Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 44 (1903)
- Issue
- Heft 60 (30.7.1903)
- Date
- 1903-07-30
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449890-2449946--58752-2523185- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
\rjm y Q H^jy^ 30. Juli 1903.] lRr. 34. SSXQSSrD. MWW^ Zeitgemälde von X X Kraszewski in autorisirter Uebertragung. Zeitgemälde von I. X Kraszewski in autorisirter Uebertragung. 871 „Damit bin ich ganz einverstanden!" sagte Jakob voll Eifer. „Mag das Ganze durch die Mehrheit gerettet werden, aber nicht für stch allein, sondern indem ste die Pflichten der Macht, der Rettung und des Trostes auch für diejenigen übernimmt, welche leiden werden. Nur zu diesem Zwecke darf ste stch retten!" „Davon später!" entgegnete Mann, indem er kalt die Hand schwenkte. „Das Vegräbniß," meinte Varthold, „wird ohne Zweifel eine riesige, europäische Manifestation des auferstehenden Polen. Sollen wir gleichgültige Zuschauer desselben bleiben? Sollen wir in diesem Aufzuge nicht den uns gebührenden Platz einnehmen? Sollen wir uns zurückhalten?" , „Was geht uns denn dies Vegräbniß an?" fragte Mann. „Von den Unsrigen ist doch Niemand gefallen?! Was sollen wir da?" „Das ist aber doch nicht ein bloses Vegräbniß, sondern eine politische Manifestation! Bei diesen Särgen steht das Volk und ruft zur Rache gegen die Mörder auf — und wir ..." «Wir können uns dies von Weitem ansehen!" erwiderte Mann hartnäckig. „Zudem, Herr Jakob. Ihr, die Ihr immer so eifrig von einem Bündnisse mit den Christen sprecht, und dennoch ein so rechtgläubiger Israelit seid, wie könnt Ihr, wenn Ihr unsere Vorschriften kennt, hinter diesen Leichen hergehen?! Das ist doch offenbar gegen unser Gesetz! Sie wissen doch, daß unser Kohen (als Priester) verpflichtet ist, sich von jeder Leiche fern zu halten, geschweige denn von denen, die nicht seines Glaubens und Stammes sind!" „Wir werden ja sehen, was die Geistlichen sagen!" entgegnete Mann. Gerade in diesem Augenblicke wurde die Thüre geöffnet und ein würdiger, schon ergrauter Mann in altpolnischer jüdischer Tracht trat in das Zimmer. Alle begrüßten ihn achtungsvoll. Denn er war Rabbiner, und außerdem schätzte man ihn wegen seiner Klugheit, seiner hohen Geistesgaben und seines biederen Charakters. Sein Antlitz trug jenen Frieden redlicher Herzen, der sich durch irdische Sorgen nicht beirren läßt. Mann bemühte sich, ihn so zuvorkommend, wie möglich, aufzunehmen und begann, vielleicht um seine Meinung ihm als die Ueberzeugung der Mehrheit aufzudrängen, eifrig gegen die Theilnahme am Begräbnisse zu sprechen. Der Alte setzte sich, hörte ihn still und geduldig an, strich sich den Bart und verrieth auch nicht durch das geringste Zeichen, welchen - Eindruck es auf ihn mache. Alle wandten sich ihm zu und warteten. Jakob wagte nicht, das Wort zu ergreifen, wie sehr er es auch wünschte, war jedoch fest entschlossen, seine Ueberzeugung zu vertheidigen, wenn es noth thun sollte. Manu schöpfte Muth, als ihm nicht widersprochen wurde. Er wurde immer heftiger, suchte zu überzeugen, indem er sich auf die Traditionen berief und endete mit folgendem Aufschrei: