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Der Israelit · 1903-07-30 · Heft 60 (30.7.1903) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
44 (1903)
Issue
Heft 60 (30.7.1903)
Date
1903-07-30
Page
– (sequence 18)
Language
German
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„Jahrhundertelang ertrugen wir ihre Verfolg gungen, Demüthigung und Verachtung. Dürfen wir dies ihnen verzeihen, vergessen? Nein! Unser Gott ist ein Gott der unversöhnlichen Gerechtigkeit! Es naht vielleicht der Augenblick der verheißenen Rache!" Zuletzt hustete er auf und schwieg. Der Alte strich sich den Bart und saß dann regungslos auf dem Sessel. Nach längerem Schweigen schüttelte er das Haupt, seufzte und sprach dann langsam und in einem Tone, als handle es sich um etwas ganz Gleichgültiges: „Rabbi Jehosua Ben Levi hatte einen Saducäer zum Nachbarn, der ihm viel zusetzte. Da er diese Qual nicht länger aushalten konnte, beschloß er, im Gebete Gott anzuflehen um Rache an dem Feinde. Einst, als er mit großer- Inbrunst gebetet, um seinen Geist zu sammeln, wollte er sich eben zu Gott wenden, daß Er ihm helfe, den Ketzer, seinen Quälgeist zu strafen. Eben wollte er damit beginnen, Rache und Zorn herauszufordern, als er sanft einschlummerte und bald in tiefen, ruhigen Schlaf versank. Nachdem er wieder erwacht, besann er sich anders. Dieser süße Schlummer, den Gott ihm sandte, war Seine Warnung. Der Gerechte darf niemals Gottes Rache gegen seine Feinde anrufen." (Talmud Berachot.) Der Alte verstumm w. Tiefes Schweigen herrschte. Herr Mann biß sich auf^die Lippen und runzelte die Stirn, wagte aber nichts zu erwiedern. „Und der Herr sprach zu Moses," sagte nach einer Pause wieder der Alte, wie zu sich selbst, „Israeliten und Heiden. Männer und Fragten, Sklaven und Freie, Alle sind gleich in meinen Augen, und jedes ihrer guten Werke wird belohnt werden." (J.alkut 20 b.) Wieder folgte Schweigen. Niemand wagte auch nur ein Wort zu sagen. „Wenn Gott Israel richtet." fuhr der Alte nach einer neuen Pause fort, „richtet Er es in der Stunde, da es mit dem heiligen Gesetze beschäftigt ist. Wenn Er aber richtet die anderen Völker, so erwählt Erdie Stunde, da sie nichts Böses thun. Gott wird richten die Völker durch die Gerechten, aber nicht durch die Lasterhaften." (Aboda Sara 3 b.) Und wieder schwieg er und seufzte, und wieder begann er nach einer Pause: „Warum bringt man am Sukosfeste 70 Opfer für 70 Völler der Erde?" Und nach kurzem Schweigen fuhr er fort: „Liebe Deinen Herrn, den Ewigen! . Darin if enthalten die Vorschrift, daß Du freundlich sein sollst gegen jedes Geschöpf Gottes. Halte Dich also fern von Sünde und Betrug nicht nur gegen Deine Brüder, sondern auch gegen die Heiden und jeden Menschen. Wer ein Dieb ist bei den Heiden, wird auch bei den Seinigen stehlen. Wer falsch schwört wider den Einen wird's auch thun wider den Andern. Wer Einen belügt, wird Alle belügen, und wer einen Heiden erschlagt, wird auch den Bruder erschlagen. Das Gesetz aber ist gegeben, 'auf daß der göttliche Namen gesegnet sei." (Jalkut 267 a.) „Ich schließe mit den Worten Pinchas. des Sohnes Eleasars: Ich schwöre es im Himmel und auf Erden, daß Israelit und Heide, Mann und Frau. Sklave oder Freier — ein Jeder gerichtet werde nach seinen Werken, und auf sie Alle kann, wie auf Deborah, der Geist Gottes kommen." (Jalkut, Sed. 9 a.) Nach diesen Worten erhob sich der Alte, verneigte sich, ohne weiter ein Wort zu sagen und schritt zur Thür. Alle schwiegen achtungsvoll. Nur Jakob eiüe ihm nach, um ihm die Hand zu küssen und kehrte mit geröthetem, strahlendem Angesichte zurück. Mann stand ärgerlich da und zuckte die Achseln, sagte aber nichts. Alle griffen nach und nach zum Hute, indem sie die Verhandlungen für beendet und die Frage für bestimmt entschieden hielten. Die am wenigsten Frommen fanden in diesen so treffend angeführten Worten ihre Ueberzeugungen bestärkt vom Ansehen des Gesetzes; sie waren froh, daß sie übereinstimmten mit den Büchern, die man allgemein für ein Werk der Finsterniß und des Fanatismus hielt. Aber in diesen, wie wohl in allen andern Büchern, findet der Brave Unterstützung und der Schlechte irgend einen dehnbaren Ausdruck zur Entschuldigung, wenn er sich vornimmt, danach zu suchen. Denn ein Wort und ein Buchstabe lassen sich als Menschenwerk immer verdrehen. Mittags, als Jakob wieder nach der Ressource kam. war schon kein Zweifel mehr, daß die Juden am Begräbnisse und an den das'Allgemeine betreffenden Angelegenheiten sich betheiligen würden. Er sah auch mit Freuden, daß im Lande, besonders-in den thätigsten Schichten, aller Widerwille gegen die Israeliten dem größten Wohlwollen gewichen war. Wie mir einem Zauberstabe wurde die Verbrüderung von Tag zu Tag eine innigere durch die gegenseitige Anerkennung ihrer moralischen Nothwendigkeit und Gerechtigkeit. Die früheren leidenschaftlichen Gegner der Juden schwiegen beschämt. Das Volk, dessen Sache sie so schlecht gedient hatten, zieh sie der Falschheit und sagte sich von aller Gemeinschaft mit ihnen los. Die eifrigsten Gegner dieser beiderseitigen Versöhnung schwiegen, obgleich sie wohl im Innern ihre Ueberzeugungen nicht änderten. Ein Tag und eine Nacht bezwangen nicht ihre Vorurtheile, besiegten sie aber doch so weit, daß sie sich ihrer selbst schämten. Die überwiegende Mehrzahl urtheilte mit treffendem Instinkte. Ihr Ausspruch war unwiderruflich. Die braven Leute mußten sich dieses Sieges freuen und Jakob fühlte sich stolz und glücklich; er war gerechtfertigt.

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