine Verhältnisse als die Grundursachen jenes erschütternden Ereignisses angesehen werden können, sondern daß ein bloßer Zufall, etwa wie ein Erdbeben, da gewaltet habe, und zwar die in Dubossary aufgetauchte Beschuldigung eines „Ritualmordes", wenngleich durch gerichtliche Untersuchung die Verwandten des getödteten Kindes bereits als dessen Mörder gekennzeichnet worden waren. Andererseits wird behauptet, daß für Anfang Mai eine große Arbeiterbewegung in Sicht stand und daß deßhalb ein paar Wochen vorher diese Bewegung auf die Juden abgelenkt wurde. Thatsache ist, daß seither eine Beruhigung der Gemüther nicht eingetreten ist, und es ist auch eine Beruhigung nicht zu erwarten, wenn nicht mit aller Strenge und Unparteilichkeit und ohne Ansehen der Person die wahren Ursachen und die wahren intellektuellen Urheber eruirt werden. Durch das Gesetz vom 3. Mai 1882 sind innerhalb des Ansiedelungsrayons die Juden aus den Dörfern in die Städte gejagt worden. Dort an den Peripherien der Städte, in den Vorstädten — so auch in Kischinew — führen diese armen Juden eine arme, elende Existenz. Und dort an der Peripherie ist es nun insbesondere, wo sich dieselben Tag und Nacht nicht allein vor Exceffen, insbesondere auch vor „Winkelmord" fürchten. Es sind wenige Wochen her, daß da auf der Straße ein Schulknabe. von einer Menge attackirt, gefragt wurde, ob er ein Jude sei. Als der Knabe in seiner Angst das leugnete, wurde er aufgefordert, das Kreuz zu machen, und da er dies nicht wollte oder nicht vermochte, stach auf seine Weigerung hin einer der Angreifer dem Knaben ein Messer in den Leib. Das vorgehaltene Schulbuch verhinderte, daß der Stoß tödtlich war. Aber Vorgänge wie dieser und ähnliche, welche ungeahndet bleiben, verbreiten Furcht und Schrecken, und eS wäre kaum zu verwundern, wenn die Bemühungen des sehr opferwilligen jüdischen Hilfskomitees in Kischinew, um eine Massenauswanderung zu verhindern, erfolglos bleiben würden. Bei diesem Anlässe verdient auch Erwähnung die Thatsache, daß der Hilfsaktion von Herrn von Plehwe und seiner Regierung große Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden. So wurde von Anfang an dem Hilfskomitee in Kischinew untersagt. Aufrufe zu veröffentlichen und Sammlungen zu veranstalten. Nur Spenden, welche ihm ohne sein Verlangen oder ] Dazuthun gebracht werden, dürfe es entgegennehmen. Ueberhaupt dürfe es öffentlich nicht als Komitee austreten. Hilfskomitees, welche sich in den verschiedenen russischen Städten bilden wollten, wurden unbedingt untersagt. Den Synagogenverwaltungen von Petersburg und Moskau wurde verboten, beim Gottesdienste in Predigten zu Beisteuern oder Hilfeleistungen aufzufordern. Herr v. Plehwe gestattete den Juden in Petersburg die Abhaltung eines Gedenkgottesdienstes für die ermordeten Juden, es wurde aber ausdrücklich; untersagt, daß dieser Gottesdienst vorher angekündigt re^ir'a'

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