Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 60 (30.7.1903)
- Date
- 1903-07-30
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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abscheuen wir. Sie aber sind mäßig, achtsam und ausdauernd: sie werden siegen!" „Das heißt also, lieber Graf," entgegnete Boakoam, „daß wir, sollen wir uns nicht von den Juden verzehren lassen, selber Juden werden müssen! Welch' schöner Rath! Sollen wir aber untergehen, so thuen wir es so, wie wir sind. Beispiele lehrten uns,' daß wir zu materiellen Dingen, zu finanziellen Spekulationen nicht geschaffen sind. Wohin geriethen unsere Schifffahrt, unsere Gesellschaften und Vereine!" . . . „Alles das ist wohl wahr," meinte der Wirth. „Aber ist es bei uns denn schon zu solchem Verfalle gekommen, zu solch' einem organischen Defekte und solch' einer äußersten Verjudung! O nein! Ich mag dies nicht glauben. Wir werden uns aufschwingen!" „Ihr Wort in Ehren, Herr Graf!" sprach ein Landedelmann. „Aber um uns aufschwingen zu können, bedürfen wir der Führer, die unserer Achtung und unseres Vertrauens so würdig sind, wie Sie, Herr Graf!" „Zu ruhiger Arbeit könnt Ihr keinen besseren haben, als Ihr ihn habt! Das Volk bezeichnet Euch als solchen Herrn Andreas. Und mit Recht, denn er besitzt Alles, Tugend, Verstand und Charakter!" „Verzeihung, Herr Graf." unterbrach ihn Boakoam. „Herr Andreas ist ein heiliger, hochachtbarer, braver Mann. Nur zur Politik spannen Sie ihn nicht an; denn er brächte den Wagen nicht von der Stelle!" „So lassen Sie uns nicht immer an unzeitiger Politik laboriren," entgegnete der Wirth. „Die führt uns zu gar nichts und hat uns schon Niederlagen genug gebracht! Unsere Politik sei der Acker, die Wirthschaft, die Arbeit, die Wissenschaft, die Sparsamkeit und die Besserung der Sitten!" „Ja, ja!" meinte ein Anderer. „Aber was können wir dafür, daß die Jugend und die Stadt uns drängen!" „Die Jugend hat den Muth der That, und auch Ihr sollt ihn haben," sprach der Kranke. „Wollt Ihr "nicht die Revolution, so sagt es offen und rückhaltlos. Unser Verderben ist eben, daß wir auf zwei Stühlen sitzen. Wir dürfen uns nicht wundern über den blinden, ehrlichen, heroischen Eifer der Jugend, die > ihr Blut zum Opfer bringen will. Nur darüber wundere ich mich, daß wir nicht genug Eifer besitzen, um mit gleichem Muthe und gleicher Entschiedenheit auf unserem Standpunkte zu verharren! Inzwischen billigen wir aus Feigheit dies Alles, und lassen sie thun, was sie wollen!" „So laßt uns untergehen!" rief einer aus der Gesellschaft. , . „Nein, werther Herr," warf Voakoam ein. „Die Juden werden uns retten! Schließen wir mit ihnen ein Vündniß, so sind wir gerettet!" Alle singen an zu lachen. - „Das ist eine erwiesene Thatsache," fuhr ernst der Wirth fort, „daß sie mehr Verstand besitzen, als wir!" „Und ihn leider uns nicht borgen, wie ihr Geld!" „Denn vom Verstände," meinte der Andere, „würden wir ihnen keine Prozente geben können, weil es uns an Kapital fehlt!" Man lachte wieder. Boakoam rief seufzend: „Ja, ja! Wollte Gott, es wären noch die alten, guten Zeiten, da wir den Juden nicht anders kannten, denn als Pächter, dem wir jederzeit den Bart ausraufen konnten!" „Die Zeiten kehren niemals, niemals wieder!" sprach ein Anderer. „Die Welt wird immer verderbter!" „Bedenken Sie nur, meine Herren," bemerkte ein stattlicher Herr mit brünettem Teint und auffallend onentalischem Gesichtsschnitte. ..daß nach und nach Alles in jüdische Hände gelangt ist! Schon halten sie die Börse fest und beherrschen sie! Und die Börse regiert die Welt, und sogar olle Staaten, die ohne sie keine Anleihen machen können und ohne Anleihen weder Krieg noch Frieden haben. Sie regieren die öffentliche Meinung durch die Presse, deren hervorragendste Organe sie in den Händen haben. In Preußen, Belgien, in fast ganz Deutschland ist die Tagespresse vorwiegend in jüdischen Händen. In Frankreich fiihls man sogar fast in jeder Zeitung den Juden heraus. Ihre Leute sitzen in den Parlamenten, Kammern und Ministerien!" „Was Wunder!" sagte Boakoam, „verehrter Herr, Sie wissen doch, daß der alte polnische Edelmann sich niemals ohne (jüdischen) Faktor behelfen konnte und daß er ihn fast täglich mit auf seinen Wagen nahm. Europa gerieth, wie wir selbst, in Verfall, die Stauten sind — mit Erlaubniß — schofler geworden. Und daher macht Alles für — den Faktor!" „Die Freimauererei und die Demagogie haben in ihnen ihre Stützen!" rief ein. Anderer. „Na! Na! Wie Verträge sich das mit der Börse?" fragte Jemand. „Die Börse kann doch ihrer Natur nach nicht revolutionär sein!" Alles schwieg.. „Liberal sind sie. und Demokraten, aber nur bis zu einem gewissen Grade" sprach der Erste. „Liberal genug, um den Katholizismus zu untergraben, konservativ aber, wenn es sich um den Krieg handelt; denn diesen wollen sie nicht!" „Wir werden uns schon nicht mehr von ihnen losmachen," fügte Boakoam hinzu. „Wir sind ihnen längst verfallen!" „Niemand geht anders unter, als durch eigene Schuld!" wiederholte der Wirth. (Fortsetzung folgt.)