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Der Israelit · 1903-07-30 · Heft 60 (30.7.1903) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 60 (30.7.1903)
Date
1903-07-30
Page
– (sequence 19)
Language
German
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BSi.0 1335 Jetzi kamen die Tage der Versammlungen und unaufhörlichen Berathungen, welche die Lage des Landes und der ihm gewährte Schatten einer momentanen Freiheit bedingten. Leute von größerem Einfluß und Ansehen verschlossen sich nicht in den Häusern.' Die Rührung war unaussprechlich, die Hoffnungen nur allzukühn, aber der geistige Aufschwung groß. Vor seiner Macht schien Alles zurücktreten zu müssen. Wir zeichneten schon ein Bild jener Tage in früheren Erzählungen, und wollen uns nicht wiederholen. Doch haben sie so verschiedene Seiten und die Leute, die Einfluß auf sie hatten, beurtheilten sie so verschiedenartig, daß wir nicht Alles in einem Bilde erschöpfen tonnten, welches sich in eine n Rahmen fassen ließe. Ihre nebchaften Pläne werden niemals ganz aufgeklärt werden, andere ewig Geheimniß und Räthsel bleiben. Heute erst kennen wir genauer die Geschichte des Jahres 1831, und die Leute, die damals an der Spitze standen. Hier sind noch geheimgehaltene Triebfedern, anscheinend, unbedeutende und nicht bekannt gewordene Urheber, tausend verwirrte Fäden, im Ganzen Unerwartetes auf jedem Schritte, jeden Augenblick ein Räthsel, die selbst die Zukunft nicht ganz auflösen wird, denn ihre undeutlichen Buchstaben verwischt jede Stunde mehr. Nur Verleumdungen und Vorurtheil deuten Alles schlecht und vermeinen, Alles zu verstehen. Kehren wir also zurück zu jenen denkwürdigen Tagen und betreten wir eines -jener Häuser, in denen sich die mit den allgemeinen Angelegenheiten beschäftigten und Einfluß auf sie ausübenden Leute am liebsten versammelten. Wie die jüdische Gesellschaft, so war auch die des Adels damals nicht aus einem Gusse. Bildung, Erziehung, Ueberzeugungen und Grundsätze schieden sie in mehrere Lager. Am stärksten aber war stets — wir sogen nicht jenes Lager, wir wollen auch nicht sagen: jene Partei, wir können es auch nennen, jener Theil der Nation, sondern nur jene Schaar von Männern, die — nicht ohne einen gewissen Instinkt — hartnäckig fcsthielt an der ganzen und unversehrten Vergangenheit. Sprechen wir offen, auf der Straße nannte man sie „U l t r a m o n t a n e r Verein,,! Wir können sie nicht so nennen, obgleich sie das Gepräge großer Anhänglichkeit an Kirche und Glauben, nicht minder aber an die Volkstradition trug. Zum Unglück nur wirkte auf diese kleine Menschenschaar, wie auf Alles bei uns, das Ausland, die Fremde und die Nachahmung ein. Nur dies gab ihr jene ultramontane Scheinförbung, die dem Volkscharakter nicht entspricht. , Dieser sich absondernde Theil des Adels zählte natürlich religiöse Toleranz durchaus nicht zu den Tugenden, welche durch die Kirche geboten sind und gestattete daher niemals, ein völliges Einvernehmen und Bedürfniß mit den Juden, oder deren Gleichberechtigung. Hier gebot der falsch aufgefaßtr Katholizismus gleichsam, sie zurückzustoßen. Die alten Erinnerungen sprachen lebhafter, als die neuen Bedürfnisse. Als aber nach der Februar-Tragödie das ganze Volk einmüthig den Israeliten die Hand reichte und sie als Bürger anerkannte, wagte auch diese Partei nicht, zu protestiren. Im Stillen nur murrte, lächelte und sträubte man sich, bei verschlossenen Thüren war man sogar empört darüber.-*--- Durch einen sonderbaren Zufall befand sich Jakob an jenem Abende, an dem es überall gedrängt voll war, in einem Kreise, welcher hauptsächlich aus vorerwähnten Elementen bestand. Fast niemand hier kannte ihn näher. Man hielt ihn vielleicht für einen Adepten. So kam es, daß er Zeuge von Unterhandlungen sein konnte, die auf einen anderen weniger verständigen Mann den übelsten Eindruck gemacht haben würde. Die Gesellschaft bestand aus einem Wirthe, der, von Krankheit geplagt, von seinem Sessel sich nicht erheben konnte, aber an Energie des Geistes, Schärfe der Auffassung und Biederkeit des Charakters die Gesunden überragte, die ihn umgaben und größtentheils vom Lande herein gekommen waren. Unter ihnen ragte durch hohe Gestalt, ausdrucksvolle Gesten und maßlose, kräftig gefärbte Rede ein ge-- wisser Herr hervor, welcher von der undeutlich, aber oft wiederholten Redensart: „Jat Boga kacham" (so wahr ich Gott liebe!) „Voakoam" genannt wurde. Dies war ein Edelmann mit stolzem Namen, ansässig auf einem kleinen Besitzthume, dem Neste eines einst überaus reichen Nachlasses seiner Vorfahren, von festen Ueberzeugungen und scharfem, schneidigem Witze. Außer ihm bildeten noch einige Grafen und Pseudografen von ziemlich altem Adel, einige Orthodoxe, junge Leute, die ihre Studien auf Jesuitenschnlen jenseits der Grenze, in Bayern und Belgien, vollendet hatten, die Gesellschaft. Die Unterhaltung drehte sich um die laufenden, Ereignisse. Der Witz spitzte sich natürlich gegen die unglücklichen Gleichberechtigten am meiften zui . „Es unterliegt lvohl keinem Zweifel," sprach Aoakoam, „daß nach einigen Jahrhunderten, wie Jemand scharfsichtig vorhersagte, die Grafen P. und Z. gleichberechtigt sein und ihre Schlösser in die Hände von R. K. und L! gelangen werden." „Das kann wohl sein," erwiderte der Wirth, der gleichfalls zu einer jener genannten Familien gehörte, „wenn wir so fortwirthschaften, wie bisher. In jedem Falle ist's unsere Schuld. Wir konnten und können noch diese R. K. und L. uns einverleiben und einziehen, und sie für uns ausbeutcn. Aber dazu haben wir weder den Muth, noch die Kraft. Die Reste unserer Vermögen verlieren wir im Hazardspiel, die Arbeit.ver-

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