Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 62 (6.8.1903)
- Date
- 1903-08-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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44. Jahrgang. Die Greuelthaten von kischinew. (Dacgcstcllt nach aulhentischrm Matrriat) * Mehr als drei Monate sind seit jenen Schreckenstagen. da eine der größten, reichsten Städte des russischen Reiches eine Stätte blutiger Greuel war, verstrichen und noch immer ist über Anlaß und Ursache, über Zweck und Motive jener anarchischen Zustände, wie sie da zu Tage traten, über deren wahre Urheber und ihr unheilvolles Wirken ein dunkler Schleier gebreitet. Excesse, verübt in Folge von Aufreizungen gegen einzelne Gesellschaftsklassen, kommen in allen europäischen Kulturstaaten da und dort vor. Daß aber in einem streng polizeilich reglementirten Staate, in einer Stadt, welche der Sitz hoher Reichsbehörden — eines Gouverneurs, Vicegouverneurs — der Standort einer ansehnlichen Polizeimacht, einer bedeutenden miliiärischen Macht ist, der räuberische Mord wochenlang vorher angesagt, in Proklamationen verkündet, taktisch vorbereitet, organisirt wird und ungehindert von den öffentlichen Gewalten, anscheinend unter deren Schutz, Zwei Tage lang wüthen konnte, ist dem zivilisirten Europa immer noch ein Räthsel. Man steht da vor einem Dilemma. Kann man annehmen, daß eine Regierung in ihren obersten Repräsentanten Mord und Raub gegen eine Klasse von Unterthanen anstiftete oder eine derartige Anstiftung und deren Jnswerksetzung wohlwollend gewähren ließ? Eine solche Annahme ist gar nicht auszudenken; sie wäre zu entsetzlich! Es leben in Rußland fünf Millionen Juden, russische Unterthanen. die ihrem Vaterlande Gut und Blut steuern; und die sollten sich sagen, daß eine Staatsverwaltung da sei, die ihnen an's Leben geht, Mörderbanden gegen sie dingt oder begünstigt!? Oder sollte man annehmen, daß — was ja doch nur im Falle einer Revolution vorkommt —- der Regierungsakt im Vollbesitze aller Machtmittel moralisch die Macht aus den Händen sinkt, daß diese einer blutrünstigen Anarchie gegenüber sich ohnmächtig fühlen, daß vor zweihundert Räubern und Mördern eine präsente Militärmacht von 10,000 Mann kapituliren muß!? Eine solche Annahme würde blitzartig uns bisher unbekannte, undenkbare, öffentliche Verhältnisse und Zustände jenes Riesenreiches beleuchten. Rur eine strenge, unparteiische, ohne Ansehen der Person geübte gerichtliche Untersuchung, von welcher aber bisher nichts verlautet, vermag da Lickrt zu bringen. Die öffentliche Meinung ln Europa und Amerika verlangt dringendst nach einer solchen Aufhellung, j welche auch im wohlverstandenen Interesse Rußlands j selbst liegen würde. Auffallenderweise ist bisher—- J — nach mehr als drei Monaten — noch keine einzige ex ollieiu-Klage gegen einen Polizisten erhoben worden, obgleich die Mitwirkung der Polizei an jenen Greuelthaten notorisch feststeht. Durch Wochen vorher waren unter dem Volke Aufrufe, Druckschriften verbreitet worden, in welchen zur Ermordung und Plünderung der Juden aufgefordert wurde. Diese Aufrufe gleichwie die blutrünstig hetzerischen Artikel des „Beffarabetz" konnten der Polizei nicht unbekannt bleiben. Es ist bekannt, daß an jenen verhängnisvollen Tagen die Massen in Abtheilungen in den verschiedenen Stadttheilen vollständig organisirt, die einzelnen Haufen bewaffnet und auch mit Eisenstangen zum Aufbrechen der Häuser und Geschäftslokale versehen waren. Der nach Kischinew delegirte Polizeileiter aus Moskau, Lopuchin, äußerte nach Kenntniß der Verhältnisse: „Es ist nicht zu leugnen, daß die Sache organisirt war." Wenn einerseits die Verfassung der Aufrufe sowie der hetzerischen Artikel auf eine Mitwirkung auch aus den Kreisen der Intelligenz deutet, so gehört andererseits zu alledem Geld, viel Geld, und es sind auch die Namen reicher, christlicher Kischinewer Bürger genannt worden, welche die Mittel herbeischafften (Tromm, Stepanow u. a.) Bekannt ist, daß als Zuschauer Tausende und Tausende umherstanden, und, obgleich sie durch ihre große Zahl die leichte Möglichkeit gehabt hätten, die Greuel zu verhindern, doch nichts, gar nichts nach dieser Richtung thaten. nicht ein abmahnendes Wort hören ließen, so daß Mord, Zerstörung und Plünderung, als ob dies ganz alltägliche Dinge wären, sich vor den Augen von Taufenden von Zuschauern abspielten. Unter diesen Tausenden von Zuschauern, vereinzelt auch unter den Mördern und Räubern, befanden sich Polizisten, welche unter den Kitteln die Uniform trugen. Offiziell schritt die Polizei ein, um die Juden an der Selbstvertheidigung zu hindern, und Schaaren derselben wurden über Befehl der Polizeiorgane in die Haushöfe hineingetrieben, worauf die Hausthore geschlossen wurden. Es gab nicht einen einzigen Polizeifunktionär, der gegen die Greuel, die sich vor aller Augen abspielten, auch nur ein abmahnendes Wort gebraucht hätte, wohl aber kam es vor. daß der Polizist dem verfolgten, geängstigten Juden, der sich an ihn um Hilfe wandte, mit den Worten: „Geh fort, verdammter Jude!" von sich wies. Roch mehr als dies, Polizisten bezeichneten den Räubern die Häuser, in denen Juden ' wohnten. Es ist bekannt, daß zehntausend Mann Mi- ' litär. also eine Macht, die zwanzig- und hundertmal ausgereicht hätte, um die Ruhe herzustellen, in'Kischinew lag, daß aber die öffentliche Gewalt nur zum i! i r